Warum Österreich das Land der Frauenmörder ist

Kalenderwoche 9, Femizid 6: Seit Jahresbeginn sind sechs Frauen durch männliche Gewalt gestorben. Österreich steht an der europäischen Spitze, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht.

6 Frauenmorde in 9 Wochen: Ist Österreich das Land der Frauenmörder?

Eine 34-Jährige Frau stirbt am Sonntag in der Steiermark. Sie stirbt durch mehrere Schüsse, die ihr Ex-Freund abgefeuert haben soll. In Tirol stürmt am selben Wochenende ein Mann das Hotel, in dem seine Ex-Freundin arbeitet. Er würgt sie bis zur Bewusstlosigkeit. Das Eingreifen eines Hotelgastes rettet ihr Leben. Statt Österreichs siebter Frauenmord seit Jahresbeginn ist es der fünfte* Frauenmordversuch. Dieses Land hat ein Problem mit Femiziden.

*Update 28.2.: Am Donnerstag, 27.2., soll ein Mann seine 16 Jahre alte Ex-Freundin lebensgefährlich verletzt haben. Es ist der sechste Frauenmordversuch in diesem Jahr.

Warum werden in Österreich so viele Frauen ermordet?

Femizide, das sind Morde an Frauen, weil sie Frauen sind. In den letzten sechs Jahren haben sich diese Morde in Österreich mehr als verdoppelt: Starben im Jahr 2014 insgesamt 14 Frauen durch die Gewalttat eines Mannes, waren es im Jahr 2018 41 Opfer, im Jahr 2019 34 Opfer. Heuer wurden in nur zwei Monaten bereits sechs Frauen ermordet. Fünf weitere überlebten einen Mordversuch. Was Gewaltstatistiken seit Jahrzehnten beweisen, gilt nach wie vor: Die Täter stammen in den allermeisten Fällen aus dem nahen Umfeld der Opfer.

Dabei hat das Land viele erprobte Instrumente, die es für den Gewaltschutz braucht. Die Gesetze sind grundsätzlich umfassend und gut, die Infrastruktur mit Frauenhäusern, Beratungsstellen und der Frauenhotline prinzipiell vorhanden. Maßnahmen der letzten Regierungskoalition aus ÖVP und FPÖ haben allerdings - unter dem Vorwand einer Verbesserung - Änderungen gebracht, die Expert*innen von Beginn an kritisiert haben: Die automatische Anzeigepflicht im Gesundheitssystem und das neuerlich erhöhte Strafmaß bei sexualisierter Gewalt können Betroffene abschrecken, überhaupt nach Hilfe zu suchen. In Folge könnte die Dunkelziffer Gewaltbetroffener wieder steigen. Zusätzlich hat sich die Polizei im vergangenen Jahr aus den monatlichen gemeinsamen Fallkonferenzen mit Hilfsorganisationen zurückgezogen und diese somit sinnlos gemacht. Das sei gefährlich und kein beruhigendes Zeichen, lautete die Kritik.

Keine Empörung, kein Aufschrei

Die Folgen spürt man jetzt. "Frauenhass ist salonfähig geworden", sagt Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser. "In unserer Gesellschaft findet gerade eine Verrohung statt, hin zu einer frauenverachtenden Grundhaltung." Gewalt gegen Frauen sei inzwischen Normalität. "Es ist an der Tagesordnung, dass Frauen permanent fertiggemacht werden. Es gibt keine Sanktionen, keine Empörung. Wo bleibt der Aufschrei?", fragt Rösslhumer.

Die Verantwortung sieht sie in der Politik: "Der politische Trend nach rechts verstärkt diese Stimmung gegen Frauen." Umso wichtiger sei es, dass Politiker*innen und Regierung laut und eindeutig Stellung gegen Gewalt an Frauen beziehen und wirksame Maßnahmen setzen. Tatsächlich sprach FrauenministerinSusanne Raab am Tag der Kriminalitätsopfer am 22. Februar von der "traurigen Verdopplung" der Frauenmorde in Österreich. Nur einen Tag später stirbt in der Steiermark die sechste Frau in diesem Jahr an einer Gewalttat durch einen Mann. Aus dem Frauenministerium kommt dazu keine erneute Stellungnahme. "Ich vermisse hier eine starke Stimme und deutliche Zeichen", sagt Rösslhumer. "Wenn eine Frauenministerium bei so einem hohen Ausmaß an Gewalt nicht aufschreit, dann ist das wirklich bedenklich."

Ministerin Raab will den Opfer- und Gewaltschutz finanziell besser ausstatten, das sei gar "ein zentrales Anliegen" des Frauenministeriums. Bereits jetzt fließe zwar die Hälfte der Ressortmittel dorthin, doch "das muss besser werden", so Raab. Wieviele Mittel die türkis-grüne Regierung nunmehr für Frauen- und Gleichstellungsagenden anberaumt, wird erst in der Budgetrede am 18. März bekannt gegeben werden. Laut Istanbul-Konvention wären für einen flächendeckenden Opferschutz und opferschutzbasierte Täterarbeit etwa 210 Millionen Euro nötig. Zuletzt betrug das Budget des Frauenministeriums etwa 10 Millionen Euro. Das reicht nicht einmal zur Aufrechterhaltung bestehender Strukturen – ein gesellschaftlich tief verankertes Problem kann man mit diesen Mitteln erst recht nicht lösen.

Wie verhindert man Frauenmorde?

Dabei wissen Expert*innen, woran es fehlt und was zu tun wäre. "Wir brauchen viel mehr Bewusstseinsarbeit, um die Gesellschaft zu sensibilisieren - und zwar frühzeitig", erklärt Rösslhumer. Bereits in der Schule müssten Mädchen erfahren, dass und wie sie sich wehren können, und Buben, wie sie emotionale Situationen für sich lösen können, ohne gewalttätig zu werden. Es sind emotionale und psychische Extremsituationen wie Trennungen, Probleme mit Schulden oder Suchterkrankungen, die erwachsene Männer später dazu bringen, ihren Partner*innen Gewalt anzutun. "Sie kommen mit der gelebten Form der Männlichkeit nicht zurecht", wie Rösslhumer formuliert.

Die Autonomen Frauenhäuser plädieren in aktuellen Kampagnen an die Verantwortlichkeit der Männer. "Wir stärken die Frauen und das ist wichtig - aber wir müssen die Schrauben bei den Männern drehen", so Rösslhumer. "Sie müssen einsehen 'Ich bin derjenige, der es nicht aushält, wenn meine Partnerin nicht macht was ich will. Ich bin derjenige, der die Familie zerstört.'"

Auch die restlichen Probleme sind bekannt. Gute Gesetze, aber zu lasche Umsetzung. Falsche Einschätzung von Gefährlichkeiten, obwohl viele Täter bereits im Vorfeld auffällig sind. Victim Blaming und drastische Fehler in der medialen Berichterstattung. Und letztlich die Resignation bei Betroffenen: "Manchmal haben die Frauen das Gefühl, es kann ihnen sowieso niemand helfen", sagt Rösslhumer. Das darf nicht sein. "Wenn Frauen eine Anzeige machen, müssen sie wirklich geschützt werden. Sie brauchen sofort einen Platz in einem Frauenhaus, müssen die Nummer der Frauenhelpline kennen. Wir müssen sicherstellen, dass jede Frau weiß: Wenn sie sich trennt, kann sie sich sofort Hilfe holen."

Es braucht also Bewusstseinsarbeit, einen niederschwelligen Zugang zu Hilfeleistungen und politisches Vertrauen in Gewaltexpert*innen, die jahrelange Erfahrung mitbringen. Denn es ist wahr: Gesellschaftlich haben wir ein Problem mit Gewalt gegen Frauen. Eines, dem man aber entgegentreten, das man vielleicht sogar lösen kann. Wenn man nur möchte.

Frauenmorde im Jahr 2020:

Innerhalb von zwei Monaten sterben sechs Frauen an Gewalttaten durch Männer

15. Jänner, Ybbs in Niederösterreich: Ein 50-jähriger Mann soll seine Ehefrau mit einem Messer getötet haben.

29. Jänner, Wien: Eine 28-Jährige Frau wird erdrosselt aufgefunden, ihr Freund wird festgenommen.

4. Februar, Trieben in der Steiermark: Ein Mann soll seine Frau erstochen haben.

4. Februar, Graz: Ein psychisch Kranker ersticht eine 33-Jährige. Es ist der einzige Mord, bei dem Täter und Opfer sich nicht gekannt haben.

13. Februar, Küssen in Tirol: in 56-Jähriger soll seine Frau tödlich verletzt haben.

23. Februar, Hartberg in der Steiermark: Eine 34-Jährige wird getötet. Ihr Ex-Freund soll sie erschossen haben.

Frauenmordversuche im Jahr 2020:

Innerhalb von zwei Monaten erleben fünf Frauen schwere Gewalt durch Männer

11. Jänner, Wien: Ein Mann misshandelt seine Lebensgefährtin über Stunden.

23. Jänner, Kärnten: Ein Mann schlägt seine schwangere Lebensgefährtin und droht ihr, sie umzubringen.

1. Februar, Wien: Ein Mann misshandelt seine 81-jährige Mutter schwer.

16. Februar, Salzburg: Ein Mann verprügelt seine Ehefrau schwer.

23. Februar: Ein Mann attackiert seine Ex-Freundin und würgt sie zur Bewusstlosigkeit.

* Update 28.2.: Am Donnerstag, 27.2., soll laut Polizeiberichten ein junger Mann seine 16-jährige Ex-Freundin schwer verletzt haben. Das Mädchen schwebt in Lebensgefahr.

Nachhören: Im WIENERIN Podcast "Scho wieder?" erklären wir im Detail, was im Gewaltschutz in Österreich in den vergangenen beiden Jahren falsch gelaufen ist.

 

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