Warum Rachesex keine gute Idee ist

Wie du mir, so ich dir – klingt in der Theorie vielleicht lustig, kann aber böse Nebenwirkungen haben. Über Fremdgehen, Rachesex und die ungelöste Frage nach dem Gleichstand.

Manchmal kommt die Katastrophe wie aus heiterem Himmel. Bei Anna und Roman (Namen von der Redaktion geändert), die seit 6 Jahren ein Paar sind, war es ein eigentlich angenehmer, fauler Sonntagnachmittag. Die beiden gammeln auf der Couch herum und kommen im Gespräch irgendwie auf Verflossene und frühere Aufriss-Geschichten. Und wie es der Zufall so will, rutscht Annas Freund die verfängliche Info raus: Er hat schon mal mit einer anderen Frau rumgeknutscht, während er bereits mit Anna zusammen war.

Alarmstufe Rot

Äußerlich bleibt Anna ruhig, aber innerlich sind bei ihr sofort alle Sicherungen durchgebrannt: „Ich war voll im Rachemodus“, erinnert sie sich heute. „In meinem Kopf bin ich pausenlos alle Möglichkeiten durchgegangen, wie ich es ihm heimzahlen könnte.“ Die perfekte Gelegenheit zur Rache fand sie auf einer berufliche Reise mit einem Kollegen, den sie zwar gar nicht so toll fand, von dem sie aber wusste, dass er sich in sie verschaut hatte. Mit ihm knutschte sie dann nicht nur herum, die beiden landeten sogar in den Laken des Hotelbetts. Rachemission mehr als erfüllt. „Ich war selbst erstaunt, wie leicht das war – und dass ich zu so etwas fähig bin“, erinnert sich Anna. Und: wie unbedeutend eigentlich der Sex mit dem anderen war. Aber damit war die Sache für sie leider noch nicht vorbei.

Böses Nachspiel

Annas Rachesex-Partner hatte sich schnell auf mehr eingestellt als nur auf einen One-Night-Stand. „Der hat mir immer wieder Nachrichten geschickt: ‚Hey, lass uns noch mal treffen‘, oder: ‚Da war mehr zwischen uns, ich hab das gespürt‘. Das war irrsinnig anstrengend.“ Zusätzlich war Annas Freund tief verletzt und die Krise damit perfekt. Es brauchte viele Stunden auf der Couch der Paartherapeutin, bis die angeknackste Beziehung wieder gekittet war. So viele Komplikationen für ein bisschen Revanche. Warum machen wir denn etwas, bei dem von Anfang an klar ist, dass es keine gute Idee sein kann?

Warum ist Rache-Sex so verführerisch?

Weil betrogen zu werden einen Ausnahmezustand in uns erzeugt, erklärt Paartherapeutin Claudia Wille (paarmanagement.at): „Ich fühle mich gedemütigt, entwertet, erniedrigt. Entweder ich versinke dann in Selbstmitleid oder ich gehe in den Rachemodus. Beides hat viel mit Machtlosigkeit zu tun. Wenn ein anderer betrügt – diese ganzen Lügen, Verheimlichungen –, da erlebe ich ja einen echten Kontrollverlust“, erklärt Wille. Durch den „Rache-Akt“ versucht man, sich die Kontrolle wieder zurückzuholen.

„Entweder ich versinke im Selbstmitleid oder ich ­nehme Rache. Beides hat mit Machtlosigkeit zu tun.“
Paartherapeutin Claudia Wille

„Rachesex macht ja auch nicht wirklich Spaß“, ergänzt Claudia Wille. „Aber es passiert häufig bei einem Paar, dass einer draufkommt: ‚Der andere hat mich betrogen, und die Wut ist nicht nur da, weil er mich betrogen hat, sondern weil ich schon Jahre vorher vielleicht die Gelegenheit gehabt hätte – und sie nicht genutzt habe.‘ Das kann dann ein Anlass sein, zu sagen: ‚Na dann werde ich mir das in Zukunft auch nicht mehr verbieten!‘“

Rächen oder nicht rächen?

Von der Jagd nach so etwas wie einem „Gleichstand“ rät die Paartherapeutin dringend ab, auch wenn sie das grundsätzliche Gefühl dahinter versteht: „Es geht natürlich auch ein Stück weit um die Fairness-Frage, den Versuch, ein Gleichgewicht herzustellen. Das Problem ist: Das ist zwar im Moment alles wunderbar, aber ich komme nicht weiter, ich habe nichts daraus gelernt.“ Was stattdessen wichtig ist, ist ein Gespräch über die Ursachen der Untreue. Das kann helfen, den Betrug weniger auf sich selbst zu beziehen. Denn was vielen nicht klar ist: „Menschen betrügen ja nicht nur, weil der andere so böse ist, sondern auch aus Gründen, die mit dem Partner oft gar nichts zu tun haben“, erklärt Wille.

„Rache ist ein Versuch, das Gleichgewicht herzustellen. Das Problem ist: man lernt nichts daraus.“
Paartherapeutin Claudia Wille

Warum Rache nach einem Betrug aber trotzdem helfen kann

Da steht man nun: Man wurde betrogen, hat sich seinerseits revanchiert – viel destruktiver kann es nicht mehr kommen. Ist die Beziehung in dem Stadium schon komplett zum Vergessen? Nicht unbedingt, sagt Claudia Wille. Die Sache mit der Rache kann auch konstruktiv enden: „Nämlich dann, wenn der andere verstanden hat: ‚Du hast mich massiv verletzt‘“, erklärt Wille. „Und wenn der Betrüger sagt: ‚Es tut mir wirklich leid, dass ich dich verletzt habe‘ – und vielleicht auch klärend sagt, was er für sich wollte – dann hat die Rache geholfen.“

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