Warum indische Frauen immer wieder Opfer von Gewalt werden

Die Empörung über den Umgang mit Vergewaltigungen in Indien hört nicht auf. Nun meldet auch noch ein indischer Regionalminister, dass eine Vergewaltigung manchmal sogar gerechtfertigt wäre. Zwei Experten nehmen dazu Stellung.

Die jüngsten Fälle von Gruppenvergewaltigungen mit anschließender Ermordung zweier Cousinen sowie die Vergewaltigung einer Frau derselben Region einige Tage später gingen von Indien um die Welt, die ortsansässige Polizei kommt nur schwer in die Gänge. Nun meldet auch noch ein Lokalminister der indischen Regierungspartei, dass eine Vergewaltigung "ein soziales Verbrechen sei, das von Männern und Frauen abhängt." Und als ob das noch nicht genug ist, sagt der Innenminister des Bundesstaats Madhya Pradesh, Babulal Gaur, gestern vor einer Gruppe von Journalisten weiter: "Manchmal ist es richtig, manchmal ist es falsch." Jedenfalls könne ermittlungstechnisch nichts getan werden, solange es keine Anzeige gibt."

Zwei Indien-Experten erklären, wie solche Einstellungen zustande kommen: Michael Gottlob, Indienexperte von Amnesty International, und Lakshmi Subramaniam, Professorin für Geschichte am Centre for Studies in Social Sciences (in Kalkutta/ Indien), und derzeit Kurzzeitdozentin am Centre for Modern Indian Studies (kurz CeMIS, in Göttingen/Deutschland) über ihre Erfahrungen und ihr Wissen über Gewalt in Indien.

Wie kann es dazu kommen, dass in Indien derart viele Vergewaltigungen stattfinden?

Michael Gottlob: Zunächst ist Vorsicht angebracht beim Umgang mit Zahlen. Viele Vergewaltigungen gelangen gar nicht zur Anzeige: aus Furcht vor öffentlicher Bloßstellung oder Rache der Beschuldigten, oder weil die Polizei sie nicht aufnimmt. Zu rechnen ist mit einer hohen Dunkelziffer. Aber dass es in Indien mehr Vergewaltigungen gibt als in anderen Ländern, kann auch nicht zuverlässig belegt werden. In jedem Fall gibt es zu viele. Was die Lage der Frauen in Indien so dramatisch macht, ist: Die alltägliche Gewalt gegen sie geht weit über die Fälle der Vergewaltigungen hinaus: massenhafte Abtreibungen von weiblichen Föten, hohe Mitgiftforderungen für die Heirat (oft mit späteren Nachforderungen, verbunden mit Bedrohungen oder Ermordung), Vernachlässigung bei Ernährung, Gesundheitsversorgung und Bildung, Abschiebung von Witwen aus der Großfamilie.

Lakshmi Subramaniam: Indien ist eine stark patriarchalische Gesellschaft. In der die Gewalt gegen Frauen im Alltag normal geworden ist. Und sie hat zugenommen seit Frauen öffentliche Plätze betreten haben und somit sichtbar wurden, sie wurden dadurch auch verletzlicher. Die Gründe für die sexuellen Übergriffe sind meiner Ansicht nach noch komplexer und müssen im Zusammenfall der sozialen Struktur gesucht werden: Arbeitslosigkeit, frustrierte Jugendliche, Verbreitung sexualisierter Bilder im öffentlichen Raum, Änderungen im städtischen Raum und so weiter. Die sexuelle Gewalt ist eskaliert und in einen Gegenden ist es auch eine Sache der Kastenzugehörigkeit. Außerdem hat die Berichterstattung darüber zugenommen, welche die Fälle häufiger erscheinen lassen und dabei aber auch helfen das Problem zu identifizieren.

Wie können wir uns die gesellschaftlichen Strukturen in Indien vorstellen, die das ermöglichen?

Lakshmi Subramaniam: In Indien ändert sich die Gesellschaft, was dazu führt, dass es in Teilen der Bevölkerung zu mehr Frieden kommt, aber ironischerweise auch das Gegenteil gefördert wird. Wenn sich eine soziale Struktur ändert, ist das nie einfach. Es gibt Gesetze, klar - aber was gebraucht wird ist ein besseres Bewusstsein und Bewusstseinsbildung. Von Seiten der Polizei genau so wie von den Familien, in welchen die Kinder aufwachsen, speziell die Buben.

Selbst männliche Begleitung ist in Indien kein Schutz vor einer Vergewaltigung.

Wie muss man sich das Frauen- und Männerbild vorstellen?

Michael Gottlob: Traditionelle und moderne Rollenbilder von Männern und Frauen existieren nebeneinander. Gewalt gibt es aber nicht nur in den traditionellen Familien. Allgemein gelten Männer mehr als Frauen, auch wenn nach der Verfassung Gleichberechtigung herrschen sollte und es Maßnahmen zur Förderung von Frauen und Mädchen gibt sowie reservierte Sitze in den Gemeinderäten (kommunale Selbstverwaltung).

Wie können wir uns die typischen involvierten Frauen und Männer vorstellen?

Lakshmi Subramaniam: Ich bin nicht sicher, ob es sich wirklich um Stereotypen handelt. Es gibt einen Tendenz dazu, den Frauen die Schuld zuzuschieben, weil sie angeblich provokativ gekleidet sind oder sich so benehmen. Aber das zeigt nur die Vorurteile, welche die Gesellschaft gegenüber Frauen hat.

Wie kann man das Täterprofil beschreiben? Kommen die Männer aus einer bestimmten Klasse?

Michael Gottlob: Die Täter kommen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen. Oft aus der eigenen Familie, der Nachbarschaft oder dem Bekanntenkreis. Eine besondere Form der Gewalt in Indien ist durch das Kastensystem bedingt. Im jüngsten Fall der beiden ermordeten Mädchen im nordindischen Uttar Pradesh gehörten die Opfer der Gruppe der Dalits an, der untersten gesellschaftlichen Schicht, die man früher als „Unberührbare" bezeichnete. Die Diskriminierung der Dalits steht unter Strafe, gehört aber gerade in Form der Gewalt gegen Frauen zur alltäglichen und hingenommenen Realität in Indien.

Lakshmi Subramaniam: Ich möchte da keine Generalisierung machen. Natürlich gibt es Fälle, bei denen Leute in schlechter Gesellschaft sind oder Alkohol und Drogen im Spiel sind. Aber eben nicht alle.

Was treibt Männer dazu, derart brutal zu handeln?

Michael Gottlob: Dass Männer in Indien ihre Macht über Frauen oft unbehelligt ausüben, bis hin zu Vergewaltigung und Tötung, hat mit der allgemeinen Akzeptanz der Diskriminierung zu tun. Dies zeigt sich auch häufig in einem erschreckenden Mangel an Schuldbewusstein bei überführten Tätern. Es liegt aber auch an dem hohen Maß an Straflosigkeit, am schlecht funktionierenden indischen Rechtssystem ganz allgemein. Selbst im Fall von Gerichtsprozessen gegen Vergewaltiger kam es bisher nur selten zu Verurteilungen.

Ist jede Frau gefährdet?

Michael Gottlob: Gefährdet ist im Prinzip jede Frau. Doch je abhängiger die Position, auch in ökonomischer Hinsicht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer von Gewalt zu werden.

Müssen sich also alle Frauen fürchten?

Lakshmi Subramaniam: Nein, sicherlich nicht. Es gibt große regionale Unterschiede, viele Städte und Plätze sind in Indien sicher. Auf der anderen Seite kann man natürlich nicht vorsichtig genug sein in puncto Sicherheit und aufgrund der Umstände, dass die Geschlechterdiskriminierung ein großes Problem ist.

Warum straft die Politik die Vergewaltigungen nicht mehr ab?

Michael Gottlob: Die Gesetze wurden infolge der großen Protestwelle nach der brutalen Vergewaltigung einer Studentin in Delhi (Dezember 2012) verschärft. Das Strafmaß wurde erhöht (bis hin zur Todesstrafe für Vergewaltigungen mit Todesfolge), untätige Polizisten und Richter sollen suspendiert oder bestraft werden. Verschiedene Maßnahmen sind ergriffen worden, um die Sicherheit von Frauen und Mädchen zu erhöhen (z.B. Kameras in Bussen, Einrichtung von Telefon-Hotlines usw). Doch alles hängt davon ab, ob die Bestimmungen auch umgesetzt werden. Immerhin: Die Aufmerksamkeit für Verbrechen und Gewalt an Frauen hat in Indien zugenommen.

Warum kommen dann in Indien Vergewaltiger ungestraft davon?

Lakshmi Subramaniam: Es gibt Strafen, sogar sehr strenge. Das Problem war die schnelle Einführung. Vieles verändert sich gerade. Viele seriöse Frauen haben sich zu Protestgruppen zusammengeschlossen, speziell nach der Vergewaltigung im Dezember 2012 in Delhi und jener in Mumbai. Danach mussten die Gerichte umdenken.

 

Aktuell