Warum man als Kärnterin nicht in ein normales Freibad gehen kann

Über Österreichs südlichstes Bundesland, Kärnten, gibt es viele Geschichten zu erzählen. Einige davon schreibt wienerin.at-Redakteurin Davinia Stimson hier auf. Folge 4: Die ewige Liebe zum Wörthersee.

#klagifornia hashtaggen die KärnterInnen auf Instagram. Das holpert zwar ein bisschen, bringt die Sache aber auf den Punkt: Die Sommer in Klagenfurt sind herrlich, nicht erst seit die offizielle Ortsnamenerweiterung "am Wörthersee" die Seelage propagiert. In der Klagenfurter Bucht thront seit 1924 eines der größten Binnenseebäder Europas: das Strandbad Klagenfurt. Und es verspricht immer noch, was es schon an den schier endlosen Sommertagen meiner Kindheit gehalten hat: viel Platz, mehr Sonne und den See, den See und immer wieder den See.

Über all diese Tage wachte meine Großmutter. Strategisch platziert, am Ankerpunkt zwischen Liegewiese, Gehweg und den paar Kubikmetern Sand, die wohl den "Strand" im Strandbad rechtfertigen sollen. Direkt unter dem Lautsprecher, aus dem eine krächzende Stimme die Halter verlorener Kinder und schlecht geparkter Autos ausruft. Der Platz ist jeden Sommertag der gleiche: fünf Quadratmeter Liegewiese, das Zentrum der Sommer meiner Kindheit.

Diese Beständigkeit bedingt ein Territorialverhalten par excellence, jedes Löwenrudel ein Scheiß dagegen. Um Punkt 8 Uhr sperrt das Strandbad Klagenfurt im Hochsommer auf. Um 8:03 Uhr stürmt meine Großmutter die Pforten. Sie stürmt natürlich wie eine Dame, also raschen Schrittes aber per Definition immer noch gehend, niemals laufend. Aus der gemieteten Kabine, die in praktischer Spießbürgerlichkeit alles beherbergt, was jemals jemand an einem Badetag brauchen könnte, schleppt sie (immer noch raschen Schrittes!) Sonnenliege und -schirm, Kühlbox und zerfledderte Frauenmagazine zum Stammplatz. Unser Spielzeug tragen wir selbst.

Ein einziges Mal war eine andere Pensionistin schneller und hat ihren Sonnenschirm in das Erdloch gerammt, dessen Besitz sich meine Großmutter nach österreichischem Recht bestimmt schon ersessen hat. Der Eindringling wurde darob zwar besonders freundlich begrüßt ("Joo servus, griaß di!", wie man das als KärntnerIn eben so tut. Ein Grußwort ist nie genug), aber so, dass nur der Mund lächelt, die Augen aber "Mord!" rufen. Ihr kennt das.

Die Freiheit im Strandbad

Der Rest ist eine Freiheit, wie sie wohl nur Schulkinder in den Sommerferien spüren können. Die Sommer am See sind unprätentios und gmiadlich, da liegen HacklerInnen neben ChefInnen, Einheimische neben TouristInnen, Junge neben Alten. Dazwischen hupfen wir neben den SonnenanbeterInnen vom Steg ins Wasser. Niemals ein Bademeister in Sicht, der uns zurechtweisen könnte oder wollte. Wenn wir beim Tauchen zuviel Wasser schlucken, zuckt die Großmutter mit den Achseln, sagt "Kärntner Seen haben Trinkwasserqualität" und tröstet die verkutzte Kinderseele mit der Frage aller Freibadfragen: "Schatzi, mogst a Semmale?" Die Antwort ist immer ja. Sie legt Extrawurst aus der Kühlbox auf eine frisch aufgeschnittene Semmel. Die Spatzen fressen die Krümel, die Schatzis kauen die Semmerln. Kaum ist der letzte Bissen runtergeschluckt, sind wir wieder weg.

So sozialisiert fehlt im klassischen Freibad schlicht die Weite. Das Türkis des Sees. Der Horizont, an dem die weißen Segelboote schaukeln. Die Möglichkeit, auf der inselförmigen Luftmatratze samt Cousine so weit abzutreiben, dass fremde Schwimmer einen an Land ziehen müssen. Im gechlorten Freibad ist nach 25, maximal 50 Metern Schluss. Dann muss man zurück, wo man hergekommen ist. Am See ist selbst der Nichtschwimmerbereich quasi grenzenlos, einzig abgetrennt durch eine verblichene, gelbe Tafel im brusttiefen Wasser. "Achtung! Nur für Schwimmer!", prangte darauf in riesigen Lettern. Wir konnten sie erst lesen, als das mit dem Schwimmen schon lang kein Problem mehr war.

wienerin.at-Redakteurin Davinia Stimson schreibt in ihrer Kärnten-Kolumne über die schrägen, lustigen und immer ein bisschen ernsten Seiten ihres ehemaligen Heimat-Bundeslandes.

 

Aktuell