Warum Sexismus kein "Tanz der Geschlechter" ist

In Frankreich ist gerade etwas sehr Kluges passiert: Sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum ist eine Straftat. Nachpfeifen, sexistische Bemerkungen, penetrantes Angaffen - wer sich auf der Straße benimmt wie die Karikatur eines prähistorischen Alphamännchens, muss ab jetzt bis zu 90 Euro zahlen.

„Was wird aus dem Flirt?“, rufen nun die besorgten VerteidigerInnen des 'Spiels zwischen Mann und Frau' verzweifelt. „Früher war das alles ganz normal! Wir haben das auch überlebt!" Dazu eine kleine Geschichte.

Seit Kurzem gehe ich Stand-Up-Paddeln, meist auf der Alten Donau. Es entspannt mich, weil das Wasser so an sich hat. Ich bin nicht die Einzige. Die WienerInnen lieben ihre Alte Donau! Sie schwimmen und paddeln, sie segeln auf Segelbooten, treten in Tretbooten oder fahren in Elektrobooten in allerlei Formen und Farben übers Wasser. Es sind Familien und Paare, kleine bis große Freundeskreise und immer wieder Männer. Männer in ausgeborgten Elektrobooten. Meist sind sie jung, meist ein bisschen betrunken, immer in Gruppen. Und wir begegnen uns.

Ich weiß eh, was dann passiert. Ich schau also stur gerade aus, konzentriert auf Balance und Paddelzüge. Ich ziehe gelassen an ihnen vorbei. Und jedes Mal starren betrunkene Männer in ausgeborgten Elektrobooten meinen Körper an. Glotzen mir penetrant auf Brüste und Arsch. Mal lachen sie, mal pfeifen sie, mal rufen sie. „Ooooh, hallo! Mhmmm! Uuuh!“ Oft trauen sie sich erst, wenn ich schon zehn Meter an ihnen vorbei bin. Aber sie tun es immer.

Wenn der Flirt wirklich stirbt, dann erstickt er an sexistischen Kommentaren

Ist das etwa ein 'Spiel der Geschlechter'? Ein 'Tanz zwischen Mann und Frau'? Ich tanze hier nicht. Ich spiele nicht. Ich bin hier, um mich zu entspannen. Auch die Männergruppen in ausgeborgten Elektrobooten tanzen nicht. Sie suhlen sich einfach in ihrer pseudomännlichen Dominanz. Sehen es als heiliges Recht des testosterongesteuerten Penisträgers, mich zu kommentieren. Meinen Körper zum Objekt zu degradieren. Ich bin in diesem Szenario keine begehrenswerte Frau, die sie gerne kennenlernen würden. Ich bin einfach nur eine Fremde mit Brüsten. Das reicht.

Darf ich nicht hier sein? Habe ich nicht das gleiche Recht auf die Alte Donau wie betrunkene Männer in ausgeborgten Elektrobooten? Das Recht, einfach nur zu sein? Brüste hin, Arsch her? Muss ich für dieses entbehrliche Reviermarkieren auch noch dankbar lächeln?

Nein. Das ist kein Flirt. Kein Kompliment. Kein verspielter Tanz. Es ist Dominanzverhalten, das Frauen auf ihren Platz verweisen soll. Es ist Sexismus. Es ist sexuelle Belästigung. Sie tut mir, in diesen Fällen, nicht körperlich weh. Aber sie verwehrt mir meinen gleichberechtigten Platz im öffentlichen Raum. Mit mir kann man es ja machen, ich bin nur eine Frau. Ich soll mich freuen, wenn man mich als das anerkennt, was als meine gesellschaftliche Aufgabe gilt: eine jederzeit verfügbare Befriedigung männlicher Bedürfnisse. Das "war immer schon so" und wir haben es ja bis jetzt überlebt. An dieser Stelle bitte mit den Augen rollen.

Gerade für diese kurzsichtigen Gegenargumente ist so wichtig, was in Frankreich gerade passiert. Das neue Gesetz soll Frauen vor sexueller Belästigung schützen. Vor allem ist es aber ein Zeichen: Was nicht mehr geht, obwohl es immer schon so war. Der öffentliche Raum gehört Frauen immerhin genauso wie Männern. Sexismus hat hier keinen Platz.

Sexuelle Belästigung: Die rechtliche Situation in Österreich

Laut Paragraph 218 im Strafgesetzbuch droht eine Strafe, wenn jemand "eine andere Person durch eine intensive Berührung einer der Geschlechtssphäre zuzuordnenden Körperstelle in ihrer Würde verletzt" oder "eine Person durch eine geschlechtliche Handlung an ihr oder vor ihr unter Umständen, unter denen dies geeignet ist, berechtigtes Ärgernis zu erregen, belästigt". In beiden Fällen können bis zu sechs Monate Freiheitsstrafe verhängt werden – und in beiden Fällen ist die Ermächtigung durch das Opfer nötig.

Der Paragraph wurde mit Anfang 2016 unter der damaligen Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) und dem damaligen Justizminister Wolfgang Brandstätter (ÖVP) um den ersten Absatz erweitert, weil RichterInnen unerwünschte Berührungen am Hinterteil nicht als sexuelle Belästigung ansahen. In Folge des so genannten "Pograpsch"-Paragraphen verdoppelte sich die Zahl der Anzeigen nach Paragraph 218 in den Folgejahren beinahe.

Explizite Gesetze gegen Belästigungen im öffentlichen Raum, wie sie neben Frankreich auch in Belgien, Argentinien, Kanada, Neuseeland und einigen US-Bundesstaaten existieren, gibt es in Österreich nicht.

 

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