Warum Schule nicht immer Spaß machen muss

Hochsaison für Prüfungen! Matura, Note retten ... der Schulwahnsinn geht ins Finale. Immer mit dabei: Diskussionen über das System Schule und ob Lernen nicht einfach immer Spaß machen sollte. Und auch wenn wir das vielleicht nicht hören wollen: Sollte es nicht, sagt ein Bildungsexperte.

Lernen soll Spaß machen. Hört man grade in Zeiten, wo viele Prüfungen anstehen, oft. Ist aber gar nicht so, findet jedenfalls Bildungsexperte Matthias Burchardt und erklärt im Interview, wieso:

WIENERIN: Herr Dr. Burchardt, Spaß und Lernen – geht das gut zusammen?

Matthias Burchardt: Aus meiner Sicht überhaupt nicht. Ich sehe das wirklich sehr kritisch, weil ich die Anforderung, dass in der Schule alles Spaß machen soll, übertrieben finde. Ich denke, es gibt Orte, an denen man Spaß haben kann, und die Schule ist einer, den ich eher mit dem Arbeiten vergleichen würde.

Aber es ist doch verständlich, dass sich Eltern wünschen, dass es ihren Kindern in der Schule gut geht, dass da etwas Freudvolles passiert?

Freudvoll kann es auch gerne sein! Humor soll Platz haben, etwa in den Beziehungen zwischen LehrerInnen und SchülerInnen. Aber in dem Moment, wo Bespaßung im Unterricht in den Vordergrund tritt, tritt das ­Lernen in den Hintergrund. Vokabeln etwa kommen ja nicht durch Spaß in den Kopf, sondern durch Übung und Wiederholung. Und am Ende steht dann die Freude, etwas gelernt zu haben. Kleine Kinder üben oft mit einer großen Ernsthaftigkeit und Ausdauer Dinge immer und immer wieder – da liegt dann die Belohnung nicht darin, dabei Spaß zu haben, sondern darin, sich zu entwickeln; in der Freude, danach etwas zu können, was man vorher nicht konnte; danach stärker zu sein!

Sie haben in einem anderen Interview einmal von „Leistungsplacebos“ gesprochen – was genau meinen Sie damit?

Ich verstehe Leistung als Bewährung: An einer Herausforderung zu wachsen, das ist wunderbar und wichtig. Wenn man aber im Sinne der Erleichterungs- und Kuschelpädagogik, von der man jetzt auch spricht, immer nur Scheinherausforderungen anbietet und jede Kleinigkeit bejubelt, dann haben Kinder das Gefühl, etwas zu machen und zu leisten – aber es macht sie nicht stärker. Und stellen Sie sich vor, jemand hat im Matheunterricht nur „Leistungsplacebos“ bekommen und soll dann eine Brücke konstruieren – über die möchte ich nicht fahren.

Aber gerade Schulen, in denen mit lustigen Methoden gearbeitet wird, oder LehrerInnen, die wenig Frontalunterricht machen, scheinen beliebt zu sein …

Ja, leider. Bei diesem Methodenzirkus wird im Moment unheimlich viel inszeniert – auf Kosten der inhaltlichen Substanz. Zu viel offener Unterricht kann Kinder total überfordern, weil sie sich dann ihr Lernen auch noch selber organisieren müssen. Ich verstehe auch nicht, warum Wissensvermittlung inzwischen so verpönt ist. Es ist doch gut, wenn Menschen etwas wissen – dann werden sie nämlich mündig und urteilsfähig. Und zu den Lehrerinnen und Lehrern: Wenn die Begeisterungsfähig­keit ausstrahlen, das ist schon gut (lacht). Und für sie ist es auch leichter, zu sagen: „Macht, was ihr wollt, dann bin ich beliebt.“ Wenn sie ihre Klasse aber nur bespaßen, dann nehmen sie meiner Meinung nach ihre pädagogische Verantwortung nicht wahr. Und Eltern haben zu Hause ganz viel zu tun, um inhaltliche Defizite mit ihren Kindern wieder auszugleichen. Das geht in eine bedenkliche Richtung …

Was würde es aus Ihrer Sicht brauchen, damit Schule ein angenehmer Ort ist und gleichzeitig Kinder und Jugendliche richtig fit fürs Leben macht?

Ich glaube, einerseits ist es gut, wenn Schülerinnen und Schüler auch mal zurückgemeldet bekommen: Da boxen mich meine Eltern nicht durch, da muss ich mich mal auf meinen Hintern setzen und was tun. Dann wär’s toll, wenn Lehrerinnen und Lehrer mehr Rücken­deckung aus der Politik bekämen und mehr Anerkennung in der Öffentlichkeit. Und außerdem würde ich es befürworten, wenn Schulen nicht miteinander im Wettbewerb um die Kinder stünden – denn sie konkurrieren dann in solchen Oberflächlichkeiten wie Tablet-Klassen oder Spaßmethoden. Der Spaß, der darf schon auch da sein – aber am besten in den Pausen, und indem man mit Lehrerinnen und Lehrern ein bissl Schmäh führt.

 

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