Warum es gut ist, sich nicht immer ändern zu wollen

Sinnsprüche gehen mir auf den Zeiger. Vor allem dieser: Was nicht passt, wird passend gemacht. Was für ein dummer Spruch! In meinem Leben hat er noch nie funktioniert. Was nicht passt, wird nicht passend gemacht, sondern passt einfach nicht. Basta.

Ich gehöre zu einer sehr unsympathischen Gruppe von Menschen. Die keiner leiden kann, obwohl sie nichts dafürkönnen. Ich werde einfach nicht dick. Ich hab jetzt keine Modelmaße oder so und es klappert und scheppert auch nichts, wenn ich gehe. Aber ich bin eben eher zierlich. Obwohl ich den ganzen Tag Schokolade in mich hineinstopfe. Manche glauben, ich kokettiere damit und esse gar nicht so viel davon. Stimmt aber leider nicht. Ich brauche Schokolade wie andere die Zigarette.

Trotzdem kenne ich das Gefühl, in ein Kleidungsstück hineinzusteigen, das mir einfach nicht passt. Es kaschiert mein Bäuchlein nicht, sondern betont es. Die Oberschenkel wirken plötzlich unförmig. Kurz: Dieses Kleid, diese Hose, dieser Rock, dieses Shirt tut nichts für mich. Aber die Farbe ist so schön. Und der Stoff so kuschelig. Und es wirkt so elegant. Und es ist im Angebot. Und auf die Post zu gehen und das Paket zurückzuschicken ist mühsam. Also kaufe ich es. Weil ich ja gelernt habe: Irgendwann wird es passen. Denn irgendwann bin ich supersportlich und habe kein Bäuchlein mehr. Irgendwann bin ich nämlich ganz anders, als ich bin -das steht fest -, und dann, ja dann...

Schuhe? Noch viel besser. Ich steige in einen Laufschuh und fühle mich schlagartig fitter. Ich bewege mich federnder, leichter. Noch viel ausgeprägter ist das Gefühl bei High Heels. Sobald ich diese kleinen Kostbarkeiten am Fuß habe, strafft sich mein Körper, ich stehe anders, bin eleganter, businessliker, einfach ein neuer Mensch. Da macht es doch nichts, dass der Schuh mir schon beim Probieren die Zehen abquetscht und mir das Material Blutblasen beschert. Schuhe muss man einlaufen!?! Haaallo? Auch die Laufschuhe nehme ich mit. Weil jetzt, wo ich die Schuhe habe, gibt's keine Ausrede mehr beim Laufen. Jetzt, ja jetzt, wird alles anders Es ist dieselbe Motivation, aus der heraus sich Bräute ihre Brautkleider drei Nummern kleiner kaufen. Weil sie bestimmt (!) bis zur Hochzeit zehn Kilo abgenommen haben.

Irgendwann wird es passen. Denn irgendwann bin ich supersportlich und habe kein Bäuchlein mehr. Irgendwann bin ich nämlich ganz anders.
Olivia Peter

Es ist dieselbe Denkweise, warum man sich mit einem untreuen Mann einlässt. Weil seine Aktuelle ihn ja nur nicht richtig zu behandeln weiß, und wenn er erst mich - seine große Liebe - trifft, wird er bestimmt ein ganz anderer Mensch. Es ist der Grund, warum wir uns hoch motiviert im Fitnesscenter anmelden, aber nie hingehen. Obst und Gemüse für eine neue Diät kaufen, aber kurz vor Mitternacht doch zur Schokolade greifen. Es ist dieser Glaube daran, jemand anderer sein zu können, der uns im Urlaub Pläne schmieden lässt, dass man nach dem Urlaub alles anders machen wird. Doch schon nach der ersten Woche hat man die Pläne vergessen.

Es ist wie der berühmte Neujahrsvorsatz: Wir werden ihn zu 99 Prozent nicht umsetzen, aber es ist schön, daran zu glauben. Wissen Sie, was auch schön ist? Sich zu nehmen, wie man ist.

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