Warum man auch gegen Alice Schwarzer protestieren darf

Die Studierendenvertretung der Angewandten kritisierte einen Auftritt der "EMMA"-Herausgeberin wegen ihres antimuslimischen Rassismus. Für den Protest hagelt es Kritik – aber warum eigentlich? Ein Kommentar.

Warum man auch gegen Alice Schwarzer protestieren darf

Alles ist kompliziert. Deswegen von Anfang an: Die deutsche Feministin und Publizistin Alice Schwarzer war für eine Diskussion mit der „Klasse für Ideen“ an der Universität für Angewandte Kunst geladen. Die Studierendenvertretung kritisierte diese Entscheidung öffentlich, unter anderem auf Twitter – und wurde ihrerseits dafür scharf kritisiert.

Kritik an Schwarzers Thesen ist zulässig, wie es Kritik an Thesen nun mal ist. Ihr Feminismus sei veraltet und inakzeptabel, schreiben die ÖH-Vertreter*innen etwa und meinen damit besonders fehlende Intersektionalität. Der Feminismus, wie ihn Alice Schwarzer lebt, sei also jener einer Weißen Frau, der die Lebensrealitäten von Women of Color, Muslim*innen und LGBTIQ+-Personen und Sexarbeiter*innen nicht berücksichtigen und weiter diskriminieren würde.

Das sind keine neuen Vorwürfe gegen Schwarzer. Intersektionale Feminist*innen im deutschsprachigen Raum kritisieren die Publizistin seit geraumer Zeit für ihre Positionen zu Sexarbeit und Islam (zuletzt wegen dieses Vorfalls, die WIENERIN berichtete). So tat es auch die Hochschüler*innenschaft der Angewandten. Nicht mit einem 'Angriff', wohlgemerkt, sondern in einem Brief, der fordert, man möge davon absehen, Alice Schwarzer auf der Angewandten sprechen zu lassen, weil sie antimuslimischen Rassismus unter dem Deckmantel des Feminismus propagiere. Unterzeichnet haben außerdem die Muslimische Österreichische Hochschüler_innen, das Queer*feministische Referat der Hochschüler_innenschaft und die Queer Feminist Meetings.

Wer bestimmt, wer reden darf?

„Jetzt sollen also auch bei uns Stimmen und Meinungen verboten werden!“, ist die Angst derer, die den Protest der ÖH kritisieren. Sie übersehen, dass die ÖH nichts verboten hat. Das stünde auch gar nicht in ihrer Macht. In ihrem Statement haben die Student*innen lediglich ihre eigenen Prinzipien dargelegt und eine Universität als antidiskriminierenden Raum gefordert. Für Menschen, die nicht oder nur eingeschränkt von Diskriminierung betroffen sind, mag das übertrieben scheinen. Für jene aber, deren Lebensrealtität auf Bühnen gefährdet wird, sieht die Sache anders aus.

Die Welt ist nicht nur komplizierter, sie ist dank der sozialen Medien auch größer und diverser geworden. Menschen, die lange im öffentlichen Diskurs keine Stimme hatten, sind plötzlich da. Und nicht nur das: Sie sind auch laut und sie wollen und müssen gehört werden. Nur dazu brauchen sie: Raum. Und den gibt es nicht, wenn er von den immer gleichen Akteur*innen und den immer gleichen Positionen besetzt wird.

Jede Einladungspolitik bestimmt, wer spricht – und wer eben nicht. Wenn Platz und Redezeit beschränkt sind, kommen nicht alle zu Wort. Das zu bestimmen, liegt in der Macht der Veranstalter*innen. Im Sinne einer offenen und gleichgestellten Gesellschaft haben sie die Verantwortung, nicht zu diskriminieren.

Sie kommen ihr selten nach. Bei All-Male-Panels, All-White-Panels oder Veranstaltungen, die Rassismus, LGBTIQ+-Feindlichkeit oder Misogynie als Meinung rechtfertigen, bleibt der Aufschrei dennoch meist aus. Groß ist die Betroffenheit nur dann, wenn es eine der vermeintlich Guten aus den eigenen Reihen trifft.

Wie kritisch soll Kritik sein?

Es ist nicht das Ende der Meinungsfreiheit, wenn darauf geachtet wird, Diskriminierungen keinen Raum zu geben – oder sie zumindest in einen kritischen Kontext zu setzen. Und es ist die Aufgabe, einer (und viel zu oft als unpolitisch gesehen) nächsten Generation, Missstände anzuprangern. Das ist kein Angriff. Das ist Weiterentwicklung.

Und es ist auch: Viel Lärm um wenig Konsequenz. Alice Schwarzer hat am Montagabend in der Angewandten gesprochen. Wie der Standard berichtet, gab es ein paar Zwischenrufe, letztlich sollen zehn Teilnehmer*innen den Saal aus Protest verlassen haben. Und Schwarzer hat ihre bekannten Positionen zu Sexarbeit und Kopftuch erneut auf einer Bühne kundgetan. Die 'Meinungsfreiheit', wie sie gelebt wird, ist also gerettet. Gut, wenn es die Proteste dagegen auch sind.

 

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