Warum haben wir Berührungsängste?

Warum bekommt man oft so eine diffuse Angst, wenn man einem Menschen mit Behinderung begegnet? Und was empfinden wir als normal? Wir haben nachgefragt, wie Inklusion gelingt.

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Ein Kind, das nicht hören kann, eine Frau, die im Rollstuhl sitzt, oder ein Mann mit Downsyndrom: Wir sind oft überfordert und haben Angst, wenn wir auf Menschen treffen, die sich einfach etwas anders verhalten, als wir das erwarten. Warum? Es sei das „Unvertraute“, sagt Markus Dederich, der an der Universität zu Köln unterrichtet und bereits viele Bücher zum Thema Inklusion publiziert hat.

Wenn jemand anders ist als wir selbst, zucken wir zurück. Wir haben „Berührungsängste“ – warum ist das so?
Markus Dederich: Es hat mit dem Verhältnis von Vertrautheit und Unvertrautheit zu tun. Etwas Unvertrautes kann faszinierend, interessant, begehrenswert sein, aber auch mit negativen Gefühlen einhergehen. Es kann verunsichern, weil es die Vorstellungen darüber, was als normal zu gelten hat, infrage stellt. 

Offensichtlich sind Verschiedenheiten wie Hautfarbe oder kulturelle Unterschiede, aber auch körperliche oder geistige Beeinträchtigung für viele Menschen eine Art Stoppschild. Woher kommt dieses
Normempfinden?

Wenn wir Menschen begegnen, haben wir Erwartungen an Interaktionsrituale: Wie wird sich diese Person verhalten, wie wird sie sprechen …? Wenn wir jetzt auf einen gehörlosen Menschen treffen
und selbst keine Gebärdensprache können, kommt es zu einem Bruch dieser Erwartungen. Ähnliches geschieht mit uns, wenn wir sichtbare Beeinträchtigungen wahrnehmen, etwa bei Menschen
mit Downsyndrom; auch, weil wir in dem Moment mit der Verletzbarkeit der menschlichen Existenz konfrontiert werden.

Ist diese Reaktion ein soziales Phänomen?
Ja, ganz klar. Je weniger Kontakt wir mit solchen Menschen haben, desto stärker kommt ein Gefühl von Irritation, vielleicht sogar Angst. Und in unserer Gesellschaft gibt es eine Norm, die stark auf
Intaktsein ausgerichtet ist. 

Dann müsste es doch bei mehr Begegnungen weniger Berührungsängste geben, oder?
Ja, es gibt die Kontakthypothese, die eben genau das besagt: Kontakt trägt dazu bei, Ängste abzubauen. Allerdings – und das ist wichtig – muss es ein bereichernder Kontakt sein, der auch von beiden Seiten gewollt ist. Nur so gelingt der Angstabbau. 

Wie stellt man solche Situationen her?
Ich nenne das eine kulturelle Evolution, die natürlich in der Schule beginnt, indem man Inklusion fördert, also den Kontakt zwischen unterschiedlichen Menschen normalisiert. Es gibt dazu viele tolle Projekte, auch in Österreich, doch gelungene Inklusion lässt sich nicht auf Knopfdruck herstellen. Was man allerdings bei allen Forschungen sieht, ist, dass die Projekte umso besser gelingen, wenn die Pädagoginnen und Pädagogen ebenfalls daran glauben. 

Wir haben mit Johanna Ortmayr, der Präsidentin des Downsyndrom- Verbandes (zum Interview), gesprochen. Als Betroffene wünscht sie sich, „normal“ behandelt zu werden, also weder bevormundet noch unter einen Glassturz gestellt zu werden. Dieser Wunsch ist verständlich, aber wie kann so eine „Normalisierung“ gelingen?
Es ist gar nicht so schwierig, wie man glauben könnte, weil sich die Dinge, auf die es in der zwischenmenschlichen Kommunikation ankommt, hier nicht verändern. Es geht doch um eine respektvolle und angemessene Art, miteinander zu sprechen und zu arbeiten. Natürlich ist es wichtig, zu wissen, welche Beeinträchtigung der Mensch hat, und diese auch zu berücksichtigen, aber ebenso
wichtig ist es, keine Sonderwelt aufzumachen. 

Ein Tabu bei Menschen mit Behinderung ist das Thema Familie und Kinder – wie ist Ihre Einschätzung dazu? 
Wir haben es hier mit einem historisch sehr belasteten Thema zu tun – gerade in Deutschland und Österreich, denn die Euthanasieverbrechen des Dritten Reichs hatten verheerende Auswirkungen.
Die andere Frage ist, ob Menschen mit einer geistigen Behinderung in der Lage sind, Kinder angemessen zu erziehen. Damit spricht man aber pauschal einer Gruppe das Recht ab, Familie haben zu  können. Daher muss man diese Frage wirklich individuell betrachten, denn wie viele Kinder erleben etwa Gewalt, obwohl bei den Eltern nicht die geringste Behinderung vorliegt? Es ist ein komplexes Thema, doch wir sollten als Gesellschaft versuchen, von stereotypen Urteilen wegzukommen. So gelingt Inklusion.

Markus Dederich, Inklusionsexperte und Erziehungswissenschafter, lehrt als Professor an der Universität zu Köln am Department Heilpädagogik und Rehabilitation.

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