Warum haben wir ein Bedürfnis nach Rache?

Höhere Strafen für Kriminelle? Im ersten Moment will man nicken, obwohl Freiheitsentzug erwiesenermaßen wenig bringt. Warum haben wir so ein großes Bedürfnis nach Rache und Bestrafung?

Rache

"Jetzt sitz' ich wieder da - nach sechs Monaten Verhandlung und Untersuchungshaft. In meiner Zelle in Suben. Ich werde in die Küche kommen, das heißt: 6 Uhr aufstehen, bis 13 Uhr arbeiten, eine Stunde im Hof spazieren und wieder zurück in die Zelle. Und das zwei Jahre lang", steht in Christians Tagebuch, in das er der WIENERIN Einblick gibt. Er war zu diesem Zeitpunkt gerade zum zweiten Mal inhaftiert worden. Beim ersten Mal waren es sechs Jahre wegen eines Banküberfalls. Nach neun Monaten in Freiheit wurde er wegen "eines Streits auf offener Straße gemeinsam mit einem Komplizen verhaftet", erzählt er. Damit gehört Christian zu jenen 32,5 Prozent aller StraftäterInnen, die wieder verurteilt werden. Insgesamt sind in Österreich aktuell 9.490 Personen (Stand: 1. April 2019, Statistik Austria) inhaftiert, die meisten davon Kleinkriminelle. Die Statistik zeigt: Je länger Personen in Haft sitzen, desto eher werden sie rückfällig. Auch JuristInnen und ExpertInnen sind sich einig: Freiheitsentzug als Strafe ist nicht zwingend sinnvoll und macht die Problematik auf lange Sicht nur größer. Warum? Gefängnisse sind wie ein Paralleluniversum, Inhaftierte kein Teil der Gesellschaft. Durch die strikt vorgegebenen Abläufe können InsassInnen desozialisiert werden. Das hat Christian -wenn auch nicht am eigenen Leib -miterlebt, wie er im Tagebuch schreibt: "Ich find's ganz angenehm hier. Im Heim war es viel schlimmer. Aber der H. aus der Nachbarzelle jammert. Der Kollege hat vier Kinder, draußen ein normales Leben g'habt und kennt sich hier gar nicht aus. Unglaublich, wie viel ein Mensch sudern kann.'Dann hättest halt nix anstellen dürfen, du Trottel!', hab ich heut zu ihm g'sagt."

Christian hat in insgesamt acht Jahren Haft Tagebuch geschrieben und uns Einblick gegeben.

Christians Tagebuch

Alternative Modelle

Ebendiese Ausgrenzung durch das österreichische Strafwesen macht es für TäterInnen schwierig, später wieder ein Teil der Gesellschaft zu werden. Alternative Zugänge gäbe es: In Brasilien werden Reintegrationszentren ohne staatliches Wachpersonal betrieben. Die Inhaftierten passen gegenseitig aufeinander auf. Auf der norwegischen Insel Bastøy können sich Häftlinge frei bewegen. Der Strandbereich der Inhaftierten ist auch für die Öffentlichkeit als Badeplatz frei zugänglich. Häftlinge sollen so resozialisiert werden und den Bezug zu gesellschaftlichem Zusammenleben nicht verlieren. Die Sinnhaftigkeit alternativer Modelle wie dieser lässt sich in Österreich mit Angestellten aus dem Justizwesen allerdings nicht diskutieren. Eine Interviewanfrage beim Bundesministerium für Verfassung, Reformen, Deregulierung und Justiz wird abgelehnt: "Die Aufgabe der Justizanstalten ist es, die ausgesprochenen Strafen in der gesetzlich vorgegebenen Form zu vollziehen. Politische Überlegungen zu Alternativmodellen und deren Sinnhaftigkeit können wir daher nicht kommentieren." Eine zweite Anfrage für ein Gespräch wird zwar genehmigt, "die Genehmigung ist allerdings so formuliert, dass ich mich außerstande sehe, auf Ihre Fragen inhaltsvoll antworten zu können", so die Rückmeldung einer Quelle, die anonym bleiben möchte. Gerne hätte die zitierte "querdenkerische" Person über Alternativmodelle im Justizwesen gesprochen, aber: Zu heikel sei in Zeiten wie diesen ein öffentliches Gespräch über "Themen, die gegen Regierungslinie sind".

Resozialisierung im Paralleluniversum

"Auch bei uns steht seit den 1970er-Jahren Resozialisierung im Vordergrund", weiß Sabine Matejka, Präsidentin der Vereinigung der österreichischen Richterinnen und Richter, die sich für ein Interview bereit erklärte. In der Haft sei Resozialisierung aber schwer zu erreichen. Dort herrschen andere Regeln, wie auch Christian nach einem halben Jahr in Haft in seinem Tagebuch schreibt: "Heute haben's uns erwischt, wie wir aus der Fleischerei gestohlen haben. Im Hof haben's uns g'sackelt. Aber das ist eh harmlos. Bei den Lebenslangen oben hör ich immer wieder von Messerstechereien, sexuellen Übergriffen -und dass sich manche die Pulsadern aufschneiden. Aber sonst sind die Lebenslangen harmlos. Die haben eh nix mehr zu verlieren. Die, die so um die 15 Jahre gekriegt haben, sind die Depperten. Bei denen muss man aufpassen."

Egal, ob in Haft oder in Freiheit: Strafe führt eben nicht zu geringerer Kriminalität, wie Sabine Matejka erklärt: "Dazu gibt es wissenschaftliche Untersuchungen. Hohe Strafen sind insbesondere bei Sexualdelikten und emotionalen Gewaltdelikten nicht abschreckend, weil diese Taten nicht lange geplant werden und der Täter, die Täterin dabei nicht über eine Strafe nachdenkt." Aber Bestrafung lässt sich eben gut politisch instrumentalisieren: Wer höhere Strafen für TäterInnen fordert, erntet Applaus - und intuitiv möchte man mitapplaudieren. Wer ein Verbrechen begeht, soll bestraft werden. Oder?

Gute und böse Menschen gibt es ebenso wenig wie gute und böse Regenwürmer.

von Michael Schmidt-Salomon, Autor

Jenseits von Gut und Böse

Das Verlangen nach Rache ist nur eine logische Konsequenz unserer Sozialisierung. "Unsere Gehirne wurden über Jahrhunderte hinweg auf der Basis von 'Schuld und Sühne' und 'Gut und Böse' programmiert", schreibt Michael Schmidt-Salomon in seinem Buch Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind (Piper-Verlag, € 12,40). Diese Denkweise sei auch zum Teil auf Religionen zurückzuführen: In nahezu allen Religionen findet sich ein Äquivalent zu Himmel und Hölle und damit eine Form von Belohnung und Bestrafung. In der Realität würden wir für diese "Wahnidee" laut dem Autor aber keine Entsprechung finden. "Je genauer wir hinschauen, desto klarer erkennen wir: Gute und böse Menschen gibt es ebenso wenig wie gute und böse Katzen, Elefanten, Regenwürmer oder Delfine", schreibt Schmidt-Salomon und plädiert mit seinem Buch für eine "menschenfreundliche Philosophie jenseits von Gut und Böse". Für diesen Vorschlag erntet er oftmals Entrüstung: Würde das bedeuten, dass auch jegliche Gräueltaten von Diktatoren aus der Vergangenheit moralisch entschuldigt werden?

Perspektivenwechsel

Damit diese " entspanntere Weltsicht" gelingt, müssten wir Rachegefühle hinterfragen und verstehen. "Gefühle sagen etwas darüber aus, was wir für richtig und falsch halten. Rachegefühle empfinden wir aus Wut über ein subjektiv empfundenes oder geschehenes Unrecht", weiß Psychologin Johanna Schaupp. Damit sei Rache ein sekundäres Gefühl, das aus der Grundemotion Wut entsteht und in Gedanken an Vergeltung resultieren kann. "Solche Gedanken können eine erleichternde Wirkung haben, aber: Rachegedanken müssen nicht unbedingt zur Rachehandlung führen, da wir auch eine moralische Instanz, die eine Verhaltenskontrolle durchführt, in uns tragen." Auch, wenn die Bestrafung dann von anderen, etwa vom Justizwesen, durchgeführt wird, geht es uns nicht zwingend besser, wie die Psychologin weiß:"Wir wissen, dass Strafe nicht dazu führt, dass sich ein Opfer langfristig besser fühlt. Vor allem, wenn der Täter während der Haftstrafe keine Einsicht gewinnt." Generell ist auch Schaupp davon überzeugt, dass Freiheitsentzug in vielen Fällen nichts bringt: "Im Gegenteil: Gefängnisse machen Menschen meist unsozialer. Gute Erfahrungen gibt es mit Sozialarbeit, Tatausgleichen und Mediation. Einsicht und eine ehrliche Entschuldigung sind das, was Opfern wirklich etwas bringt. Das wissen wir aus der Friedensforschung."

Einsicht

"Ich bin schon in der Entlassungszelle. Morgen um 5 Uhr komm ich raus", steht in Christians Tagebuch. Auch ohne Buch würde er sich aber an jedes Detail aus der Haft erinnern, erzählt er. "Das vergisst du nie!" Auf die Frage, ob er während der Haft über seine Taten nachgedacht habe, antwortet er heute: "Geh, gar nix hab i! Nach'dacht hab ich erst später, als ich draußen war und eine Familie hatte." Sprich: ein soziales Umfeld als Teil der Gesellschaft. "Jetzt kann ich den Kollegen H., der immer so g'sudert hat, verstehen", erzählt er schmunzelnd und fügt hinzu: "Heuer hab ich übrigens Freiheitsjubiläum!" Wievieltes, will er nicht verraten, aber fest steht: "Das wird g'feiert! Die im Häf 'n sehen mich fix nimmer!"

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