Warum es immer mehr Narzissten gibt

Sie sind oft mächtig und erfolgreich, haben in der Beziehung das Sagen und dulden keinen Widerspruch. Selfie-Wahn hin oder her: Narzissten sind auf dem Vormarsch!

Narzisstische Persönlichkeitsstörungen nehmen zu. Von einer solchen Störung spricht man, wenn Menschen von der Sucht nach Bewunderung angetrieben werden, Größenfantasien haben und andere ausnutzen.

Ärztin und Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger sieht den Grund für den Anstieg nicht primär in der Digitalisierung, sondern in der Gesellschaft: „Wir akzeptieren narzisstische Ideale mehr und mehr, das ist wie ein Freibrief für Betroffene.“ Denn Narzissten sind beruflich oft höchst erfolgreich, leistungsstark und gelten als Vorbilder. „Wenn für jeden nur das Beste gut genug ist, kommen wir in eine konsumatorische Haltung, die solche Phänomene unterstützt“, sagt Leibovici-Mühlberger.

Variantenreich

Auch wenn nahezu alle, die an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden, zwischen Grandiosität und (gut verborgenen) Minderwertigkeitsgefühlen schwanken, sich übermäßig und ausschließlich um sich selbst kümmern und nach Bewunderung süchtig sind, so ist Narzisst trotzdem nicht gleich Narzisst. Die Ausprägungen der Störung sind unterschiedlich, genauso wie ihre Erscheinungsformen.

Narzissmus-Experte Werner Berschneider sagt, man könne Betroffene grob in drei Gruppen unterteilen:

1. Der dickhäutige, unbeirrbare, grandiose Narzisst: Er hält sich für ein Genie und verlangt nach uneingeschränkter Bewunderung, beutet andere rücksichtslos aus und würde nie mit einem Taxi zum Termin fahren – eine Limousine muss es schon sein. Bei all seiner Arroganz und Gier ist er gleichzeitig sehr leistungsfähig, denn: je mehr Leistung, desto mehr Bewunderung!

2. Der dünnhäutige, verletzliche Narzisst: Er ist extrem empfindlich, kränkbar und scheu. Seine überhebliche Seite versteckt er geschickt. ­Dafür zelebriert er seine Bescheidenheit regelrecht, um dafür wiederum Applaus zu ernten. Der empfindliche Narzisst ist immer wachsam, denn es könnte ihm ja jemand das berühmte Hackl ins Kreuz hauen wollen. Seine scheinbar feinfühlige Haltung nutzt er, um andere zu erpressen, ganz nach dem Motto: „Geht gefälligst vorsichtig mit mir um, sonst ­raste ich aus.“

3. Der sozial gut angepasste Narzisst: Er unterscheidet sich nur wenig vom „grandiosen Narzissten“, aber auf den ersten Blick wirkt er ausnehmend charmant, charismatisch und freundlich. Er ist intelligent und ein klassischer Verführer. Nach rund sieben Begegnungen zeigt er seine arrogante, selbstbezogene Seite. Und wenn ihm jemand auf den Leim gegangen ist, dann nutzt er das schamlos aus.

Frau Narzisstin

Der Wunsch nach übermäßiger Bewunderung steckt auch in der Narzisstin. Aber weil die Gesellschaft narzisstisches Machtgehabe bei Männern stärker toleriert, lebt Frau diese Züge oft anders aus, sagen unsere Experten. Solche Frauen achten stark auf ihren Körper, um Begehren beim Gegenüber zu erzeugen. Oft binden sie sich an einen bedeutenden Mann. Mit dem klaren Ziel: dadurch selbst bedeutend(er) zu sein.


Mythos Narkissos

Die antike Sage vom Jüngling Narkissos ist Namensgeber für das Phänomen, das grundsätzlich als übertriebene Selbstliebe beschrieben wird. Es gibt unterschiedliche Erzählungen, die wahrscheinlich bekannteste geht kurz zusammengefasst so: Der wunderschöne Jüngling Narkissos weist alle Frauen und Männer um sich herum ab, die um seine Gunst, seine Liebe rittern. Als er aus einer klaren Quelle trinkt, verliebt er sich unsterblich in sein eigenes Bild, das sich im Wasser spiegelt. Im Liebeswahn will er es ergreifen, fassen, es verschwindet aber immer, wenn er die Arme ins Wasser streckt. Das lässt ihn so verzweifeln, dass er schließlich stirbt.


Gesunde Selbstliebe

Klarerweise ist nicht jede Form von Selbstliebe gleich krankhaft. Narzissmus als Entwicklungsstufe etwa ist – eben im Unterschied zum Narzissmus als Persönlichkeitsstörung – im Kleinkindalter eine notwendige Phase, sagt Psychoanalytikerin Ulrike Kadi: „So zwischen sechs und 18 Monaten entsteht das eigene Ich des Kindes, es entwickelt sein eigenes Selbstgefühl. Das ist gut und wichtig so.“ Und sie ergänzt: „Ein bisschen narzisstisch zu sein, ist auch im Erwachsenenalter notwendig – denn ich muss mich selbst lieben können, damit andere mich lieben können.“

Sich selber zu kennen, seine Bedürfnisse zu kennen und sie auch leben zu wollen, ist also mehr als legitim. Erst wenn andere dafür benutzt oder missbraucht werden, fängt es an, kritisch zu werden.
Eine „narzisstische Balance“ zu finden, erachtet Bernd Sprenger, Autor von "Mehr Schein als Sein?" (Springer Spektrum, € 15,50), als wichtig: „Jeder Mensch hat Seiten an sich, die er mag, und welche, die er nicht so toll findet. Wenn ich gesund bin, kann ich meine Gedanken in Balance halten: ,Okay, ich bin vielleicht zu dick, dafür habe ich aber andere tolle Eigenschaften.‘“

In der Chefetage

Wenn du Karrierechancen siehst, die damit verbunden sind, direkt unter einem Narzissten zu arbeiten, überlege dir das sehr genau“, lautet der Ratschlag von Werner Berschneider, Autor von "Wenn Macht krank macht" (Präsenz-Verlag, € 17,50). Gerät man in der Arbeitswelt in Narzissten-Fänge, kann die Situation sehr belastend werden. Das Muster ist oft ähnlich. Anfangs idealisiert der Narzisst den Neuzugang, denn er denkt: „Wer mit mir großartigem Menschen arbeiten darf, muss selbst auch großartig sein.“ Aber: Seine überzogenen Anforderungen kann niemand erfüllen. Deshalb folgt auf das Hochloben die Entwertung, das Fallenlassen. „Damit verbunden sind oft heftige Beschimpfungen und Kränkungen“, sagt Berschneider.

Als Ausweg sieht er zwei Varianten: Entweder zu gehen, weil man sich dieser Situation nicht aussetzen will, oder eine andere Einstellung dazu zu finden. Und das meint er so: „Ich kann lernen, die Situation auszuhalten, indem ich versuche, meinen Chef nicht nur als Kotzbrocken zu sehen, sondern auch den leidenden Menschen in ihm, der vielleicht eine schlimme Kindheit hatte und um Lob hechelt. Ich kann sehen, dass er selber leidet und dann kann ich verständnisvoller mit ihm umgehen.“
Trotzdem ist es wichtig, sich abzugrenzen und deutlich zu machen, dass man so nicht mit sich umgehen lässt.


Narzissten in love?!

Auch in der Beziehung braucht der Narzisst klarerweise vorwiegend eines: Bewunderung. Oft findet er auch eine Person, die sich in diese Rolle fügt und ständig damit beschäftigt ist, zu dienen, zu bestätigen, zu organisieren. Nur: Es reicht nie.
Der Narzisst spart dann nicht mit Vorwürfen, bezeichnet den anderen als klein und unfähig und hält ihm ständig vor Augen, welche Gnade es ist, überhaupt in seiner Nähe sein zu dürfen. Er ist auch selbst unzufrieden, der Partner nutzt sich nämlich schnell ab. Hat er ein Anliegen, vergisst es der Narzisst sofort wieder, denn für ihn war es ja uninteressant. Auch beim Sex geht es um Lob, Anerkennung und Leistung und nicht um ein lustvolles ineinander Verschmelzen.

Nach außen können solche Beziehungen durchaus stabil wirken, sagt Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger. „Solche Konstellationen sind aber oft geschüttelt von inneren Krisen und Schmerzen beim dienenden Partner. Bei ihm schlägt sich so eine Art von Partnerschaft möglicherweise sogar in psychosomatischer Form, vielleicht in einer chronischen Krankheit, nieder.“
Wird die psychische Last zu groß und der Leidende nimmt Hilfe in Anspruch, kann das eine echte Chance auf eine Beziehung auf Augenhöhe bedeuten, erklärt Leibovici-Mühlberger: „In einer Beratung versucht man vor allem, die positive Selbstliebe dieses Menschen zu stärken und zu aktivieren. Dadurch wird er zu einer neuen Liebesform fähig, er erfindet sich neu und gewinnt an Stärke.“

Für die bestehende Partnerschaft bedeutet das eine fundamentale Veränderung und die kann grundsätzlich zwei Folgen haben: Wenn der „Diener“ nicht mehr bereit ist zu dienen, wird er vom Narzissten vielleicht einfach entsorgt. Aber, und das ist die erfreuliche Nachricht: Handelt es sich um einen Menschen mit narzisstischen Zügen, der eigentlich auch große Sehnsucht nach echter Liebe hat, kann auch er in so einer Situation die Chance auf eine wirkliche Liebesbeziehung erkennen. „Er beginnt das Bedürfnis zu entwickeln, sich selbst umzugestalten“, sagt Martina Leibovici-Mühlberger, „und daraus kann dann langsam eine tolle Beziehung mit besonderer Tiefe werden, weil sie bewusst gewachsen ist.“ Und dann ist auch wieder erfüllt, was laut der Therapeutin gelten sollte: „Beziehung heißt sich aufeinander beziehen.“

Applaus, Applaus

Weil der Narzisst in seiner Kindheit möglicherweise vernachlässigt oder aber übermäßig verwöhnt wurde, kann er ein falsches Selbstbild entwickelt haben. Deshalb braucht er dann vor allem Applaus und ein jubelndes Publikum. „Der Narzisst bekommt davon nie genug“, erklärt Bernd Sprenger, der sich schon seit Jahren intensiv mit dem Phänomen auseinandersetzt. „Der Beifall befriedigt jedoch nur kurz, der Hunger nach Anerkennung ist kaum zu stillen.“ Und um diese zu bekommen, gehen Narzissten unterschiedliche Wege. Die einen werden zum großen Helfer, denn wer hilft, erntet von allen Seiten Respekt (von Narzissmus spricht man hier, wenn die Bewunderung das einzige Motiv für das Engagement ist). Andere bleiben mit ihren Größenvorstellungen vorwiegend im stillen Kämmerlein und leben sie (lange) nur in ihrer Fantasie aus. Bei wieder anderen kann eine mögliche große mediale Aufmerksamkeit sogar Motiv für ein Verbrechen sein.

Gegenwind

Narzissten scheren sich nicht um die Bedürfnisse von anderen. Was man tun kann, wenn man als beifallklatschendes Publikum missbraucht wird? Der Weg führt immer übers Reden, sagt Psychoanalytikerin
Ulrike Kadi: „Ich muss versuchen, ins Gespräch zu kommen und deutlich aussprechen, dass ich selbst mehr beachtet werden will.“ Weil aber manchen Menschen gar nicht klar ist, dass sie als Bestätigung benutzt werden, gilt es davor, genau das zu erkennen, sagt Bernd Sprenger: „Ich muss mich fragen: ,Geht es über lange Zeit nur darum, wer der Tollste ist, werde ich als Schmuck verwendet oder geht’s auch um mich als Person?‘“

 

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