Warum ich ein Jahr Make-up-free war – und mich jetzt doch wieder schminken werde

Jede Minute, die ich mich morgens im Bett nochmal umdrehte statt mich zu schminken, fühlte sich an wie eine kleine feministische Revolution. Und trotzdem: Vielleicht wiegen die 30 Minuten extra Schlaf nicht auf, was der Verzicht von Make-up sonst noch so mit sich brachte.

Make-up

Bei mir war es ja so: Ich habe mit 13 Jahren begonnen mich zu schminken. Damals, mit diesen grausigen Lipglossen mit Apfelgeschmack, die man sich auf den Finger stecken konnte. (Kennt die noch jemand?) Und eigentlich hatte ich Spaß daran. Also sofern man als Frau aus Selbstbestimmung heraus an etwas Spaß haben kann, das auf den Grundfesten des Patriarchats basiert: dem männlichen Blick.

Das Handbuch des Patriarchats macht Mädchen und heranwachsenden Frauen schließlich schnell klar: Mach dich schön, sei nett anzuschauen und die positive männliche Aufmerksamkeit sei dein. Positiv heißt in dem Fall so viel wie: Man wird dir eher zuhören, dich eher ernst nehmen, du kannst dir eher Ausreißer leisten. Je näher du an der Normschönheit bist, desto eher kannst du dir einen Ausbruch aus der normierten weiblichen Rolle leisten. Sind weiße, dünne, normschöne Frauen etwa in Meetings laut und setzen sich für ein Thema ein, wird ihnen das eher verziehen als einer dicken, Schwarzen Frau.

Der Zusammenhang zwischen wahrgenommener Kompetenz und Make-up ist wissenschaftlich bewiesen: Laut einer Studie von Forscher*innen der Universität Boston und der Harvard Medical School aus dem Jahr 2011 werden Frauen, die sich im Büro "professionell" schminken, als kompetenter und zuverlässiger angesehen als Frauen ohne Make-up.

Als Frau lernt man aber auch ganz schnell: Zu viel soll's auch nicht sein. Frauen, die sich "zu stark" schminken werden ebenso weniger kompetent wahrgenommen, wie eine im Journal Sex Roles veröffentlichte Studie zeigt. 1000 Proband*innen mussten Gesichter von Frauen einmal mit und einmal ohne starkes Make-up bewerten. Sowohl männliche als auch weibliche (Hallo, internalisierte Frauenfeindlichkeit!) Teilnehmer*innen schätzten stark geschminkte Frauengesichter als weniger menschlich, weniger warm und moralisch inkorrekter ein.

So sind sie, die Regeln und Standards, die das Patriarchat an Frauen stellt: Unerreichbar. Und wenn sie durch teure Schönheitsarbeit in Form von Produkten und Beauty-Behandlungen doch zu erreichbar werden, werden sie geändert. Immer so, dass man als Frau bloß nicht genügen kann.

Ich schmink mich ja eh nur für mich selbst.

Nur: Irgendwann habe ich begonnen die Regeln des Patriarchats zu hinterfragen. Warum schminke ich mich eigentlich? Warum müssen sich Buben eigentlich nicht schminken? Weil ich mir ja dann selbst auch viel besser gefalle, sagte ich mir. Aber tue ich das wirklich? Und wenn ja, warum? Warum habe ich von mir selbst ein Bild und einen Anspruch verinnerlicht, den ich ohne Einwirkung von außen gar nicht mehr erfüllen kann? Schminke ich mich auch, wenn ich alleine bin? Nein, tu ich nicht. Mach ich's dann wirklich nur für mich selbst?

Mit 26 Jahren habe ich aufgehört, Make-up zu tragen. Und Nein – nicht, weil dann die Haut schöner wird. Sondern weil ich mich dem bewusst widersetzen wollte. Dem Schönseinmüssen. Dem Weichzeichnen, dem Abdecken, dem Konturieren. Und ein bisserl auch als Experiment, wie es mir damit gehen würde.

Und ganz ehrlich? Für mein feministisches Selbstverständnis hat das eine Zeit lang gut funktioniert: Die ersten paar Monate waren toll! So viel mehr Zeit, wenn man einen so zentralen und zeitlich aufwendigen Teil der Schönheitsarbeit einfach mal außen vor lässt. Jede Minute, die ich mich morgens doch nochmal umdrehte und im Bett wälzte, fühlte sich an wie eine kleine feministische, antikapitalistische Revolution.

Das konnte es nur, weil ich eine weiße Frau bin, die nicht-behindert ist, keine Akne hat und dem westlichen Schönheitsideal ungeschminkt näher kommt als andere. Nur deshalb kann ich das Weglassen von Make-up als kleine Rebellion feiern - obwohl ich mich ungeschminkt vielleicht von männlichen Blicken mal mehr verurteilt, in beruflichen Gesprächen weniger ernst genommen fühle und auch nach Monaten des Nicht-Schminkens noch regelmäßig gefragt werde, ob ich müde oder krank sei.

Hallo, geht's dir ned guat?!

Wir sind den Anblick ungeschminkter Frauen, den Anblick von Frauen, die sich dieser Schönheitsarbeit entziehen so wenig gewöhnt, dass wir ungeschminkte Frauen nicht etwa nur als ungeschminkt, sondern als "krank" und "müde" lesen. Geht's dir gut? Du schaust ganz blass aus, hört man dann, wenn man das männliche Auge durch das Weglassen von Bronzing Puder ganz verwirrt zurücklässt. Das höre ich auch nach einem Jahr Make-up-freier Zeit noch. Und das ist mühsam. Und es ist mühsam, sich auf Familienfeiern erklären zu müssen, warum man sich nicht rausgeputzt hat für die Tante Herta. Es nervt, gefragt zu werden, ob man sich nicht gut fühle. Und es muss nicht sein, dass man das Gefühl hat weniger ernst genommen zu werden. Das alles ist freilich keine strukturelle Diskriminierung, aber mühsam ist es allemal.

An manchen Tagen ist das sogar mühsamer als ein bisserl Puder und Mascara aufzutragen, wie ich für mich beschlossen habe. Und diesmal mach ich's wirklich nur für mich selbst. Ein Argument, das ich mir vor meinem kleinen Selbstexperiment nicht durchgehen hätte lassen. Mit meiner jetzigen Erfahrung, mit meinem aktuellen Wissensstand glaube ich aber: Mich hin und wieder bewusst patriarchalen Normen zu beugen, macht mich nicht weniger feministisch. Ganz im Gegenteil: Ich spare mir die mühsamen Diskussionen und damit auch meine Nerven und Kräfte. Für die ganz, ganz große Revolution dann – und nicht nur die beim Snoozen vom Wecker.

 

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