Warum reagieren Weiße abwehrend auf Rassismus?

Und das, obwohl Weiße im Alltag am wenigsten damit konfrontiert sind. Ein unvollständiger Text über internalisierten Rassismus zum heutigen Internationalen Tag gegen Rassismus.

Rassismus

Dass auf Facebook gerne unter der Gürtellinie diskutiert wird, ist klar. Aber wehe, man sagt den Kommentator*innen: "Hm, du, das ist rassistisch." Dann gehen die Wogen hoch. Die Bezeichnung als Rassist*in ist eine Aussage, die nahe geht. Weil sie am Selbstbild der jeweiligen Person rüttelt. Schließlich würde kaum eine*r über sich selbst sagen, er/sie sei Rassist*in. Man denke nicht (bewusst) rassistisch, ergo könnten auch die eigenen Handlungen nicht rassistisch sein. Das ist Blödsinn - vier Gedankenanstöße dazu:

Erklärung zu den verwendeten Begrifflichkeiten im folgenden Text:

Der Ausdruck People of Color beschreibt keine messbare Hautpigmentierung, sondern ist ein Sammelbegriff für Personen, die wegen ethnischer Zuschreibungen Rassismuserfahrungen gemacht haben.

Ebensowenig ist Weiß nicht auf die Hautfarbe im biologischen Sinn bezogen. Wer als weiß gilt, ist also nicht von der Pigmentierung der Haut, sondern vom Kontext abhängig. Der Begriff meint alle Personen, die aufgrund des Aussehens eher keine Erfahrung mit Rassismus machen.

Warum wir Rassismus anders wahrnehmen müssen

Man habe etwas „nicht so gemeint“, weil man ja schon im Kindesalter gelernt habe, „alle Menschen gleich zu behandeln“? Weiße glauben zu wissen, wie sich Diskriminierung anfühlt, weil sie während dem Auslandssemester auch schonmal zur Minderheit gehört haben? Etwas sei nicht rassistisch, weil man einen ~schwarzen Freund~ habe und der empfindet dieses oder jenes auch nicht als Beleidigung? Rechtfertigungen wie diese zeigen, warum wir unsere Denkweise über Rassismus ändern müssen. Rassismus wird oft als etwas, das sich auf Einzelpersonen bezieht, wahrgenommen. Zu selten wird erkannt, dass rassistische Verhaltensweisen strukturell und internalisiert worden sind, das heißt: Weiße, die behaupten, bei Personen keine Hautfarben zu sehen und nicht demnach zu differenzieren, können das nur deshalb behaupten, weil bei ihnen selbst niemand die Hautfarbe sieht. Im Gegensatz zu People Of Color werden sie häufiger als Individuen wahrgenommen. Weiße sind Subjekte. People Of Color werden oft (unbewusst) als Repräsentant*innen ihrer Gruppe wahrgenommen.

Wie wir internalisierten Rassismus erkennen

„Wenn ich sage: ‚Weiß du, ich hab‘ jetzt einen neuen Kollegen. Der ist schwarz. Aber ich muss sagen, der macht seine Arbeit echt gut.‘ Das wäre internalisierter oder auch institutionalisierter Rassismus, weil damit impliziert wird, dass es nicht selbstverständlich ist, dass eine schwarze Person ihre Arbeit genauso gut macht. Oder zu sagen ‚Ach, Hautfarben spielen für mich keine Rolle. Die sind mir völlig egal‘, ist problematisch. Das ist für die Person, die das sagt, nur deshalb kein Problem, weil sie selbst als weißer Mensch quasi keine Hautfarbe hat. Weiß ist die Norm“, stellt Dieter Schindlauer, Geschäftsführer des Vereins ZARA (Zivilcourage & Anti-Rassismus-Arbeit), klar. Im Rahmen der Arbeit des Vereins ZARA habe Schindlauer hauptsächlich mit explizitem Rassismus zu tun, "weil bei uns ohnehin nur die Spitze des Eisbergs landet." Nichtsdestotrotz sei internalisierter Rassismus ein riesiges gesellschaftliches Problem, für das es keine flächendeckenden Maßnahmen gibt. ZARA versucht mit dem Angebot von Workshops internalisierten Rassismus als solchen zu erkennen und auch wahrzunehmen, dass Rassismus nicht nur etwas Individuelles, sondern vor allem auch etwas Strukturelles ist. Obwohl eben angeführten Beispiele sich auf konkrete Aussagen von einzelnen Personen beziehen, darf sich Rassismus nicht nur auf individuelle, aktive (und bewusste) Handlungen beziehen. Das Verständnis von Rassismus muss sich erweitern – und zwar dahingehend, dass Rassist*innen nicht nur einzelne Individuen sind, sondern ethische Vorurteile in allen Weißen stecken (können), weil wir noch immer in einer Gesellschaft leben, in der Weißsein als Norm gilt. Nichtweiße weichen von dieser Norm ab. Damit sind Weiße nicht nur in Westeuropa, sondern auch global in einer Machtposition.

Der erste Schritt in der Bewusstseinsbildung: Verabschieden von der Vorstellung, dass man vorurteilsfrei ist.

von Dieter Schindlauer, Geschäftsführer des Vereins ZARA (Zivilcourage & Anti-Rassismus-Arbeit)

Warum Weiße oft abwehrend auf Rassismus reagieren

Eben weil die gesellschaftlichen Strukturen bis heute so sind, dass Weißsein unmittelbar mit Privilegien verbunden ist, haben Weiße nie gelernt (oder lernen müssen) mit sozialem Druck basierend auf der Hautfarbe umzugehen. Spricht man mit Weißen also über Rassismus oder bezeichnet eine Weiße Person explizit als „weiß“, ist die Reaktion oft eine Abwehrhaltung. Soziologin Robin DiAngelo hat diesem Handlungsmuster den Begriff „White Fragility“, also weiße Zerbrechlichkeit, gegeben. Weiße könnten aufgrund ihrer Machtposition also nicht damit umgehen, wenn sie auf Rassismus angesprochen werden. Robin DiAngelo sieht darin eine Art Rechtfertigung, dass man als weiße Person nicht für den Status Quo verantwortlich sei. Diese Abwehrhaltung von Weißen hat sich zuletzt deutlich gezeigt, als People of Colour unter dem Hashtag #MeTwo Erfahrungen mit Rassismus geteilt haben. Die Reaktionen waren nicht nur unterstützend, sondern eben auch abwehrend. Diskriminierungen aufgrund der unter dem Hashtag geschilderten Erfahrungen wurden belächelt und den Betroffenen abgesprochen. Auch Weiße seien durch Beleidigungen wie „Kartoffelgesicht“ von Rassismus betroffen. Die Hautfarbe hat für viele Weiße also nur dann eine Bedeutung, wenn sie sich ebenso als Betroffene positionieren können. Nichtsdestotrotz wird regelmäßig abgestritten, dass es ein Privileg ist, in eine Welt geboren worden zu sein, in der Weißsein die Norm ist.

Warum es bei Rassismus nicht (immer) um Schuldzuweisung geht

„Man muss sich für die Tatsache, dass man privilegiert ist, auch nicht moralisch geißeln, aber man muss die Privilegien als solche wahrnehmen. Ich habe nichts dafür getan, dass ich weiß oder ein Mann bin. Man kann also oftmals nichts dafür, aber man darf deshalb auch nicht glauben, dass man etwas als weißer Mann tatsächlich besser kann, nur weil man es leichter hat als marginalisierte Gruppen“, so der Geschäftsführer von ZARA. Ebendiese Privilegien als solche zu erkennen, wenn man kein Leben ohne kennt, bedarf viel Bewusstseinsbildung. „Der erste Schritt muss sein: Verabschieden von der Vorstellung, dass man vorurteilsfrei ist. Und dann hinterfragen: Welche Vorstellungen habe ich internalisiert? Man wird erkennen müssen, dass die Welt nicht immer so ist, wie wir das gelernt haben oder wie wir gerne glauben möchten, dass sie ist“, so Dieter Schindlauer weiter. Die eigenen Verhaltensweisen müssen immer und immer wieder reflektiert werden, hinterfragt werden, angepasst werden, denn: „Wenn wir das nicht tun, werden wir rassistische Strukturen aufrechterhalten und immer reproduzieren“, stellt Schindlauer klar. Am Weg dieser Bewusstseinsbildung würden wir auch erkennen, dass es nicht nur um individuelle Veränderungen geht, sondern auch gesellschaftliche Strukturen dahinterstehen, die von Rassismus und Diskriminierung geprägt sind. Nichtsdestotrotz müssen wir uns, so Schindlauer, „immer wieder Gedanken aktiv und ganz bewusst herholen, die durch gesellschaftliche Strukturen vielleicht unterdrückt werden. Immer und immer wieder.“

Klingt anstrengend? Vielleicht hilft der Gedanke, dass es für Weiße immer noch eine bewusste Entscheidung und Auseinandersetzung mit diesen Gedanken ist und Weiße sich nicht ohnehin täglich damit konfrontiert sehen. Und das ist ein Privileg.

Internalisierter Rassismus

Anmerkungen:

  • Für den Artikel wurden sechs People of Color angefragt. Leider hat sich so kurzfristig keine Interviewmöglichkeit ergeben. Entsprechende Artikel und Stimmen werden allerdings an anderer Stelle nachgeholt und hier ergänzt.

  • Viele von den hier genannten Inhalten durften von Personen wie Sara Hassan, Sandra Kim (Host der Workshop-Reihe "Healing from Internalized Whiteness"), Robin DiAngelo, Reni Eddo-Lodge (Autorin des Buches "Why I'm No Longer Talking to White People About Race" - hier erhältlich!) und Layla F. Saad (Autorin des "Me and White Supremacy Workbook - hier erhältlich!) gelernt werden.
 

Aktuell