Warum Gewalt gegen Kinder nie eine Lösung sein kann!

Wolfgang Greber zieht seinen 3,5-jährigen Sohn als Erziehungsmaßnahme an den Ohren. So zumindest schreibt er im Artikel „Wer Strafe nicht vollzieht, wird unglaubwürdig“ in der Presse vom Sonntag (30.11.2014). Er wähnt sich damit im Recht. Die Antwort von WIENERIN-Redakteurin Eva Jankl.

Ein dreieinhalbjähriger Junge – fröhlich, aufgeweckt, klug und die meiste Zeit auch sehr brav. Auf Aufmüpfigkeit und schlimm sein folgt eine Sanktion. Und die besteht bei Vater, Wolfgang Greber von der Tageszeitung Die Presse, darin, ihm die Ohren lang zu ziehen. In homöopathischen Dosen, nur ab und zu, wie der Autor schreibt.


Hätte Wolfgang Greber das vor 40 Jahren geschrieben, hätte das gar keine Reaktion hervorgerufen. Denn damals war die „gesunde Watschen“ als Erziehungsmaßnahme noch gang und gäbe. Doch wir sind im Jahr 2014 und da sieht die Situation zum Glück anders aus. Seit 1989 ist Gewalt an Kindern in Österreich verboten. Und zwar aus gutem Grund. Abseits der Schmerzen, die ein Kind bei einer Konfrontation mit körperlicher oder seelischer Brutalität erleidet, kann in jedem Kind Einiges zerbrechen: Würde, Vertrauen und sogar die Unschuld.


Da mag es nicht verwundert, dass nach Erscheinen des Artikels die Wogen hochgingen. Natürlich und zum Glück gibt es jene, die den Autor kritisieren – Väter, Mütter, Pädagogen genauso wie Fernsehmoderator Armin Wolf. Jene haben es sogar geschafft, dass sich Die Presse Montagmittag nachträglich vom Inhalt des Artikels distanziert. Aber, und das ist viel trauriger: Unter den Kommentaren unter dem auch online veröffentlichten Artikel gibt es noch genug, die dem Autor symbolisch auf die Schulter klopfen. Für die Erziehung und den Mut, diese öffentlich zu verkünden. Und schon befinden wir uns mitten in einer Diskussion zum Thema, ob Gewalt gegen Kinder Sinn macht, vielleicht sogar erlaubt sein sollte?


Doch darauf kann es nur eine Antwort geben: nein und noch einmal nein. Kein Kind stellt absichtlich etwas Böses an oder ignoriert die Anweisungen der Eltern, nur um sie zu missachten. Vielmehr geschieht vieles, weil das Kind es nicht besser weiß. Oder weil es im Spiel vertieft war und es in diesem Moment richtig erschienen ist. Oder weil es Vater und Mutter vielleicht auch gar nicht gehört hat. Doch wie sollen Prügel, Watschen oder etwa Ohren lang ziehen dem Kind dabei helfen klüger und weitsichtiger zu werden?


Natürlich geraten Eltern bei der Erziehung an die eigenen Grenzen. Schlafmangel, Stress und sonstige Überforderung lassen manche Mücke im ersten Licht als Elefanten erscheinen. Und ist doch etwas Gröberes passiert, kann natürlich auch bestraft werden. Aber nicht mit Gewalt und zwar nie und unter keinen Umständen. Angedrohte Strafen à la „Eine ganze Woche lang nicht fernsehen“,„Heuer nicht ans Meer fahren“, „Zu Weihnachten kommt kein Christkind“, wie der Autor sie aufführt, sind natürlich sinnlos. 1) Weil man vermutlich ohnehin nicht vorhat diese umzusetzen und 2) weil die Konsequenz sofort folgen sollte – vor allem bei so kleinen Kindern wie jenem vom Autor. Doch der Autor sieht dabei gar keine Alternative zum Ohrenzieher.


Auch die zweite Methode des Autors, das Kind demonstrativ inszeniert über die Knie zu legen und ihm einen Klaps zu verpassen, ist um keinen Deut besser. Die Tatsache, dass der Autor und sein Sohn dabei lachen, macht die vermeintliche Erziehungsmethode ohnehin nutzlos und kontraproduktiv. Denn die Botschaft dabei ist, dass alles ohnehin nur Spaß ist und der Autor sowieso nicht ernstzunehmen ist.


Warum Wolfgang Greber überhaupt körperliche Züchtigung einsetzt und nicht nach Alternativen sucht, argumentiert er folgendermaßen: „Ich habe manch gewaltfrei erzogenes Kind erlebt, sie neigen zu Rücksichtslosigkeit und verbreiten oft negative Schwingungen.“ Sprich: Dank Gewaltverbot werden Kinder immer schlimmer. Ob das stimmen kann? Oder ist das doch nur ein Eindruck der Hilflosigkeit des Autors? Denn schon Sokrates bemerkte einige hundert Jahre vor Christi Geburt „Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer.“ Subjektiver Eindruck oder ist diesem vermeintlichen Umschwung auch das Abschaffen der körperlichen Züchtigung vorhergegangen?


Und vor allem, was macht Autor Wolfgang Greber, wenn sein Sohn nicht mehr drei, sondern fünf oder sechs Jahre alt ist. Und ihm dann frech ins Gesicht grinst und ihm verkündet, dass der Ohrenzieher keine Wirkung mehr habe? Der Autor wähnt sich aktuell in der Sicherheitszone, weil die Maßnahme vermeintlich funktioniert hat. Doch Kinder entwickeln sich weiter. Wäre es nicht nicht von Anfang an besser, ein Kinder darauf vorzubereiten, dass man reden muss, wenn man etwas erreichen will? Nur Worte können Berge versetzen. Gewalt wird immer in Gewalt enden. Und Eltern werden mit Kindern immer vor Problemen stehen. Was aber, wenn man auf der Straße der Erziehung schon zu früh abgebogen ist? Was kommt dann als nächstes?

Aktuell