Warum müssen wir aufhören, aus Jungfräulichkeit so eine große Sache zu machen?

Und wie kann ein offener Umgang damit vor negativen sexuellen Erfahrungen schützen?

Warum müssen wir aufhören, um Jungfräulichkeit so eine große Sache zu machen?

Wann hattet ihr das erste Mal Sex? Wart ihr im Vergleich zu euren Altersgenossen früh dran oder, so wie ich, eher eine*r der Letzten und habt bereits den riesigen Druck gespürt, dass es langsam aber sicher mal Zeit wäre. Weil sonst ist das nur ein Zeichen, dass etwas mit dir nicht stimmt. In meinem Fall war es nicht so, dass ich in meinen Teenage-Jahren nicht die Gelegenheit gehabt hätte, Sex zu haben. Aber es hat sich nie richtig angefühlt, die Typen waren Douchebags oder ich fühlte mich einfach nicht wohl. Und trotzdem war der Druck (und das Gefühl es nicht "verpassen" zu dürfen) so groß, dass ich mehr als einmal überlegt hab all diese Dinge, die dagegensprachen, zu ignorieren und es einfach "hinter mich zu bringen".

Jungfrau als Schimpfwort und Mysterium

Mein Erlebnis beschreibt ganz gut die Art und Weise, wie wir über Jungfräulichkeit sprechen. Man muss es hinter sich bringen. Es soll einfach passieren. Egal wie die Bedingungen sind, egal ob es sich richtig anfühlt. Weil wenn es nicht passiert, dann ist das ein Grund jemand aufzuziehen oder seltsam zu finden. Wir sprechen in der Pop-Kultur kaum über Jungfräulichkeit, außer um jemand aufzuziehen und sagen zu können: "Du bist bestimmt auch noch Jungfrau" oder "Dich wollte doch auch noch niemand" oder Ähnliches.

Charlene Douglas, Sex- und Beziehungscoach, schließt sich dieser Meinung an: "Die Gesellschaft lehrt uns, dass unsere erste sexuelle Erfahrung an oder kurz nach unserem sechzehnten Geburtstag stattfinden sollte. Wenn das nicht geschieht, kann sich ein Gefühl der Scham einschleichen, zusammen mit dem Gedanken, dass mit uns etwas nicht stimmt." Das traf vor allem auf Millenials zu, bei denen genau dieses Thema in Filmen, Serien und oft behandelt wurde.

Sexuell aktiv wie Renter*innen

Jetzt verändern sich aber immer mehr die Bedürfnisse und das Verhalten. Und zwar hat die Gen Z weniger Sex als die Generationen zuvor. Eine Umfrage zum Risikoverhalten von Jugendlichen (Youth Risk Behavior Survey, YRBS) in den USA hat ergeben, dass die Zahl der Highschool-Schüler*innen (in den USA sind Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren in der Highschool), die Sex haben, zwischen 1991 und 2017 von 54 % auf 40 % gesunken ist. Eine ähnliche Umfrage von The Australia Talks zeigt, dass die australische Generation Z in etwa so sexuell aktiv ist wie Rentner*innen.

Das zeigt deutlich, dass Gen Z nicht mehr denselben Druck empfindet, bzw. das Thema anders angeht. Wie Gen Z es so oft macht. Man muss sie dafür einfach lieben! Prinzipiell ist das Thema Jungfräulichkeit insgesamt überholt, weil dadurch nur Penis-in-Vagina-Sex bezeichnet wird. Eine lesbische Frau könnte also mit 100 Frauen geschlafen haben und wäre rein faktisch nach wie vor eine Jungfrau. Also damit ist schonmal klar, dass die Definition allein Bullshit ist. Aber noch problematischer ist, wie wir damit umgehen (oder nicht umgehen). Denn Fakt ist, dass rund jede*r achte der 26.-Jährigen noch keinen Sex hatte. Wie viele kennt ihr? Und wie viele von euch würden das in einem Gespräch zugeben. In einer idealen Welt würde es kein Stigma um dieses Thema geben und jeder könnte diese Erfahrung (oder den Mangel an Erfahrung) einfach teilen, ohne dass es zu einem großen Aufruf werden würde.

Gefährliche Umgebung

Denn gerade dadurch, dass dies nicht ausgesprochen wird, erfahren viele dieser Frauen auch keine sexuelle Aufklärung durch Freund*innen, die vielleicht Erfahrungen teilen würden. Denn das, was wir in der Schule über Sex lernen, hat in vielen Fällen nichts damit zu tun, was Frauen wissen müssen damit Sex für sie ein angenehmes Erlebnis wird. Die realen Folgen von Versäumnissen in der schulischen Sexualerziehung sind, dass eine Generation nach der anderen in die Welt gestoßen wird, ohne einen Fahrplan zu haben, wie man sich in sexuellen Begegnungen zurechtfindet, auf seinen Körper hört oder weiß, wie gesunder, einvernehmlicher Sex aussieht.

Gerade Frauen, die später ihre ersten Erfahrungen machen und sich dafür schämen, sind oft gefährdet, dass sie in Beziehungen mit ungleicher Power-Struktur landen und Erlebnisse machen, die sie sich nicht wünschen. Alles in allem kann man sagen: Wenn wir aufhören über Jungfräulichkeit so dramatisch zu sprechen, nehmen wir vielen Frauen großen Druck, was vielleicht dazu führt, dass manche nicht einfach Sex haben, um es hinter sich zu bringen. Und die Scham, dass sie ehrlich sagen und besprechen können, wie sie sich fühlen.

 

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