Warum für Kärntner*innen Pizza und Lederjacke immer ein bisschen zusammengehören

Über Österreichs südlichstes Bundesland, Kärnten, gibt es viele Geschichten zu erzählen. Einige davon schreibt WIENERIN-Redakteurin Davinia Stimson hier auf. Folge 5: Italienisches Essen, das ja quasi ums Eck zu haben ist.

Pizza, wie sie sein soll

Es ist natürlich die geographische Lage. Dank italienischer Außengrenze ist Kärnten nur einen Katzensprung von la dolce Vita entfernt. Oder zumindest von original italienischer Pizza, und das ist eigentlich dasselbe.

"Fohr'ma Tarvis auf an Kaffee!", sagt man als Kärntner*in, wenn einem grad fad ist. Und warum auch nicht? Tarvis ist ein kleines Dorf in Friaul-Julisch Venetien, nahe der Autobahn. Von Klagenfurt braucht man 49 Minuten, von Villach gar nur 26 Minuten mit dem Auto. Oder ein bisserl länger, denn kurz nach der Grenze muss man freilich bei der ersten Autobahnraststätte stehen bleiben und auf einem pickerten Stehtisch einen Cappuccino in sich reinschütten. "Mhmm", muss man dann sagen. "In Italien schmeckt der Kaffee einfach anders!" Vom Parkplatz des Autogrills kann man am Horizont noch die italienisch-österreichische Grenze sehen, aber das ist wurscht, weil jetzt ist man in ITALIEN und hier ist Essen GUT!

In Tarvis angekommen kauft man eine Lederjacke am Tarviser Markt (bitte nicht hinterfragen, das ist so ein Kärntner-Ding) und gönnt sich danach ein Menü im echt-italienischen Lokal inklusive Espresso und Profiteroles zum Dessert. Jetzt keine Cappuccini mehr, man weiß ja bitte, was sich in der italienischen Kultur gehört. Mille grazie! Am Heimweg deckt man sich noch mit ein paar Kilo Prosciutto Crudo und Panini ein, wieder daheim gibt es dann italienische Jause und das Leben ist schön. So einfach geht das.

Ist auch schlechte Pizza gut?

Nicht nur in Kärnten, sondern weltweit kann man sich auf italienische Küche einigen. Eh klar, besteht sie doch einfach nur aus Umami. Sonnengereifte Tomaten und zerflossener Käse auf Kohlenhydraten, das ist der Stoff, aus dem zufrieden gespannte Bäuche sind. In diesem Universum der mit Basilikum vollendeten Glückseligkeit sind Fertigpizzen eine akzeptierte Perversion. Man weiß eh, dass sie nicht gut, sondern höchstens als Kompromiss ok sind. Die Fertigpizza tut ja nicht mal selbst so, als wär sie hochwertiges italienisches Essen. Beruhigend versichern dir die drei traurigen Cocktailtomaten-Hälften auf deiner Margarita, dass das heute eine Ausnahme ist. Bei der Fertigpizza geht es um Gemütlichkeit. Die Fertigpizza versteht dich, sie verurteilt dich nicht, sondern tröstet dich mit ihrem Analogkäse. Ihre Schwester, die Pizzastandl-Pizza, macht das zumindest genauso gut.

Fast Food Italiener aber sind das Schlimmste. Sie gaukeln dir vor, ein "echtes italienisches Lokal" zu sein, während ihre "Köch*innen" als Angestellte in der Systemgastronomie in prekären Arbeitsverhältnissen ausgebeutet werden. Und dann sitzen Anzugmenschen und solche, die es werden wollen, im Lokal im Kantinen-Stil, bestellen sich ihre System-Pasta und rümpfen die Nase über den "Pöbel", der zu McDonald's geht. Die Ironie verstehen sie nicht. Und ihre traurige Pizza können sie behalten. Mit dem kamoten "la dolce vita" hat sie nichts zu tun.

Für gute Pizza muss man als Wahlwiener*in zum Glück nicht unbedingt die vier(!) Stunden nach Tarvis fahren. Es gibt hier schon vernünftige, italienische Lokale. Auch wenn man nebenan keine Lederjacke kaufen kann.

WIENERIN-Redakteurin Davinia Stimson schreibt in ihrer Kärnten-Kolumne über die schrägen, lustigen und immer ein bisschen ernsten Seiten ihres ehemaligen Heimat-Bundeslandes.

 

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