Warum du im Friseursalon sagen solltest, dass dir der Haarschnitt nicht gefällt

Fight or Flight? Weder noch! Feedback und Überwindung der Konfliktscheue sind Lösungen für bessere Beziehungen.

Frau bei Friseur

Alle Bilder, die es von mir aus dem Sommer 2019 gibt, liegen in einem speziellen Ordner, den ich nie öffne – Grund dafür sind meine Haare. Aber alles der Reihe nach: Ich ging damals aus Zeitgründen im Heimatdorf meiner Kindheit zum Friseur. Ich machte genaue Angaben bezüglich meiner Frisur. Die Friseurin erklärte mir, sie wisse ganz genau, was ich wolle. Ich nahm die Brille ab und sie begann zu schneiden.15 Minuten später war klar, dass sie absolut keine Ahnung hatte, was ich ­wollte. Meine Haare waren gut zehn Zentimeter kürzer als besprochen, der Schnitt war bestenfalls ­fragwürdig.

Was ich daraufhin tat? Nichts. Ich lächelte, gab Trinkgeld und versprach, meiner Mutter einen schönen Gruß auszurichten. Bereits am Parkplatz vor dem Friseursalon kamen mir die Tränen. Warum hatte ich nichts gesagt? Weil sich dieser Weg für mich als konfliktscheuer Mensch weniger furchteinflößend anfühlte. Und ich weiß, dass ich mit diesen Eigenschaften nicht allein bin. Würde ich Essen zurückgehen lassen, weil es kalt ist? Niemals! Rufe ich im Supermarkt nach einer zweiten Kassa? Allein beim Gedanken daran stellen sich mir vor Unbehagen alle Nackenhaare auf.

Seit der Kindheit

Nach einer kurzen Umfrage in der Redaktionssitzung bemerken wir, dass ungefähr die Hälfte von uns meinen konfliktfreien, harmonischen, stumm leidenden Weg bevorzugt. Die andere Hälfte sagt, was sie denkt. Psychologin Laura Stoiber erkennt schnell, woran das liegt: "Konfliktscheue Menschen lernen bereits in ihrer Kindheit, auf ihre eigenen Wünsche und Gefühle keine Rücksicht zu nehmen. Ihre schlechte Laune lassen sie andere Menschen selten spüren. Sie lernten in ihrer Kindheit, dass sie Zuwendung nur dann bekommen, wenn sie die Erwartungen ihrer Bezugspersonen erfüllen und sich zurückstellen." Das kann dazu führen, dass die eigenen Bedürfnisse so stark unterdrückt werden, dass man sie selbst kaum noch erkennt oder wahrnimmt. Das klingt gar nicht so gesund – und ist es auch nicht, wie die Expertin versichert.

Bessere Beziehungen

Sie rät dazu, sich Konflikten zu stellen; denn davon, dass man die kleinen Alltagskonflikte mit dem*der Friseur*in oder dem*der Kellner*in ausficht, profitieren am Ende auch persönliche Beziehungen. Wie? Ganz einfach: Streit hat nicht nur Nachteile. Konfliktsituationen sind weniger eine Bedrohung als eine Chance auf Verbesserung. Je besser beide Partner*innen über die Interessen und Bedürfnisse des*der anderen Bescheid wissen, desto schneller können kleine Verletzungen oder Missverständnisse bereinigt werden, bevor sie zu einem großen Problem werden. Jede*r hat das Recht, dass seine*ihre Meinung ernst genommen wird – dafür muss diese aber auch gesagt werden. Je ehrlicher Beziehungen sind, desto besser sind sie.

Konflikt üben

Aber können konfliktscheue Menschen das überhaupt lernen? Absolut, findet die Expertin – aber in kleinen Schritten. Denn Konflikte einzugehen ist wie ein Muskel, den man erst trainieren muss, so Laura Stoiber: "Meine Klient*innen stellen oft fest, dass sie durch ihre klaren Ansagen keine Sympathiepunkte verlieren; im Gegenteil. Weil sie für ihre Mitmenschen leichter greifbar und transparenter werden, verbessern sich viele ihrer Beziehungen, und der Stress, es als Harmoniemensch allen recht machen zu müssen, fällt dann auch weg."

 

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