Warum mir die Liebe manchmal Angst macht

Als Kinder kennengelernt, seit dem Teenageralter zusammen – meine Ehe ist ein Segen, aber mein ängstliches Gehirn bleibt skeptisch.

Kolumne Jelena Januar 22

Ich bin in meinen Mann verliebt, seit ich acht Jahre alt war. Wir ­waren gemeinsam in der Volksschule und wurden dann als Teenager ein Paar. Das ist 15 Jahre her, und einen wundervollen Sohn haben wir auch noch. Wir wussten beide beim ersten Date, dass wir einander heiraten werden, und es wird noch kitschiger: Wir sind dieses Jahr an dem Punkt angekommen, an dem wir länger zusammen sind als nicht zusammen. Automatisch bis ans Ende aller Tage glücklich, oder? Fast – wenn da nicht ich wäre.

(Selbst)Liebe

Du hast es sicher schon gehört: Niemand kann dich lieben, wenn du dich selbst nicht liebst. Ich stimme dem nur bedingt zu – sich nämlich durch die Augen einer Person zu betrachten, die einen vergöttert, kann schon sehr zur Heilung beitragen. Ich glaube, man kann Selbstliebe sehr wohl mithilfe eines liebevollen Partners lernen. Aber was stimmt: Dein Partner kann dir nie geben, was dir wirklich fehlt. Und es ist auch nicht seine Aufgabe.

Es ist unsere Aufgabe, unsere Trigger, Vergangenheiten und toxischen Muster aufzuarbeiten – und das nicht, um liebenswürdig zu sein, sondern um Liebe geben und empfangen zu können, wie sie vorgesehen ist: frei und ungebremst. Und oh mein Gott, fühlt sich das gut an – nicht zu lieben, wie es andere getan haben, nicht zu lieben, wie es Filme zeichnen, sondern authentisch und ohne Handbremse! Und das ist der nächste Punkt: Ohne Handbremse ist verdammt beängstigend.

Anxiety Party

Wenn du auch Verlustängste hast, come sit with me. Wenn nicht, steig bitte mit ein in mein Karussell der plötzlich aufpoppenden irrationalen Horrorgedanken: Was, wenn er mich plötzlich betrügt und mich dann eiskalt abserviert, als gäbe es mich nicht? Was, wenn er plötzlich bei einem Auto­unfall stirbt, ich entscheiden muss, ob sie die Apparate ausschalten, und nie wieder glücklich werde? Du spürst den Vibe. Ich will ja nicht angeben, aber mir während total normaler Alltagssituationen komplett random Szenarien auszumalen, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen, ist so ziemlich meine Königsdisziplin. Und die Angst, dass "immer irgendwas passieren könnte", kann mir einfach nie wer nehmen, außer ich mir selbst.

Was bleibt mir also anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass alles irgendwie gut wird – und mich damit extrem verletzlich zu machen? Denn ohne Verletzlichkeit gibt es kein Fallenlassen, und ohne Fallenlassen gibt es keinen Liebesrausch. Im Prinzip sagen wir: Hier hast du mein Herz, ich scheiß mich ehrlich gesagt an, aber ich liebe dich so sehr und muss darauf vertrauen, dass du es nicht zerbrichst. Das ist wohl das Risiko der Liebe. Aber der da hat bewiesen, dass er es wert ist, es jeden Tag aufs Neue für uns einzugehen.

 

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