Warum schauen wir so gerne emotional belastende Serien wie Euphoria?

Viele von uns lieben es, aufwühlende, emotionsgeladene Serien zu bingen – und das in Zeiten, in denen das Leben schon belastend genug ist, könnte man meinen. Warum?

Warum schauen wir so gerne emotional belastende Serien wie Euphoria?

Serien wie Euphoria oder Yellowjackets (beides bei uns auf Sky zu sehen) zählen zu den erfolgreichsten Produktionen der letzten Jahre. Sie beinhalten Themen wie Gewalt, Trauma, Drogenabhängigkeit, den Kampf ums Überleben sowie Schockszenen und Horrorelemente.

Gerade auch in aktuellen Zeiten, in denen mehr oder weniger Weltuntergangsstimmung herrscht, erfreuen sich dramatische, emotional aufwühlende Serien größter Beliebtheit. Warum ist das so? Reicht es denn nicht aus, dass in der Realität furchtbare Ereignisse geschehen – müssen wir Tragik und Horror noch zusätzlich in unserer Freizeit erleben, wenn wir doch genauso entspannende, wholesome Feel Good-Serien bingen könnten, in denen die Welt noch in Ordnung ist?

"Comfort"-Serie

Auf Twitter und TikTok machen seit einiger Zeit Witze die Runde, bei denen Leute erklären, dass Serien wie Euphoria oder Yellowjackets ihre "Comfort"-Serien seien.

Was steckt dahinter?

Die Klinische Psychologin Sabrina Romanoff erklärt gegenüber HuffPost, dass die Serie Yellowjackets Zuseher*innen vermutlich vor allem wegen des Überthemas - einer absoluten Ausnahme- und Überlebenssituation - in den Bann zieht. In der Serie stürzt eine High School-Mädchenfußballmannschaft mit dem Flugzeug im kanadischen Gebirge ab und muss ums Überleben kämpfen.

"Die Serie Yellowjackets ist vielleicht deshalb so populär, weil sie zeigt, wie weit Menschen bereit sind zu gehen, um bestimmte Situationen zu überleben", so Romanoff. Es könne laut der Expertin auf gewisse Art beruhigend sein, liebgewonnene Charaktere in einer analogen, wenn auch verschärften, unbequemen Situation zu sehen, da die Zuschauer das Maß an Widerstandsfähigkeit und Stärke, das sie auf dem Bildschirm sehen, unbewusst verinnerlichen können."

Wenn wir diese Serien schauen, erkennen wir, dass wir mit unseren scheinbar unüberwindbaren Herausforderungen nicht alleine sind. Wir lernen, dass wir schwierige Situation (hoffentlich) auch überstehen können, wenn wir uns gegenseitig unterstützen.

Sicherheit in der Unsicherheit

Der Drang, Filme und Serien zu schauen, die uns zum Weinen bringen oder uns Angst einjagen, ist an sich nicht neu. "Drama- und Thrillerserien geben uns eine sichere Umgebung, in der wir die Arten von Emotionen, die beim Anschauen ausgelöst werden, vorhersehen können; wir sind dann auch effektiver in der Lage, auf diese Emotionen zu reagieren und sie zu bewältigen", sagt Timothy Schlairet, Psychologe und bekennender Yellowjackets-Fan im Gespräch mit HuffPost.

"Wenn wir möchten, können wir innehalten, uns vom Bildschirm abwenden und genau verarbeiten, was passiert", so Schlairet weiter. "Das unterscheidet sie vom wirklichen Leben, wo wir nicht genau vorhersagen können, wie uns Situationen emotional berühren werden."

Traurige und ängstliche Gefühle in realen Situationen sind viel intensiver und unvorhersehbarer. Aber das Ausleben unserer Emotionen durch Serien oder Filme kann kathartisch und befreiend sein, sodass wir uns in die Sicherheit einer fiktiven Handlung flüchten.

Angst trumpft Trauer

Drama- und Thrillerserien können dazu beitragen, dass wir unsere eigenen Emotionen und Ängste auf fiktive Charaktere projizieren - was dazu beiträgt, dass die Last (zumindest ein wenig) von unseren Schultern fällt. "Aspekte unseres Selbst, wie Angst und Furcht, werden abgespalten und einer externen Quelle zugeschrieben, wie dem impulsiven und selbstzerstörerischen Verhalten, das eine der Hauptfiguren in Euphoria an den Tag legt, oder einer katastrophalen Wendung, die die Hoffnung der Yellowjackets aufs Überleben schmälert."

Darüber hinaus ist bereits seit längerem erforscht, dass Angst Gefühle von Trauer "übertrumpft" (Stichwort Evolution), weshalb viele Menschen zu packenden bis angsteinflößenden Serien und Filmen tendieren, wenn sie Gefühle von Niedergeschlagenheit und Trauer vermeiden wollen, erklärt Romanoff.

Letztlich können uns derartige Serien tatsächlich auch einfach etwas beruhigen, indem sie uns eine Realität zeigen, die noch ein bisschen schlimmer ist als unsere eigene - sodass wir uns nach dem Abdrehen des Fernsehers in unserer eigenen Welt wieder ein bisschen wohler fühlen.

 

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