Warum ist das mediale Interesse bei Vermisstenfällen von weißen Mädchen besonders groß?

Madeleine McCann: Kaum ein Fall wurde von Medien so oft und breit aufgegriffen wie jener des kleinen, blonden Mädchens. Warum sorgt Madeleine bis heute für Aufmerksamkeit, obwohl es mehrere aktuellere Fälle von vermissten Girls of Color gibt?

Madeleine McCann, missing white woman syndrome

Blonde Stirnfransen, große Kulleraugen: Fast alle kennen das Bild der kleinen Madeleine Beth McCann. Kein Wunder – geht doch genau dieses eine Bild durch das anhaltende Medienecho seit ihrem Verschwinden im Jahr 2007 um die Welt. Auch als Netflix am 15. März die Dokumentation „Das Verschwinden von Madeleine McCann“ veröffentlichte, musste man nicht lange nachdenken, wer Madeleine McCann nochmal war und worum es in der Doku geht. Das Bild war sofort wieder da und das Interesse an dem ungeklärten Fall wieder geweckt: Was ist mit dem britischen Mädchen, das am 3. Mai 2007 aus einer Ferienwohnung im portugiesischen Praia da Luz verschwand, tatsächlich passiert? Gibt es in der Doku des Streaming-Anbieters etwa neue Details zum bis heute ungeklärten Fall? Warum sonst würde Netflix knapp 12 Jahre nach Verschwinden des Mädchens genau diesen Fall wieder aufgreifen?

„Wir wollen das Leiden anderer betrachten“

23 Millionen Dollar soll Netflix die Produktion der Doku laut Daily Mail gekostet haben. Die Streaming-Plattform dürfte sich also großes gesellschaftliches Interesse an der Eigenproduktion erhoffen. Für Louise Haitz vom Wiener Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft ein legitimer Gedanke, wenn man gesellschaftliche Phänomene betrachtet: „Es gibt ein kulturelles und öffentliches Interesse daran, das Leiden anderer zu betrachten. Man kann mitleiden – auch im kolonialistischen Sinne, indem Menschen sagen oder ausdrücken können: ‚Schau mal, ich fühle mit. Ich bin sehr empathisch, weil ich mein Mitgefühl zeige.‘ Das hat meines Erachtens nach erstmal wenig mit ernsthaftem Interesse daran, diese Art von Kriminalität zu verhindern, zu tun.“ Dass das Interesse tatsächlich an eine Person, in dem Fall an Madeleine McCann, gebunden ist und nicht mit der Thematik an sich zu tun hat, wird verdeutlicht, indem andere Vermisstenfälle medial weit weniger aufgegriffen werden. Das Online-Portal Refinery29 hat etwa Fälle von vermissten Mädchen, die seit 2007 passiert sind, aufgelistet und damit gezeigt, wie wenig sichtbar diese Fälle medial sind. Der einzige Unterschied von Madeleine zu den anderen Fällen ist, dass Madeleine Weiß ist und es sich bei aktuelleren Fällen häufig um Girls of Color handelt.

Der Ausdruck Girls of Color beschreibt keine messbare Hautpigmentierung, sondern ist ein Sammelbegriff für Personen - in diesem Fall junge Mädchen -, die wegen ethnischer Zuschreibungen einer Gruppe angehören, die eher Rassismuserfahrungen macht.

Ohne den Fall von Madeleine McCann kleinzureden oder abzuschwächen: Es soll deutlich gemacht werden, wie viel Aufmerksamkeit der Fall des britischen Mädchens in Relation zu ähnlichen Fällen bekommen hat. Dieses Phänomen wird als „Missing white woman syndrome“, also Vermisste-weiße-Frau-Syndrom beschrieben. Die Phrase wurde erstmals von Gwen Ifill, einer US-amerikanischen Journalistin und Fernseh-Moderatorin geprägt und beschreibt die überproportional intensive Berichterstattung der Massenmedien, in der Vermisstenfälle von jungen, weißen Frauen oder Mädchen aus der Mittelschicht behandelt werden. Der Soziologe Zach Sommers hat dieses „Missing white woman syndrome“ durch eine Studie am Weinberg College of Arts & Sciences, in der er die Berichterstattung über vermisste Personen von vier verschiedenen Medien analysierte, greifbar gemacht: Weiße Frauen und Mädchen machen etwa ein Drittel der Bevölkerung aus, allerdings sind sie das Subjekt in der Hälfte aller Berichte über Vermisstenfälle, das heißt: In Relation zu der Summe an weißen Frauen und Mädchen in der Gesellschaft, wird überproportional oft über ebendiese berichtet, wenn es sich um Vermisstenfälle handelte.

„Ich bin sicher, dass auch vermisste Personen bewertet werden“

Louise Haitz von der Uni Wien forscht hauptsächlich zur medialen Behandlung von Fällen sexualisierter Gewalt und nicht konkret zur medialen Darstellung von vermissten Personen. „In meinem Bereich lässt sich schon sagen, dass unterschiedliche Darstellungen gibt, die einfach mit unserer sozialen und politischen Bewertung von Menschen zu tun hat. Menschen werden in Kategorien wie Race, Class und Gender eingeordnet und hierarchisiert“, so Haitz über die Darstellung von sexualisierter Gewalt. Nichtsdestotrotz sei sie sich sicher, „dass das faktisch so ist, dass diese Bewertung von Menschen auch bei Vermissten eine Rolle spielt.“

„Manche Kinderleben sind schützenswert, andere eine Gefahr.“

von Louise Haitz vom Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.

Bei der Berichterstattung geht es also in erster Linie um Identifikation. Vereinfacht ausgedrückt: In welche Schublade kann man Menschen stecken, sodass sich die breite Masse möglichst gut mit ihnen identifizieren kann? Was kann der Mensch, der da vermisst wird, für eine Kultur, eine Gesellschaft verkörpern? „Da kann man sagen, dass die Weiße Frau für ‚unsere‘ Gesellschaft etwas anderes verkörpert als etwa die Schwarze oder die behinderte Frau.“ Weil es um Identifikation geht und in ‚unserer‘ Gesellschaft Weiß-Sein immer noch als Norm gilt, findet hier eine gewisse Hierarchisierung statt. Manche Menschen werden kategorisch über andere Menschen gestellt. Madeleine McCann wird etwa über vermisste Girls of Color gestellt. „Ich bin absolut sicher, dass hier eine Hierarchisierung stattfindet. Manche Kinderleben sind nicht so interessant wie das von einem kleinen bürgerlichen, wohlhabenden, Weißen Mädchen, das auch noch normschön und nicht behindert ist“, so Louise Haitz. Deutlich wird die Hierarchisierung aktuell etwa auch in der österreichischen Flüchtlingspolitik wie Haitz erklärt: „Das eine Leben ist schützenswert, das andere ist eine Gefahr. Die schwarzen Kinder, die Kinder von Geflüchteten sind nicht schützenswert, sondern eine Bedrohung. Das kleine, blonde Mädchen wird mit anderen Attributen behaftet – der ‚unschuldige Engel‘ etwa. Durch Serien und Medien allgemein haben wir verinnerlicht, dass das Weiße Kind als das schützenswerte gilt.“ Zusammenfassend handle es sich laut Haitz also im Fall von Madeleine McCann um ein Beispiel des „Missing white woman syndromes“, weil hier nicht nur von Netflix, sondern auch den Medien, die zuvor überproportional viel berichtet haben, „klar eine Entscheidung getroffen wurde, wessen Geschichte es wert ist, vermarktet zu werden.“

Die Darstellung von Mädchen als 'unschuldige Engel' prägt ein stark sexualisiertes Bild

An dieser Stelle muss klargestellt werden: Wenn mediale Berichterstattung zur Lösung von Vermisstenfällen beitragen kann, ist das gut. Es geht nicht darum, dass generell zu viel über Vermisstenfälle berichtet wird oder der Fall von Madeleine McCann zu viel mediale Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Es geht lediglich um das Verhältnis, in dem die Berichterstattung von Vermisstenfällen zueinander stehen, denn „für das ‚Wir‘ einer Gesellschaft gibt es immer auch das ‚Andere‘“, so Haitz. Dass manche Kinder als weniger schützenswert wahrgenommen werden als andere, ist also natürlich eine große Ungerechtigkeit. „Trotzdem (!) ist es genauso wenig okay, dass Weiße Kinder als ‚unschuldiger Engel‘ dargestellt werden. Das ist ein stark fetischisiertes und teils sexualisiertes Bild von Kindern“, stellt Louise Haitz klar. Es werden also sowohl dem ‚Wir‘, als auch dem ‚Andere‘ Attribute zugeschrieben. Die Attribute gehen zwar in unterschiedliche Richtungen, beide davon sind aber problematisch und wirken häufig entmenschlichend.

„Opfer verlieren ihre Menschlichkeit“

Generell sei der mediale Umgang mit Opfern problematisch, weil die Opfer laut Haitz ihre Menschlichkeit verlieren. Das beste Beispiel: Natascha Kampusch. Ihr wurden (bewusst oder nicht) gewisse Attribute zugeschrieben – etwa, dass sie als Opfer bestimmt Hass gegen Wolfgang Přiklopil empfindet. Als Natascha Kampusch dann gesagt hat, dass sie Přiklopil nicht hasst, ist ihr ein medialer Aufschrei und eine Welle der Empörung entgegen geschlagen – „eben, weil sie nicht so ist wie die Bilder, die sich über die Jahre in unserem Kopf gefestigt haben. Natascha Kampusch wird bis heute nicht als ‚richtiges Opfer‘ empfunden, weil sie anders ist als das Bild, das wir von ihr hatten“, erklärt Haitz. Sie rufe daher zu bewusstem Medienkonsum auf, bei dem nicht vergessen werden darf, dass hinter den Bildern und Geschichten immer noch echte Menschen stehen. Wir alle müssten mehr (gedanklichen) Raum für den Menschen dahinter lassen und gleichzeitig die Informationsebene wahrnehmen, das heißt: „Wir müssen wahrnehmen, dass es Kriminalität gibt. Es gibt sexualisierte Kindesmisshandlungen. Es gibt organisierte Entführungen. Und wir müssen uns auch bewusst werden, dass das in unserer Umgebung passiert. Die Täter sind nicht die ‚Anderen‘, das sind Menschen, die zum ‚Wir‘ gehören. Das alles passiert in ‚unserer‘ Gesellschaft. Und das ist nicht früher oder später, das ist Jetzt. Und das ist nicht Irgendwo, das ist Hier.“

Anmerkung:

Das Phänomen "Das Leiden anderer Betrachten" geht auf Susan Sontag zurück. Mit dem kolonialisiserenden Mitgefühl befasste sich Sara Ahmed erstmals und die Theorie, dass ein Kinderleben schützenswert und das andere eine Bedrohung ist, wurde von Judith Butler benannt.

 

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