Warum Marie Kondos neue Netflix-Serie ziemlich schlecht ist - und trotzdem inspiriert

Die Serie der Ordnungs- und Ausmistpäpstin kommt rechtzeitig zum Neujahrsvorsatz. Und kann ungeahnte Auswirkungen haben.

Netflix, du Bitch!“, denke ich mir, als ich mich auf der Flucht vor dem Chaos in meinem Schlafzimmer auf die Couch setze, um mich mit der nächsten Folge von irgendwas abzulenken. Denn Netflix präsentiert mir die neue Serie von Aufräum-Queen Marie Kondo und weiß natürlich genau, warum: Am 2. Jänner haben alle ZuseherInnen den Vorsatz, ihren Kasten/das Abstellkammerl/das Küchenkastl auszumisten, gefasst, aber entweder noch gar nicht damit angefangen und deshalb ein schlechtes Gewissen oder nach der Hälfe (also dem leichten Teil, dem „alles einmal ausräumen“) aufgegeben und deshalb ein schlechtes Gewissen. In jedem Fall genug schlechtes Gewissen, um sich eine blöde Reality-Ratgeber-Serie anzuschauen. Natürlich klicke ich sie an.

Marie Kondo hat sich in den vergangenen Jahren einen Ruf als Aufräum- und Ordnungspäpstin gemacht. Ihre Mission, wie sie auch in der Serie erklärt: "Freude in der Welt durch Aufräumen". In Büchern erklärt sie, wie man seine Unterhosen besser zusammenlegt und damit gleich auch sein Leben besser unter Kontrolle bringt, und verkauft davon Millionen Exemplare. Natürlich hab ich sie im Regal stehen.

Marie Kondo Netflix

Nun also auch eine Serie und deren Optik kommt so altbacken daher, dass ich mir nicht sicher bin, ob die Serie überhaupt neu ist – Marie Kondo besucht eine Familie mit zwei Kindern, klassisches US-Vororte-Haus, klassisches traditionelles Familienmodell, klassische Paar-Streits: Sie Hausfrau, er versteht nicht, warum sie eine Haushaltshilfe brauchen, sie fühlt sich überfordert und kommt neben den zwei Kleinkindern zu nichts.

Die zierliche Marie kommt und bringt in ihren blumigen Röcken und mit seeligem Lächeln Ordnung in die Sache. Was kein Glücksgefühl auslöst, kommt weg – nicht, ohne sich davor bei dem Stück für seine Dienste zu bedanken. Kleidung muss nur richtig zusammengelegt werden, um bei den Familienmitgliedern Schreie der überraschten Verzückung hervorzurufen. Küchenutensilien in Schachteln nach Größe? Daran haben wir nie gedacht! Kaputte Lichterketten gehören nicht in die Garage, sondern in den Müll? Das wird unser Leben verändern, zum Positiven!

Am Ende haben er und sie sich über all den Mistsäcken voller entrümpeltem Zeug und den Streits, ob man die leeren Kleiderbügel nun aufheben soll oder nicht, wieder gefunden, streiten weniger, sagen sich bei jeder Gelegenheit „I love you!“ und fühlen sich als bessere Vorbilder für ihre Kinder.

Nach einer zugegeben kurzweiligen Stunde Marie Kondo auf Netflix fühle ich mich für meinen Teil nicht wirklich klüger, aber tatsächlich inspiriert. Ich hole sogar die Bücher aus dem Regal, die ich einst nur quergelesen habe (das reicht auch), um nachzuschauen, wie das mit dem Zusammenlegen nochmal genau funktioniert (ja, es gibt Illustrationen). Und mache mich an das Chaos im Schlafzimmer. Zwei Stunden später sind meine Jeans gerollt und geschlichtet, meine T-Shirts (warum hab ich soviele weiße Leiberl?!) und Pullover ebenso. Und ich muss seelig lächeln. Ich hab es endlich geschafft, mich von Dingen zu trennen, die ich bei den letzten zwei Kasten-Entrümpelungen immer mit einem „neeeein, das nicht“ wieder zurückgehängt habe.

Natürlich muss man keine Netflix-Serie schauen und keine Bücher lesen, um seinen Kasten aufzuräumen. Natürlich ist es wurscht, ob ich Socken rolle, lege, staple, wasauchimmer. So ein bissl Ordnung im Kasten hat aber noch keinem geschadet. Und man muss nachher ein wenig seelig lächeln. Versprochen.

 

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