Warum ich Zug fahren immer hassen werde

Wer mit dem Zug fährt, ist ein besserer Mensch. Ja, ja. Olivia Peter über ökologische Fußabdrücke, Karma und die bestätigte große Liebe zu ihrem Auto.

Ja, ja, ich weiß: Wer mit dem Zug fährt, ist ein besserer Mensch. Hat besseres Karma. Einen besseren ökologischen Fußabdruck. Trotzdem: Ich habe es immer schon gehasst und ich werde es immer hassen. Macht mich ruhig fertig, aber ich liebe mein Auto!

Der Zug rollt los, ich beginne, mich zu entspannen, als dieser eine Satz kommt, den jeder Zugreisende hasst: "Entschuldigung, ist hier noch frei?"

"Kein Augenkontakt!" Das Mantra eines zugerprobten Freundes. Seine Strecke: Wien-Linz. Jedes Wochenende. Ich sitze seit gefühlten Jahrzehnten mal wieder im Zug. Strecke: Wien-Innsbruck. Grauenvoll lange vier Stunden. Der Zug ist knallvoll. Aber das mit dem Augenkontakt-Vermeiden funktioniert. Ich trage ein möglichst arrogantes G'schau. Mein Koffer verstellt den Sitzplatz neben mir. Horden von Mitreisenden ziehen an mir vorbei. Bei jedem Einzelnen denke ich triumphierend: "Ha!" Der Zug rollt los, ich beginne, mich zu entspannen, als dieser eine Satz kommt, den jeder Zugreisende hasst: "Entschuldigung, ist hier noch frei?" Uaaarrghhh.

Die Sache mit den Sitznachbarn

Ein Student, Marke BWL, hat es auf den Nebensitz abgesehen. Er kann nichts dafür, aber er nervt mich schon jetzt. Möglichst umständlich hieve ich meinen Koffer ins Gepäckfach, um ihm zu verdeutlichen, wie ungeheuer mühsam das jetzt für mich ist. Keine Ahnung, warum zahlreiche Filme ausgerechnet den Zug als Setting für beginnende Liebesbeziehungen nehmen. Ich finde hier alle Menschen nur eines: entbehrlich. Mehrere Stunden verharrt man nebeneinander, innerlich betend, dass der oder die Mitreisende nicht in eine der folgenden Kategorien fällt: will reden. Beginnt zu essen. Beginnt zu telefonieren. Hört so laut Musik im Kopfhörer, dass man mitsingen kann. Schnauft sehr laut. Beginnt, sich auszubreiten. Mit Zeitung. Buch. Füßen. Hat eine Fahne. (Es ist keine Flagge gemeint.) Beginnt, nach vorne/hinten/zur Seite rüberzuschreien, weil dort Bekannte sitzen. Beginnt, hektisch nach der Fahrkarte zu kramen, sobald der Kontrolleur das Zugabteil betritt. Rennt alle drei Minuten aufs Klo. Rennt alle drei Minuten in den Speisewagen. Wobei, wenn er dort bleibt, finde ich das sehr okay.

Mein Sitznachbar stellt sich als kleines Wunder heraus. Er ist der Thomas Schäfer-Elmayer der Bahn. Oder zumindest Co-Autor des "Zug-Knigges". Kein Grenzen-Überschreiten. Kein Manspreading. Er sitzt ganz ruhig neben mir. Leise atmend, angenehm riechend, und ich beginne mich zu fragen, ob ich ihn vielleicht und eventuell nicht sogar ein wenig attraktiv finde?

Ich reservier' mir einen Platz - für meinen Kaktus!

In Linz springt er plötzlich von seinem Sitz auf. Steht wenig später keuchend mit einem Paket, das ungefähr so groß ist wie ich, neben mir und sieht mich fragend an. Ich schaue fragend zurück. "Ähm, Sie müssten jetzt bitte den Platz verlassen. Ich habe für das Paket ab Linz extra eine Platzreservierung gebucht." Ich bin perplex. Schaue auf die digitale Sitzanzeige - und da steht tatsächlich: reserviert. Linz-Innsbruck. Man kann für ein Paket einen Platz reservieren?! Geil. Nächstes Mal reserviere ich auch einen Sitz - am besten für meinen Kaktus.

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