Warum ein Foto weiblicher Milchdrüsen alle zum Nachdenken bringt

Ein Foto von Brüsten ist eigentlich nichts Sensationelles. Man kann sich etwa jeden Tag eines in der Kronen Zeitung anschauen. In sexualisierter Form sind Abbildungen von Brüste oft zu finden, da sind sie Quell der Aufregung und der Befriedung männlicher Bedürfnisse. In den letzten Tagen ist ein anderes Brustfoto im Internet viral gegangen - ganz ohne nackte Haut.

Der männliche Körper ist "normal"

Das Bild zeigt das Muskelsystem im weiblichen Körper. Es schaut ganz anders aus als die Abbildungen des menschlichen Muskelapparates, die wir gewohnt sind. Die Standardeinstellung in der Medizin und Wissenschaft lautet nämlich "Mann". Dessen Skelett und Muskelaufbau kennen wir aus Biologiebüchern. Dabei ist uns gar nicht klar, dass diese wissenschaftlichen Abbildungen einen Mann zeigen - so ohne Haut und Haar ist das nicht gleich klar. "Und trotzdem ist es so klar, dass der Standard ein Mann ist", schreibt die Journalistin Jill Filipovic im Guardian. "Es ist beunruhigend, dass wir [diese Bilder] nicht unbedingt als männlich identifizieren, und damit die Hälfte der Bevölkerung ausschließen. Wir sehen sie schlicht als "normal."

Frauenkörper sind im Umkehrschluss "abnormal". Dabei geht es freilich nicht nur um Bilder in Biologiebüchern. Medizinische Forschung, die Entwicklung und Verträglichkeitstests von Medikamenten, deren Nebenwirkungen und Dosierung (die sich nach Körpergewicht richten), sogar die allseits bekannten Symptome eines Herzinfarktes - alles ist auf Männer ausgelegt. Für Frauen kann das tödliche Folgen haben. (>>> Frauen haben etwa weniger häufig einen Herzinfarkt, sie sterben aber überproportional öfter daran.)

Frauen sind "Substandard"

Es ist ein Ungleichgewicht, das sich durch alle Lebensbereiche zieht. Da geht es um Autos, die standardmäßig auf die Sicherheit von Männern ausgelegt sind. Es geht um Achselhaare, die für Frauen verboten sind, es geht um den Gender Pay Gap, um weniger Frauen in hohen politischen und wirtschaftlichen Positionen, um Familien- und Pflegearbeiten und Reproduktionsrechte. Es geht schlicht darum, welchen Stellenwert Frauen in der Gesellschaft haben. "Aus dem selben Grund behandeln wir "Frauenthemen" als wären sie ein special interest und nicht die Norm", kritisiert Filipovic. Und auch deswegen würden Fragen wie "Sollten Frauen oder die Regierung über den weiblichen Uterus bestimmen" politisch ernsthaft diskutiert werden, während sich niemand darum schere, ob Männer jetzt wirklich das Recht auf Viagra haben.

Milchdrüsen und die gesellschaftliche Benachteiligung der Frau mögen auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben. Aber, wie Filipovic treffend sagt: "Wenn nur ein Geschlecht der Standard ist, wird das andere eben: das Andere."

Was zum lernen: Die weibliche Brust besteht aus Fettgewebe, Bindegewebe und Drüsengewebe. 15 bis 20 Drüsenlappen sind um die Brustwarze angeordnet - und das schaut ein bisschen aus wie eine Blume. Jeder dieser Lappen setzt sich aus mehreren Läppchen zusammen. Das von ihnen gebildete Sekret wird in den Milchgängen gesammelt, aus ihnen tritt es dann an der Brustwarze als Muttermilch an die Oberfläche.

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