Warum sexuelle Lust inklusiver gedacht werden muss

Sexuelle Bedürfnisse und Lust kommen in den unterschiedlichsten Formen daher, so individuell wie jede*r von uns. Wir werfen einen Blick hinter Tabus, klären auf und lassen Raum, um sich selbst besser kennenzulernen.

Frau liegt auf Mann

Wann hattest du das letzte Mal richtig guten Sex? Und wie hat der ausgesehen? Was würdest du dir für das nächste Mal wünschen? Würden wir 10.000 Leser*innen fragen, würden wir vermutlich 10.000 unterschiedliche Antworten bekommen – denn so unterschiedlich wir sind, so unterschiedlich sind unsere Bedürfnisse und Vorlieben. Das ist in der Theorie eigentlich logisch, in der Praxis aber oft gar nicht so einfach zu verstehen. Denn viele von uns denken bei dem Wort Sex vor allem an Penetration zwischen Mann und Frau. Dabei kann und ist guter Sex so viel mehr. Durch besagte enge Definition bleiben Gruppen wie queere Personen, Menschen mit Behinderungen oder häufig Frauen auf der Strecke.

Erschwerter Zugang

Genau dieser Gruppen nahm sich die 25-jährige Véronique Rebetez an und startete während ihres Studiums ein Projekt, um den Sexspielzeugmarkt zu revolutionieren. Denn sie erkannte bei den angebotenen Produkten einen Fehler: Der Großteil davon ist auf die Genitalien ausgelegt. Was ist aber mit Menschen, die etwa durch eine Querschnittslähmung in dieser Körperhälfte nichts fühlen? Ist Sex für die kein Thema mehr?

Die junge Frau machte sich daran, dies zu ändern und entwickelte mit Gosio ein Sextoy-Set, das auch für Menschen mit Querschnittslähmung funktioniert: "Es beschäftigt mich schon lange, dass viele Menschen aus unterschiedlichen Gründen einen erschwerten Zugang zu Sexualität haben. Die Produkte entwickelte ich im Austausch mit der potenziellen Zielgruppe; das war mir wichtig. Ich bin nicht querschnittsgelähmt, ich habe auch niemanden in meinem Umfeld, also ist es umso wichtiger, dass die Zielgruppe im Fokus steht."

Begegnungen

Neues entdeckt auch Sexualbegleiterin Lialin mit ihren Klient*innen und erlebt mit diesen häufig deren erste sexuelle Erfahrungen. Sie arbeitet mit Menschen mit Behinderungen oder mit altersbedingten Einschränkungen und bietet eine gemeinsame Erkundung der Sexualität an.

Ausgenommen ist dabei Geschlechtsverkehr und Oralkontakt: "Der Unterschied zwischen der Arbeit, die ich mache, und klassischer Sexarbeit ist, dass nicht für eine bestimmte Handlung bezahlt wird, sondern für eine Zeit. Wir sprechen darüber, was der Kunde sich wünscht und was möglich ist. Es kann sein, dass diese Person gerne mal eine nackte Frau sehen würde, gestreichelt oder geküsst werden möchte, oder ich auch Tipps und Techniken zeige, wie sich diese Person selbst befriedigen kann." Für sie ist es wichtig, dass die Personen sich wohlfühlen. Gerade bei Menschen, die Schwierigkeiten haben, ihre Bedürfnisse verbal zu formulieren, achtet sie stark auf Körpersprache und nonverbale Zeichen ihrer Kund*innen.

Lebenslanges Lernen

Aber was ist eigentlich normal beim Sex? Und was kann Sex alles sein? Warum verbinden wir mit Sex so oft nur bestimmte Praktiken? Damit man erkennt, was alles Intimität und Erotik sein kann, muss man sich auch als Erwachsene*r weiterbilden und erweitern, was man durch Pornos, Filme, Serien und den Schulunterricht gelernt hat. Davon ist Sexualpädagogin Magdalena Heinzl überzeugt. Sie hat sich vor allem der Aufklärung von Erwachsenen verschrieben – das macht sie in ihrem Pod­cast Sexologisch, auf dem gleichnamigen Instagram-Account oder in Einzel- oder Gruppenstunden. "Gerade wenn es um Sexualität geht, gibt es extrem viele Wissenslücken, aber auch toxische Glaubenssätze, zum Beispiel, dass Schmerzen beim Sex normal sind oder man immer Lust haben sollte. Viel davon setzt Menschen nur unter Druck", so die Expertin.

Sie ruft dazu auf, entspannter mit dem Thema Sex umzugehen und zu lernen, wie man seine sexuellen Bedürfnisse kommuniziert: "Es gibt viele Gründe, Sex zu haben. Manchmal möchte man nur Stress und Druck abbauen, manchmal will man sich nahe sein, manchmal möchte man das Gefühl genießen und sich selbst wahrnehmen. All das macht einen Unterschied, wie Sex aussieht, und all diese Gründe sind in Ordnung. Sex darf sehr divers und unterschiedlich sein."

 

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