Warum Sexarbeit nicht verboten werden sollte

Soll Sexarbeit kriminalisiert werden? Wir haben nachgefragt.

Sexarbeit aus der Illegalität holen: diese Forderung hat die Menschenrechtsorganisation Amnesty International voriges Jahr in einer Resolution verabschiedet. Damit will die NGO eine Versachlichung der Debatte erreichen und dagegen ankämpfen, dass Sexarbeiterinnen in den Untergrund gedrängt werden, wo sie Menschenrechtsverletzungen stärker ausgesetzt sind.

Ein Prostitutionsverbot bestrafe die Sexarbeiterinnen, meinen daher die einen. Als Rückschritt und fatalen Fehler von Amnesty sehen es jedoch andere. Die deutsche Zeitschrift EMMA titelte damals gar mit „Amnesty will Zuhälter schützen!“ und schrieb vom „unrühmlichen Ende einer Menschenrechtsorganisation“. Prominente Gegnerinnen der Amnesty-Resolution sind auch Lena Dunham, Kate Winslet und Emily Blunt.

Brigitte Hofmann von der Initiative „Stopp Sexkauf“ ist überzeugt: „Wer zahlt, schafft an. Männern steht es nicht zu, sich Sex von Frauen zu kaufen. Eine Entkriminalisierung ermächtigt nur einige wenige Frauen, legalisiert aber ganz viele Männer, die viel Profit damit machen und schreibt das Ungleichverhältnis zwischen Frauen und Männern einer Gesellschaft fort.“

Kriminalisierung schadet Sexarbeiterinnen


Internationale Beispiele würden aber zeigen, dass Kriminalisierung den Markt nicht verändert, wie Soziologin Helga Amesberger meint: „Die Anzahl von SexarbeiterInnen und Bordellen bleibt im Wesentlichen gleich – egal ob ich nun den Sexmarkt vollkommen legalisiere wie in Neuseeland, ihn stark reguliere wie z.B. in Österreich oder ob ich lediglich den Kauf sexueller Dienstleistungen bestrafe wie zB. in Schweden oder Prostitution überhaupt verbiete wie in den USA etc.“

Prostitutionspolitik wirke sich nur auf die Größe des legalen und illegalen Bereichs aus, was wiederum die Arbeitsbedingungen beeinflusst: „In Österreich mit seinen neun verschiedenen Prostitutionsgesetzen ist die Ausübung von sexuellen Dienstleistungen nahezu ausschließlich in genehmigten Bordellbetrieben möglich. Damit können die BordellbetreiberInnen die Arbeitsbedingungen zu ihren Gunsten stark beeinflussen – ob bei Preisgestaltung, Kleidungsvorschriften, der Art der sexuellen Dienstleistungen, Anwesenheitspflichten, und vielem mehr“, weiß die Expertin.

Arbeitsbedingungen insgesamt verbessern


Hannah-Isabella Gasser, Gründerin des Wiener Vereins „footprint“ für Betroffene von Frauenhandel, sagt: „Personen, die in der Sexarbeit tätig sind, sollten die gleichen Rechte wie alle anderen Selbständigen oder auch Angestellten haben. Sollten ausreichend versichert sein, ihren verdienten Lohn einklagen können und insgesamt mehr Sicherheit bekommen.“ Es müssten statt einer Kriminalisierung wirtschaftliche und gesellschaftliche Voraussetzungen dafür geschaffen werden, damit niemand gezwungen ist, in der Sexarbeit tätig zu sein, fordert auch Amnesty International.

Protestplakat gegen Amnesty International: "Schützt den männlichen Orgasmus"

Das sieht auch die Strafrechts-Expertin Katharina Beclin von der Universität Wien so: „Hier könnte nur ein bedingungsloses Grundeinkommen Abhilfe schaffen, aber natürlich auch nur für die Anspruchsberechtigten.“ Denn die Situation in Österreich ist vor allem für Migrantinnen schwierig. So dürfen etwa Asylwerberinnen nur eingeschränkt arbeiten, doch sie können als sogenannte „Neue Selbständige“ einige Berufe, die keinen Gewerbeschein benötigen, ausüben. Darunter fallen etwa Journalistinnen, Künstlerinnen und auch Sexarbeiterinnen. „Sexarbeit ist ein Eintrittstor in den österreichischen Arbeitsmarkt für MigrantInnen und wird daher solange attraktiv bleiben, solange es für Migrantinnen nicht bessere und besser bezahlte Arbeitsmöglichkeiten gibt“, sagt auch Soziologin Amesberger.

Norwegen: Beschimpfungen und Stigmas


Helga Amesberger kam in einer Studie über Sexarbeit in Österreich zu dem Ergebnis, dass ein Prostitutionsverbot oder eine Freierbestrafung dazu führen, dass die Betroffenen schwieriger aus Zwangsverhältnissen hinauskommen, da sich die Kunden nicht mehr trauen würden zur Polizei zu gehen. „Die Illegalisierung von Sexarbeit erhöht nicht nur die Abhängigkeit von Dritten und hat damit negative Auswirkungen für die SexarbeiterInnen, sondern erschwert auch die Arbeit der Polizei. Frauenhandel zur sexuellen Ausbeutung wäre damit noch schwieriger zu verfolgen“, sagt sie.

Genau das erlebten Amnesty-Vertreter, als sie Norwegen besuchten, wo Sexkauf verboten ist. Dort erzählte eine Frau, dass sie einen Angriff nicht der Polizei meldete – aus Angst vor den Folgen für ihre Familie. Sie fühlte sich stark stigmatisiert: „Wenn sie dich auf der Straße sehen, beschimpfen sie dich“, erzählte die Frau. Eine andere Sexarbeiterin wünschte sich: „Ich hoffe, dass wir einmal wie Menschen respektiert werden.“

Der Internationale Hurentag, in englischsprachigen Ländern International Sex Workers’ Day genannt, ist ein inoffizieller Gedenktag, der an die Diskriminierung von Prostituierten und deren oftmals ausbeuterischen Lebens- und Arbeitsbedingungen erinnert. Ausgangspunkt des Internationalen Hurentags als Gedenktag war der 2. Juni 1975, an dem mehr als 100 Prostituierte die Kirche Saint-Nizier in Lyon besetzten, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen.

Die Selbstorganisation und Plattform sexworker.at, die Vereine LEFÖ (Wien), maiz (Linz), SXA-Info (Graz), PiA (Salzburg) und iBUS (Innsbruck) fordern ein Ende der gesellschaftlichen Doppelmoral, der Diskriminierung von SexarbeiteInnen und damit einhergehend ein kritisches Hinterfragen aktuell hegemonialer Diskurse über Sexarbeit und SexarbeiterInnen.


Soll Sexarbeit verboten werden? Wir haben nachgefragt:


Brigitte Hofmann, Initiative „Stopp Sexkauf“: „Wer zahlt, schafft an“

Sexarbeit ist nicht gleich Prostitution. Wir sprechen lieber über Prostitution oder über ,Frauen und Männer in der Prostitution'. Ein Arbeits- und Gewerberecht alleine ermächtigt die Frauen nicht. Beispiele aus Ländern, die liberalisiert haben, zeigen, dass wenige tatsächlich von ihren Rechten Gebrauch gemacht haben. Das heißt, eine Liberalisierung hilft nicht den Frauen, die als Prostituierte tätig sind. Es ist sehr ignorant, von Empowerment und Recht auf Selbstbestimmung einiger Weniger zu reden, wenn dabei alle anderen Aspekte ausgeblendet werden. Die Nachfrage der Sexkäufer, bleibt davon unangetastet und unsichtbar, aber „wer zahlt, schafft an“. Männern steht es nicht zu, sich Sex von Frauen zu kaufen. Der Lerneffekt einer Liberalisierung ist leider jener, dass Prostitution „normal“ wird und kein Problem darstellt. Für die Frauen herrscht auch ein enormer Preisdruck am „Markt“. Prostitution ist keine „Arbeit wie jede andere“. Eine Entkriminalisierung ermächtigt nur einige wenige Frauen, legalisiert aber ganz viele Männer, die viel Profit damit machen und schreibt das Ungleichverhältnis zwischen Frauen und Männern einer Gesellschaft fort.

Helga Amesberger, Soziologin und Autorin der Studie „Sexarbeit in Österreich“: „Entkriminalisierung führt zu Verbesserungen“

Eine Entkriminalisierung von Sexarbeit ist unbedingt zu befürworten. Egal ob „lediglich“ der Kauf von sexuellen Dienstleistungen oder auch deren Verkauf kriminalisiert wird, beides führt zur einer Vergrößerung des illegalen Bereiches, damit zu einer Vergrößerung des Dunkelfeldes. Wie Studien aus Schweden zeigen, hat das Sexkaufverbot zu einem Anstieg von Gewalt und einem Ansteigen der Stigmatisierung von SexarbeiterInnen geführt. SexarbeiterInnen sind vermehrt Erpressungen ausgesetzt, ihnen werden aufgrund ihrer Tätigkeit das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen, Wohnungen aufgekündigt und vieles andere mehr. Wie das Beispiel Neuseeland zeigt, hat die Entkriminalisierung zu einer deutlichen Verbesserung des Verhältnisses von SexarbeiterInnen und Polizei geführt. Die Anzeige- und Aussagebereitschaft der SexarbeiterInnen ist deutlich gestiegen. Die Entkriminalisierung und die Anerkennung von Sexarbeit als Erwerbstätigkeit (inkl. von Arbeitsrechten) würde auch zu einer Entstigmatisierung von Sexarbeit und zu einem Umdenken auf gesellschaftlicher Ebene beitragen.

Katharina Beclin, Institut für Strafrecht und Kriminologie: „Kriminalisierung verdrängt ins Dunkelfeld“

Jede Form von Kriminalisierung schadet in erster Linie den SexarbeiterInnen. Kriminalisierung verdrängt - auch wenn sie auf die Freier beschränkt ist - zwangsläufig die gesamte Sexarbeit ins Dunkelfeld, sodass eine staatliche Kontrolle praktisch unmöglich wird. Das Beispiel Schweden zeigt: Die Prostituierten wenden sich auch im Falle von Übergriffen seltener an die Polizei, und die Chance, dass Freier einen Verdacht auf Menschenhandel melden, ist durch ihre Kriminaliserung in Schweden natürlich auch deutlich reduziert. Will man Ausbeutung oder gar Gewaltkriminaität in diesem Bereich verhindern, ist es notwendig, die Diskriminierung dieses Arbeitsbereiches zu beenden und den SexarbeiterInnen einklagbare (ArbeitnehmerInnen-) Rechte zuzugestehen, die sie gegenüber Bordellbetreibern oder Zuhältern durchsetzen können. Eine Kriminalisierung fördert dagegen die Abhängigkeit der SexarbeiterInnen von "Vermittlern" und erhöht somit deren "Gewinnspanne", weil sie die Möglichkeiten der Geschäftsanbahnung durch die SexarbeiterInnen deutlich einschränkt. Dies führt auch dazu, dass diese seltener Kunden abweisen (können), auch wenn sie bei einzelnen kein gutes Gefühl haben, sprich Übergriffe befürchten.

Hannah-Isabella Gasser, Gründerin des Vereins „footprint“ für Betroffene von Frauenhandel: „Zu kriminalisieren, ist nicht der richtige Weg“

Personen, die in der Sexarbeit tätig sind, sollten die gleich Rechte wie alle anderen Selbstständigen oder auch Angestellten haben. Sollten ausreichend versichert sein und ihren verdienten Lohn einklagen können. Die Sexarbeit generell zu kriminalisieren, halte ich nicht für den richtigen Weg. In Bezug auf Frauenhandel auf gesetzlicher Ebene muss sich vor allem ändern, dass die Betroffenen im Fokus stehen und nicht die Suche nach den TäterInnen (FädenzieherInnen). Unsere gesetzliche Lage spielt den MenschenhändlerInnen eher in die Arme, denn sehr ,,verlockend“ ist es für eine Betroffene nicht, gegen ihr TäterInnen auszusagen und sich dabei selbst noch in Gefahr zu bringen.

Birgit Hebein, Sozialsprecherin der Grünen: „Entkriminalisierung ist der Schlüssel zur Anerkennung von Rechten von Sexarbeiterinnen“

Bis zum Tag, wo in einer gerechten Gesellschaft Frauen wirklich gleichberechtigt sind, müssen wir Sexarbeit als Realität akzeptieren. Verbote führen nur zu Kriminalisierung, Gewalt und Illegalität auf Kosten der Frauen. Entkriminalisierung ist der Schlüssel zur Anerkennung von Rechten von Sexarbeiterinnen. Sexarbeiter_innen sind Mütter und Töchter, sie sind Kollegen und Nachbarn, sind Migrant_innen, Studierende, Alleinerziehende und Unternehmerinnen. Statt Solidarisierung und Anerkennung begegnet ihnen vielfach Marginalisierung und eine Ausgrenzung, die sie an den Rand der Gesellschaft drängt. Es braucht hier ein grundlegendes Umdenken: SexarbeiterInnen sind die ExpertInnen, wenn es um ihre eigene Situation geht. Nur mit ihnen gemeinsam können Lösungen gelingen. Vor dem größeren Zusammenhang der Beziehung zwischen den Geschlechtern und auch der wirtschaftlichen Lage können wir dabei nicht die Augen verschließen.

Renate Blum, LEFÖ – Beratung, Bildung und Begleitung für Migrantinnen: „Sicherheit und Schutz der Sexarbeiterinnen an oberster Stelle“

Die inhaltliche und strukturelle Verknüpfung von Sexarbeit mit Kriminalität unterstützt die staatlich institutionalisierte Doppelmoral. Dies zeigt sich unter anderem auch in der verpflichtenden Kontrolluntersuchung in der Registrierung bei der Polizei (in Wien) oder auch durch ständige Kontrollen durch polizeiliche Organe. Sexarbeiter_innen und deren Umfeld sind einem Generalverdacht ausgesetzt, der sich – innerhalb der aktuell gegebenen gesellschaftspolitischen Strukturen - gar nicht abschaffen lässt. Die Kriminalisierung der Sexarbeit fördert gesellschaftliche Abwertung, Diskriminierung und Stigmatisierung von und Gewalt gegen SexarbeiterInnen. Selbstbestimmung und Autonomie muss jedem Menschen, somit auch SexarbeiterInnen, zugesprochen werden. Sie sollen in politische Entscheidungsprozesse miteingebunden werden. Ein selbstbestimmtes und sicheres Arbeiten im Bereich der Sexarbeit muss ermöglicht werden und Sexarbeiter_innen sollen mit dem gleichem Respekt und der Anerkennung behandelt werden wie andere ArbeitnehmerInnen auch; Sicherheit und Schutz der SexarbeiterInnen muss an oberster Stelle stehen.

Tina Leisch, Regisseurin und Aktivistin: „Es ist ein menschenrechtlicher Skandal, Sexarbeit zu verbieten“

Alle Untersuchungen zeigen, dass die verschiedenen Modelle von Illegalisierung (totale Kriminalisierung, Sexkaufverbot, Freierverfolgung) das Gegenteil bewirken: Sie drängen Sexarbeit in die Grauzone mafiöser Strukturen, sie machen den Zugang von Behörden und NGOs zu SexarbeiterInnen schwieriger oder verunmöglichen ihn, sie machen die Arbeitsbedingungen prekärer, sie begünstigen ausbeuterische Strukturen. Es wird erheblich schwieriger, Opfern von Menschenhandel zu helfen und Zugang zu SexarbeiterInnen zu haben um sie beraten, betreuen, beschützen zu können, wenn sie ihren Beruf illegal, also versteckt ausüben müssen. Darüber hinaus ist es ein menschenrechtlicher Skandal, dass einvernehmliche Vereinbarungen zwischen erwachsenen Menschen über sexuelle Dienstleistungen kriminalisiert werden. Das ist ein infamer Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Menschen über ihr Leben und ihre Körper. Politiken, die SexarbeiterInnen in ihrer Selbstbestimmung stärken und sie weniger verletzbar machen, müssen ihre Rechte stärken: Das Recht, den Beruf selbstbestimmt auszuüben, das Recht das Entgelt einzufordern, das Recht, sich gegen Übergriffe von Kunden, Betreibern, Behörden zu wehren.

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