Warum Frauen häufiger erblinden als Männer

Frauen machen mehr als die Hälfte aller Sehbeeinträchtigten weltweit aus. Das Risiko, im Laufe ihres Lebens zu erblinden, ist um rund 8 Prozent höher als bei Männern. Das hat vor allem soziale Gründe.

Tag der Augengesundheit: Warum Frauen und Mädchen häufiger erblinden

Heute, am 14. Oktober 2021 begehen wir den Welttag der Augengesundheit. Jedes Jahr am zweiten Donnerstag des Oktobers soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass die augenmedizinische Gesundheitsversorgung im weltweiten Kontext immer noch unzureichend ist – speziell in Ländern des Globalen Südens. In Burkina Faso etwa kommen etwa 35 Augenärzt*innen auf eine Bevölkerung von rund 20 Millionen Menschen. In Äthiopien wird die Bevölkerung von 116 Millionen Menschen von nur 160 Augenärzt*innen versorgt. In Österreich gibt es zum Vergleich rund 1.000 Augenärzt*innen für acht Millionen Einwohner*innen.

Was viele nicht wissen: Auch im Bereich der Augengesundheit erfahren Frauen eine Benachteiligung. So machen Frauen und Mädchen mehr als die Hälfte aller Sehbeeinträchtigten (55%) weltweit aus. Das hat vor allem soziale Hintergründe. Sie haben in den Familien weniger Einfluss und oft nicht die nötigen Mittel zu reisen. Ihre zumeist niedrige soziale Stellung reiht sie hinter die männlichen Familienmitglieder, auch wenn es um ihre Gesundheit geht.

Gendergerechte Augengesundheit

Licht für die Welt verbessert gemeinsam mit lokalen Mitarbeiter*innen die Gesundheitsversorgung in besonders einkommensschwachen Regionen Afrikas. Mit dem neuen Projekt "Gendergerechte Augengesundheit für alle" soll in Burkina Faso, Äthiopien und Mosambik die Zahl an Mädchen und Frauen, die eine Behandlung bekommen, erhöht werden.

Licht für die Welt, Irene Ruhswurm

Dank der Unterstützung vieler Spender*innen aus Österreich konnten schon mehrere Augenkliniken aufgebaut und professionell ausgestattet werden. Licht für die Welt bildet lokale Kräfte aus und unterstützt Gesundheitspersonal in seiner Spezialisierung auf Augenheilkunde.

Augenärztin Irene Ruhswurm engagiert sich nun bereits seit mehreren Jahren für die Hilfsorganisation, ist Mitglied im Vorstand und war bereits bei mehreren Projekten vor Ort mit dabei. Wir haben mit ihr über die schwierige Situation von sehbeeinträchtigten Frauen und Mädchen im globalen Süden gesprochen:

Weitere Informationen zu Licht für die Welt und aktuellen Projekten findet ihr hier.

WIENERIN: Welches sind die häufigsten Ursachen einer schweren Fehlsichtigkeit bzw. Erblindung?

Irene Ruhswurm: In den Ländern des Globalen Südens ist die häufigste Ursache der Graue Star. Das liegt daran, dass die medizinische Versorgung meist sehr schlecht ist, weswegen Patient*innen erst spät operiert werden können. Bei uns ist der Graue Star in der Regel kein Thema, man geht zum*r Augenarzt*ärztin, erkennt das üblicherweise zu einem frühen Zeitpunkt und lässt sich operieren. Tatsächlich ist es hierzulande die häufigste OP im Jahr (120.000 Operationen) und dauert kaum länger als ein Friseurbesuch – in Afrika sieht das ganz natürlich aus.

Natürlich variieren die genauen Zahlen von Land zu Land etwas, aber im Prinzip kann man sich vorstellen, dass ein*e Augenärzt*in auf rund eine Million Menschen kommt. Hierzulande haben wir in etwa ein Verhältnis 1:1000. Ein großes Problem sind auch Infektionskrankheiten, allen voran Chlamydien, speziell das sogenannte Trachom. Es wird sehr leicht übertragen und ist leider noch nicht ausgerottet. Es ist prinzipiell gut zu behandeln, weil es keine ausreichenden Ressourcen gibt, erblinden aber leider immer noch viele Menschen daran.

Auch erwähnen sollte man Grünen Star beziehungsweise das Glaukom: Da kommt es aufgrund einer Augendruckerhöhung zu einer Durchblutungsstörung des Sehnervs und dann in weiterer Folge zu Gesichtsfeldeinschränkungen, die bis zur Erblindung gehen können.

Schaut man sich das jetzt speziell in Bezug auf das Geschlechterverhältnis an, dann sind es im Schnitt 55 Prozent Frauen, die an diesen Erkrankungen leiden. Das liegt daran, dass Frauen durchschnittlich seltener behandelt werden. Das Schlimme ist, banale Veränderungen wie eine Kurzsichtigkeit können bedeuten, dass die Mädchen und Frauen nicht in die Schule gehen können, nicht mehr im Arbeitsprozess eingesetzt werden können. Insofern leiden Frauen hier wieder einmal mehr.

Warum werden Frauen und Mädchen seltener behandelt? Wie genau äußert sich diese strukturelle Benachteiligung?

Frauen haben in den Ländern des Südens nach wie vor einen geringeren Stellenwert als Männer. Dadurch werden sie in der Familie hintan gereiht. Sie sind weniger mobil, dürfen zum Beispiel oftmals nicht alleine reisen, kommen schwieriger in Gesundheitszentren. Auch können Frauen öfter nicht lesen, gehen seltener in die Schule, was wiederum bedeutet, dass sie es schwerer haben, an entsprechende Informationen zu kommen.

Ein wichtiger Punkt sind natürlich auch die Kosten. Das Geld befindet sich oft in der Hand der Männer. Die Entscheidung, ob man es für eine gesundheitliche Behandlung ausgibt, liegt beim Mann, das heißt, Frauen haben oft nicht die Möglichkeit, zu sagen, ich nehme das Geld in die Hand und schaue, was mit meinen Augen los ist.

Welche Länder sind besonders stark betroffen?

Insbesondere die Länder in der afrikanischen Subsaharazone. Zu den Schwerpunktländern von Licht für die Welt zählen Burkina Faso, Mosambik und Äthiopien sowie Kenia, Tansania, der Sudan und Uganda.

Wie hilft genau hilft Licht für die Welt?

Unser Ziel ist Hilfe zur Selbsthilfe. Es ist sehr wichtig, dieses alte Klischee aufzubrechen: "Weiße kommen nach Afrika, machen dort ihre Medizin und dann fahren sie wieder nachhause". Im Gegenteil, es geht darum, lokal Hilfe zu leisten und vor allem die Infrastruktur auf verschiedenen Ebenen zu stärken. Wir haben mithilfe von Spender*innen schon einige Krankenhäuser errichten können. Ein sehr wichtiger Punkt ist die Ausbildung von Augenärzt*innen und Gesundheitspersonal allgemein. Da konnten wir in Burkina Faso oder Mosambik mit unseren Projekten schon tolle Erfolge erzielen. Bei allem, was wir tun, werden auch immer die lokalen Gesundheitsbehörden miteinbezogen, denn am Ende des Tages soll ja alles von uns unabhängig weiterlaufen.

Unsere lokalen Büros sind auch alle mit Locals besetzt. Gerade in der Coronakrise hat sich gezeigt, wie wichtig das ist. Schließlich konnte über ein Jahr niemand von uns hinunterfliegen. Das übergeordnete Ziel wäre natürlich, dass wir überhaupt nicht mehr nötig sind.

Wie war die Arbeit vor Ort für Sie?

Meine erste Projektreise ging nach Burkina Faso. Ich weiß noch genau, ich war so tief beeindruckt. Nicht nur von der Arbeit, sondern auch von den Emotionen, die man erlebt. Etwa, wenn jemand am Grauen Star erblindet ist und dann nach dem Eingriff der Verband runterkommt und die Menschen plötzlich wieder ihre Freunde, ihre Kinder wieder sehen ... das ist unbeschreiblich. Dann weiß man, was man Gutes bewirken kann. Gleichzeitig ist das aber auch das Deprimierende – zu wissen, dass man etlichen Menschen mit einem eigentlich simplen Eingriff so leicht helfen könnte, aber es in der Realität - zumindest momentan - dann eben doch nicht kann.

Ich denke, es ist wichtig, dass wir uns alle immer wieder bewusst machen, wie gut es uns geht und daran denken, auch etwas weiterzugeben. Denn wenn sich viele engagieren, kann man am Ende des Tages ja doch einiges bewegen.

 

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