Warum Gewalt gegen Frauen keine Frage des Alters ist

Gewalt endet nicht im Alter. Im Gegenteil: Gerade ältere Frauen sind einem mehrfachen Risiko ausgesetzt und bekommen nur schwer Hilfe.

Ältere Frau gibt Hände vor ihr Gesicht

Irgendwann sind sie ihm aufgefallen. Die Hämatome an den Schienbeinen seiner Patientin und die Wutanfälle ihres Partners, von denen die Pflegerinnen erzählt haben. Als der Sohn des Paares nicht reagiert, wählt der Physiotherapeut schließlich die Nummer der Frauenhelpline. Seine Patientin, die pflegebedürftige Frau, ist inzwischen in einem Altenheim untergebracht, trotzdem erzählt Maria Rösslhumer ihre Geschichte. Denn Geschichten wie diese passieren in Österreich jeden Tag.

Gewalt gegen Frauen kennt kein Alter: Rund 19 Prozent aller Frauen über 60 Jahren haben in ihrem Leben Gewalt in der Partnerschaft erlebt. Bei 17 Prozent ging die Gewalt nicht vom Partner aus. „Trotzdem ist das nur wenig Thema“, sagt Rösslhumer. Sie ist Geschäftsführerin der Autonomen Frauenhäuser Österreichs. Die jährliche Ringvorlesung Eine von fünf, die die Autonomen Frauenhäuser, das Zentrum für Gerichtsmedizin der MedUni Wien und die Volksanwaltschaft veranstalten, setzt in diesem Jahr deshalb einen Schwerpunkt zu Gewalt an älteren Frauen. Anlässlich der Kampagne 16 Tage gegen Gewalt an Frauen und Mädchen werden Expert*innen aus verschiedenen Disziplinen in sieben Vorlesungen an der MedUni Wien zum Thema berichten.

Hohe Dunkelziffer: Gewalt gegen ältere Frauen geschieht oft im Verborgenen

Gewalt wird gemeinhin als Problem junger Menschen gesehen. Doch Gewalt kennt keine Altersgrenzen. Auch wenn das auf den ersten Blick nicht so erscheinen mag. Gewalttaten an über 65-Jährigen machen rund 3,6 Prozent aller angezeigten Gewaltdelikte aus – damit werden diese Gewalttaten in der Kriminalstatistik nur halb so oft ausgewiesen wie etwa Gewalttaten an Kindern unter 14 Jahren. „Der Grund dafür ist aber nicht, das alte Menschen nicht betroffen sind“, sagt die Gerichtsmedizinerin und Leiterin der Ringvorlesung Andrea Berzlanovich. Vielmehr geschieht Gewalt gegen ältere Menschen im Verborgenen. Die Täter*innen sind die Partner*innen, Familienangehörige oder Pflegekräfte. Und die Opfer schweigen: Aus Angst, Abhängigkeit Schuldgefühlen oder Scham. Manche empfinden die Gewalt auch nicht als solche, weil sie sie seit Jahren erleben. „Wir gehen deshalb von einer sehr hohen Dunkelziffer aus“, sagt Berzlanovich.

Bis zu vier Millionen ältere Menschen sind laut einer Studie der WHO von Gewalt betroffen. Dabei handelt es sich meistens um wiederholte Gewalthandlungen in Vertrauensbeziehungen oder um die Unterlassung geeigneter Maßnahmen. „Gewalt ist auch, wenn Pflegekräfte Patientinnen auf den Toilettengang warten lassen oder Katheder setzen ohne die Privatsphäre der Patienten zu achten“, sagt Berzlanovich.

Das Alter ist weiblich

Rund 19 Prozent der Österreicher*innen sind heute über 65 Jahre oder älter. Laut Berechnungen der Statistik Austria wird ihr Anteil an der Bevölkerung im Jahr 2050 auf fast 27 Prozent steigen. Wie wir eine gute und gewaltfreie Versorgung alter Menschen in Zukunft sicherstellen, ist eine der dringendsten Fragen der Sozialpolitik. Und sie ist auch eine weibliche: Frauen leben im Schnitt 5,5 Jahre länger als Männer. Und während sie es sind, die ihre Partner und Ehemänner pflegen, werden die Frauen selbst zum Großteil in externen Einrichtungen betreut. „Frauen machen rund 80 Prozent aller HeimbewohnerInnen aus“, sagt Volksanwalt Bernhard Achitz, der innerhalb der Volksanwaltschaft für Pflege und Gesundheit zuständig ist. „Schon allein deshalb sind Frauen von Gewalt im Alter besonders betroffen.“

Ältere Frauen sind doppelt gefährdet

Neben der alterstypischen Gefährdung sind Frauen auch von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen. Gerade älteren Frauen, sagt Rösslhumer, fällt es besonders schwer, sich von ihren gewalttätigen Partnern trennen. „Viele Frauen erleben Gewalt von Kindheit an und sind ökonomisch vom Gewalttäter abhängig.“ Die jahrelange Gewalterfahrungen und Vernachlässigung machen es gegen Ende eines Lebens fast unmöglich aus Gewaltbeziehungen auszubrechen. Nur wenige würden zudem wissen, wo sie Hilfe bekommen. Oft haben alte Frauen keinen Internetzugang und können aufgrund von Erkrankungen nur mehr schlecht telefonieren. „Es ist für diese Frauen unheimlich schwer Hilfe zu holen“, sagt Rösslhumer.

Jene, die es trotzdem schaffen, stellen die Hilfseinrichtungen vor Herausforderungen. Frauenhäuser sind derzeit nicht auf die Bedürfnisse pflegebedürftiger Personen ausgelegt. Und auch bei den gewalttätigen Männern, sagt Rösslhumer, bleibe nach einer Wegweisung die Frage: Wohin mit ihnen?

Die Beratungs- und Hilfsangebote der Frauenhelpline 0800 222 555 sind kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Beraterinnen sind zur absoluten Vertraulichkeit verpflichtet. Auf Wunsch kannst du auch anonym bleiben.

 

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