Warum es so wichtig ist, dass Meghan öffentlich über Suizidgedanken spricht

Obwohl Probleme mit der psychischen Gesundheit weit verbreitet sind, werden sie in unserer Gesellschaft nach wie vor oft stigmatisiert und tabuisiert. Gerade das macht Meghan Markles Enthüllungen umso wirkungsvoller.

Meghan Markle über Suizidgedanken

Millionen Menschen auf der ganzen Welt verfolgten es, viele nennen es bereits jetzt das Interview des Jahres: Die Rede ist natürlich von Meghan und Harrys Gespräch bei Talkshow-Legende Oprah Winfrey dieses Wochenende (gestern wurde es auch in Österreich ausgestrahlt). Einer der emotionalsten Momente war unumstritten, als Meghan über ihre Suizidgedanken sprach, mit denen sie während ihrer ersten Schwangerschaft zu kämpfen hatte.

Meghans Bericht zeichnet ein düsteres Bild des königlichen Lebens und erläutert die Auswirkungen der toxischen und rassistischen Boulevardpresse in Großbritannien. Ihre Geschichte handelt aber auch von Resilienz und hilft, das Stigma gegenüber Depressionen zu beseitigen und ein breiteres Bewusstsein für psychische Gesundheitsprobleme zu schaffen.

"Ich wusste: Würde ich es nicht sagen, dann würde ich es tun"

"Ich schämte mich zu der Zeit, es zu auszusprechen und schämte mich, es Harry gegenüber zuzugeben - besonders, weil ich weiß, wie viel Verlust er erlitten hat. Aber ich wusste auch: Würde ich es nicht sagen, dann würde ich es tun", so Meghan im Gespräch mit Oprah. "Ich wollte einfach nicht mehr am Leben sein. Und das war ein sehr klarer, beängstigender, ständiger Gedanke".

Keine Unterstützung aus dem Königshaus

Meghan erklärte, dass die unerbittliche, negative Berichterstattung in den Medien über sie - und die mangelnde Bereitschaft des Königshauses, falsche Geschichten zu widerlegen - ihre Bedrängnis verursacht hatte. Sie sagte auch, dass ihr Antrag auf psychiatrische Versorgung von der königlichen Familie abgelehnt worden sei.

Als sie zu einer der "senior people" des Königshauses gegangen sei, um sie wissen zu lassen, dass sie Hilfe brauche, hätte man ihr gesagt, das wäre nicht möglich, "da es der Institution schaden würde". Meghan führte aus, dass sie ihre Erfahrungen nun teilen wolle, um anderen beim Umgang mit Suizidgedanken zu helfen. "Ich persönlich weiß, wie schwer es ist, es nicht nur auszusprechen, sondern, wenn man es dann zugibt, 'nein' gesagt zu bekommen".

Hilfe zu suchen, hat nichts mit Schwäche zu tun – im Gegenteil

Obwohl Probleme mit der psychischen Gesundheit weit verbreitet sind, werden sie in unserer Gesellschaft nach wie vor oft stigmatisiert und tabuisiert. Gerade das mache Meghans Enthüllungen umso wirkungsvoller, so Jessi Gold, Psychiaterin und Assistenzprofessorin in der Abteilung für Psychiatrie an der Washington Universität in St. Louis gegenüber InStyle.

Vor allem jener Teil des Interviews, in dem Meghan darüber spricht, wie schwierig es war, Hilfe zu bekommen, sei besonders ergreifend und augenöffnend, so die Expertin: "Meghan erklärt, wie viel Mut es kostet, zu sagen, 'Ja, ich brauche Hilfe', so Gold. "Leider gibt es hier immer noch ein Stigma. Es wird immer mit Schwäche, mit Scham in Verbindung gebracht".

Natürlich zeugt es nicht von Schwäche, offen über seine psychischen Probleme zu sprechen und sich aktiv Hilfe zu holen – im Gegenteil, jedoch sei uns allen dieser Zusammenhang mit Scham Jahrzehnte lang von der Gesellschaft eingebläut worden, erklärt Gold.

Nach "Diana Effekt" nun "Meghan Effekt"?

"Gerade Suizidalität ist ein Thema, mit dem sich die Leute unwohl fühlen, weshalb sie nicht darüber sprechen wollen", erklärt Elena Newman, Psychologieprofessorin an der Universität Tulsa im Gespräch mit vox.com. "Dieses kulturelle Milieu hindert Menschen, die Hilfe benötigen, sich diese zu suchen". Meghans Interview könnte nun dazu beitragen, dieses alte Stigma abzubauen und Menschen dazu ermutigen, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Oprah zieht im Interview Vergleiche mit der verstorbenen Prinzessin Diana, die ebenfalls mit Depressionen sowie einer Essstörung zu kämpfen hatte. Tatsächlich nahmen deutlich mehr Menschen Beratungen in Anspruch, nachdem Diana öffentlich machte, an Bulimie zu leiden (mehr zum "Diana Effekt" hier).

Vorbildfunktion für Communities of Color

Meghan spricht im Interview an, dass auch Menschen, denen man es vielleicht nicht ansieht, leiden können. "Oft zeigen Leute nur die Seite von sich selbst, die von der Gesellschaft gewünscht bzw. erwartet wird", erklärt Gold. "Glücklich, erfolgreich und in Meghans Fall 'royal' – diese Person darf keine Gefühle haben und verletzlich sein, da dies als Zeichen von Schwäche gewertet werden könnte. Aber das stimmt einfach nicht: Auch eine Herzogin kann psychische Probleme haben".

Online loben viele Menschen Meghan für ihre Offenheit und Ehrlichkeit (Hasskommentare bleiben natürlich nicht aus). Wissenschaftlerin und Mental Health-Expertin Alfiee Breland-Noble dankte Meghan etwa via Twitter dafür, das Hilfe-in-Anspruch-Nehmen zu normalisieren, speziell für Women of Color.

"Es hilft, jemanden zu sehen, mit dem man sich identifizieren kann. Zu sehen, dass diese Person ähnliche Symptome hat und dass man etwas dagegen tun kann", so Expertin Gold.

Die wichtigsten Ausschnitte des Interviews mit Oprah Winfrey seht ihr hier (bis Mo, 15.3. könnt ihr das vollständige Interview in der ORF Tvthek nachsehen):

Helplines im Überblick

Du bemerkst depressive Gedanken oder fühlst dich gerade überfordert und möchtest mit jemandem sprechen? Folgende Telefon-Helplines bieten im Krisenfall Rat und Unterstützung:

Psycholog. Berufsverband (boep.or.at): 01 504 8000
Psychiatrische Soforthilfe: 01 313 30
Telefonseelsorge (erzdioezese-wien.at/telefonseelsorge): 142
Frauenhelpline (frauenhelpline.at): 0800 222 555
Kriseninterventionszentrum (kriseninterventionszentrum.at): 01 406 9595

 

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