Warum Kindheitserinnerungen ruhig ein bissl vor Zucker triefen dürfen

Katrin Halbhuber, stv. Chefredakteurin der WIENERIN, ist in Sachen Essenserziehung ihrer Kinder eher auf der Zuckerseite zu Hause als beim Quinoa.

Kind mit Eistüte in den Händen

"Also der N. isst gern Quinoa. Ihm schmeckt auch das Dinkelweckerl viel besser, den interessiert das Kipferl gar nicht. Ich sag dir, ich bin so froh! Die Kinder essen heute ja eh alle viel zu viel Weißmehl."

So klingt sie, die Klischeestimme der ernährungsbewussten Mutter, die ihrem Kind mehr als Fett und Zucker fürs Leben mitgeben will. Ein bisserl bewundere ich ihre Disziplin und bin kurz versucht, ein schlechtes Gewissen zu bekommen - meine Kinder existieren vorrangig dank Weißmehl.

Süßes, sonst gibt's Gesundes!

Persönlich kennen tu ich die Klischeestimme nicht. Ich wohne im 21. Bezirk, Quinoa spielt hier eine untergeordnete Rolle. Hier stehen Dreijährige auf einem Kindergeburtstag vor Smarties, Chips, Fizzers, Pizza und einer Elsa-Torte mit Zuckerguss und Nusscremefüllung. Die Kinder sind begeistert, die Eltern schließen Wetten ab: Wer kotzt als Erstes? Hier kommen die Kleinen morgens Gummibärchen mampfend in den Kindergarten, weil Eltern, wenn's schnell gehen muss, auch mal zu einfachen Methoden greifen: Wer isst, weint nicht. (Wer seine Kinder noch nie mit Essen beruhigt hat, werfe den ersten Stein!)

Munter weiter geht es, wenn nachmittags die Großeltern die Kinder betreuen: Für die ist Zeit mit den Enkeln eine einzige Nachspeisenparty: "Gemüse essen's ja nicht!", erklärt mir der Opa und kocht abwechselnd Kaiserschmarren und Palatschinken.

Sollten wir uns von der Klischeestimme etwas abschauen? Vielleicht. Gerade, weil sich vor allem Mütter eh schon genug Druck machen, plädiere ich für mehr Gelassenheit beim Essen. Ob Geburtstagsparty oder Großeltern: Das ist schon gut so. Essen ist auch Erinnerung. Und die besten Essenserinnerungen triefen halt auch manchmal vor Zucker. Wenn ich als Kind bei meiner Oma übernachtet habe, gab es zum Frühstück aufgebackene Buttersemmeln und Kakao. Das Buttersemmerl wurde dann so lange in den Kakao getunkt, bis im Häferl mehr Fettaugen von der Butter waren als sonst was. Und das Semmerl war so aufgeweicht, dass man es zuzeln konnte. Ob ich beim Gedanken an Omas Quinoa derartig nostalgische Gefühle hätte? Ich bin mir nicht sicher.

 

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