Warum Eltern mehr auf ihr Bauchgefühl hören sollten

Wer Kinder in diese Welt setzt, dessen eigene wird ganz schön auf den Kopf gestellt. Warum uns Eltern ein bisschen mehr Bauchgefühl und Pragmatismus in der Kindererziehung gut täten.

"Das Leben ist vorbei!" Die knallharte Analyse meiner Freundin S., als ich ihr an einem Julitag 2008 meine Schwangerschaft eröffne, ist nicht gerade ermutigend. S. hat selbst keine Kinder und findet es geradezu verantwortungslos, Nachwuchs in diese ach so grauenhafte Welt zu setzen. Für Debatten habe ich, nachdem der erste Schock verdaut ist - ich bin 28 Jahre alt und eigentlich besagt mein Masterplan: Kinder erst nach feuchtfröhlicher Eheschließung in frühestens fünf Jahren! -, aber leider keine Zeit.

Die Geburt und die erste Phase mit dem Baby wollen schließlich gewissenhaft vorbereitet werden. Ich leiste mir eine kleine private Super-Mum-Bibliothek und klicke mich durch die verrücktesten Elternforen. Da warnt doch tatsächlich eine Userin vor dem Kauf eines Kinderwagens: "Mein Baby mag ihn gar nicht, völlig umsonst gekauft. Sie mag nur das Tragetuch!" Wie bitte? Ein Säugling bestimmt, wie er transportiert werden möchte? Lächerlich! "Meine Maus besteht auf Schnuller der Marke XY, etwas anderes akzeptiert sie nicht!" Hä? Das kann doch nicht wahr sein!

Meine Mama war total der Zeit voraus

Weil es in meinem engeren Freundinnenkreis keine einzige Mutter gibt, wende ich mich mit diversen Fragen an meine eigene. Hat ja schließlich drei Kinder auf die Welt gebracht, quasi Expertin! Leider ist ihre Antwort auf so ziemlich alles, was ich wissen möchte: "Du, keine Ahnung, das weiß ich alles nicht mehr. Du machst dir da zu viele Gedanken. Es wird schon alles recht werden." Heute kann ich stolz berichten: Meine Mama war total der Zeit voraus und damals schon voll "lagom". Lagom - so wird in Schweden nämlich der Idealzustand beschrieben, es bedeutet je nach Situation "genau richtig, passend, genug, nicht zu groß und nicht zu klein, weder zu warm noch zu kalt, nicht zu viel, nicht zu wenig". Mehr oder weniger: Lebe so, wie du es möchtest, denn so ist es genau richtig! Und auch bei der Kindererziehung scheint "lagom" das Maß aller Dinge zu sein: "Ich glaube, in Schweden fühlen wir uns weniger unter Druck, Karriere, Kinder, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen - es ergibt sich einfach", schreibt mir Freundin T. aus Stockholm.

Es braucht mitunter Mut, wenn man heute sein Kind nach Bauchgefühl à la 1970er-Jahre erziehen will. Eltern erleben heute einerseits das Elternsein bewusster, auf der anderen Seite sind viele stark verunsichert. Die Möglichkeiten, sich Wissen über Erziehung anzueignen, sind grenzenlos. Eltern, die auf der Suche nach Orientierung sind, verbeißen sich in Dogmen und Ideologien, die für sie eigentlich gar nicht stimmig sind. "Die Erziehungsstile liegen heute weit auseinander. Früher gab es einen Konsens darüber, wie die Rollenverteilung auszusehen hat", attestiert Erziehungsexpertin Vera Rosenauer (abenteuer-erziehung. at). Und: Während Kinder früher öfters mal "passiert" sind, wird der Nachwuchs heute immer öfter ganz bewusst ins Leben geholt.

"Ich erinnere mich gut an Tage, an denen meine einzige Leistung war, den Einkauf im Supermarkt zu erledigen."

"Für viele Mütter gilt dann umso mehr: Jetzt habe ich schon so viel geschafft, Ausbildung und Karriere, jetzt möchte ich das mit dem Kind auch gut hinbekommen. Viele Mamas tappen in die Selbstwertkrise", meint Rosenauer. Eine These, die ich voll und ganz unterschreiben kann. Ich erinnere mich gut an Tage, an denen meine einzige Leistung war, den Einkauf im Supermarkt zu erledigen. Wenn man dann nicht einmal mit einem "brav" trinkenden oder durchschlafenden Kind dienen kann, kratzt das schon an der Mamaseele. Über die Weiterbildungsangebote während der Karenzzeit kann ich heute milde lächeln. Damals war es ein Schlag in die Magengrube, wenn mir Broschüren suggerierten, ich müsse die Zeit zu Hause "sinnvoll nützen". Wie um alles in der Welt sollte ich es schaffen, neben diesem Kind, das mich maximal vier Stunden am Stück schlafen ließ, eine Dissertation zu schreiben oder eine neue Fremdsprache zu lernen?

Auch den gut gemeinten Ratschlag, die Zeit doch einfach nur zu genießen, konnte ich manchmal nur mit einem gequälten Lächeln quittieren. Was genau ist so genussvoll daran, 100-prozentig fremdbestimmt zu sein? Selbst ein einfacher Arztbesuch muss mit dem Partner oder einer anderen Betreuungsperson abgesprochen werden.

Mamas sollten sich auch endlich davon verabschieden, sich für alles verantwortlich zu fühlen. "Das für viele so leidige Thema des Nichtdurchschlafens ist beispielsweise keine Erziehungssache. Keiner kann was dafür", so Rosenauer.

Mehr als nur Mütter

Irgendwann ist es auch Zeit, sich aus der Symbiose mit dem Kind zu lösen. Denn aus dem gerade noch akzeptablen "Wir müssen jetzt Windel wechseln" wird schnell das echt peinliche "Wir haben morgen Mathematikmatura". E. hat das Wahrnehmen der eigenen Bedürfnisse perfektioniert. Es hat zwar eine Zeit - konkret: drei Schwangerschaften -gedauert, aber jetzt gönnt sie sich nach dem Motto "Ich bin auch noch wer" Babysitterinnen, ab und zu eine Putzfrau, Massage und Zeit mit dem Partner und den Freundinnen. Außerdem hat sie einen 30-Stunden-Job angenommen, der finanziell nicht wahnsinnig viel, aber die ersehnte Abwechslung bringt.

Das für viele so leidige Thema des Nichtdurchschlafens ist beispielsweise keine Erziehungssache. Keiner kann was dafür.
Erziehungsexpertin Vera Rosenauer

Der Denkfehler, alleine das Gehalt der Frau mit den Ausgaben der Kinderbetreuung gegenzurechnen, gehört generell ausgemerzt. Wer stattdessen denkt: "gemeinsame Kinder, gemeinsame Ausgaben, gemeinsame Einnahmen", für den gilt nämlich nicht mehr "die Hälfte meines Gehalts", sondern "nicht einmal ein Viertel unseres Einkommens geht für Betreuungskosten drauf".

Wofür ich E. aber am allerallermeisten beneide, ist, dass es ihr völlig egal (geworden) ist, wie andere über sie in ihrer Mutterrolle denken. "Ganz ehrlich, es ist mir wurscht! Ich weiß, ich kann es sowieso nicht allen recht machen. Warum dann nicht zumindest mir selbst? Fernschauen für Kinder unter drei Jahren ist ein absolutes No-Go? Mag sein. Für mich ist es trotzdem oft lebensrettend. Kinder nicht in den Buggy, solange sie noch nicht frei sitzen können? Hat mir keiner gesagt, sie haben es überlebt." So geht Pragmatismus!

"Ohne mir jetzt die schwarze Pädagogik zurückzuwünschen: Ich sehe viele Eltern, die davor zurückschrecken, Verantwortung zu übernehmen und Grenzen zu setzen. Aus Angst, dann nicht geliebt zu werden", raunt die befreundete Kindergartenpädagogin.

"Man sollte die Kinder besser nicht komplett ins Zentrum des Lebens stellen."

Was mich zu U. bringt. Sie hat sich der "bedürfnisorientierten Erziehung" verschrieben und will jetzt tatsächlich ihre zweijährige Tochter darüber entscheiden lassen, wann der perfekte Zeitpunkt für ein Geschwisterchen ist. Die Pädagogin kippt fast um und warnt: "Man sollte die Kinder besser nicht komplett ins Zentrum des Lebens stellen. Gleichwertigkeit darf man nicht mit Gleichberechtigung verwechseln. Ich kann Kindern respektvoll und auf Augenhöhe begegnen, trotzdem bin ich als Erwachsene letztlich die, die Entscheidungen trifft. Ich rate auch dazu, nicht immer alles infrage zu stellen. Wenn ich möchte, dass meine Kinder mithelfen, ist ein klares, freundlich formuliertes 'Räum bitte auf!' zielführender als eine Fragestellung wie 'Möchtest du nicht aufräumen?'. Ich glaube auch, wir überfordern Kinder, wenn wir sie ständig vor die Wahl stellen: Reis oder Nudeln? Italien oder Kroatien? Man kann Kids schon mitbestimmen lassen, aber alles im Rahmen. Oder wie sagst du neuerdings? Lagom?" Ganz genau! Ich versuche es auf gut Österreichisch: lässig, authentisch, geerdet, offenherzig und mutig. Für mich - und meine Kinder!

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