Warum du dir Alexandria Ocasio-Cortez merken solltest

Viel Macht hat sie nicht. Natürlich nicht, denn Macht ist nichts, das Frauen einfach so serviert wird. Schon gar nicht, wenn sie jung sind, Migrationshintergrund haben und, trotz eines mit Auszeichnung abgeschlossenen Wirtschaftsstudiums, auch mal barkeepern mussten, um die eigene Mutter finanziell zu unterstützen. Aber übliche Gepflogenheiten haben Alexandria Ocasio-Cortez bis jetzt auch nicht aufgehalten. Im Juni 2018 gewann die damals noch 28-Jährige völlig unerwartet die parteiinternen Vorwahlen gegen den langjährigen Abgeordneten Joseph Crowley, bei den Midterms im November setzte sie sich ohne große Mühen gegen ihren republikanischen Gegner durch. Anfang des Jahres trat sie ihr Mandat als Kongressabgeordnete für den 14. Kongresswahlbezirk von New York an, der den Osten der Bronx und Teile von Queens umfasst. Sie ist damit Teil eines Kongresses, der so weiblich und divers ist wie noch nie zuvor.

Alexandria Ocasio-Cortez

Ocasio-Cortez selbst ist die jüngste Kongressabgeordnete der Geschichte und zum Gesicht eines Umbruchs in der US-amerikanischen Politik geworden. Bis ihre politische Macht im von alten Hierarchien geprägten Kongress der Vereinigten Staaten tatsächlich greifbar, tatsächlich formend sein kann, werden wohl trotzdem Jahre vergehen. Nein, viel Macht hat sie nicht. Noch nicht: Denn Alexandria Ocasio-Cortez erobert die politische Landschaft mit ihrem Stil gerade im Sturm - mit Leidenschaft, dem eingängigen Kürzel AOC und Mut. Sieben Gründe, warum man sich die junge Demokratin merken sollte:

 

1. Sie scheißt sich nix und sagt, dass US-Präsident Donald J. Trump ein Rassist ist.  In ihrer ersten Woche im Amt. Mehrmals.

Trump hätte Rassismus nicht erfunden, aber er habe ihm eine Stimme gegeben, sagt sie in einem Interview mit CBS. Das Weiße Haus zweifelt dafür postwendend ihre Intelligenz an, aber AOC lässt sich nicht einschüchtern und fasst auf Twitter nochmal zusammen:

 

2. Sie ist laut und authentisch. Und schimpft auch schon mal los - nur nicht auf Minderheiten, sondern lieber nach oben.

Egal ob Trump oder ihre eigene Partei, die Demokraten: Womit AOC nicht einverstanden ist, das kritisiert sie lautstark. Und gesellt sich zum Beispiel kurzerhand zu einem Sit-In von KlimaaktivistInnen vor dem Büro ihrer Fraktionschefin und Parteifreundin Nancy Pelosi. Das ist nicht nur Geplänkel, sie meint das durchaus ernst. Denn:

 

3. Sie ist eine "radikale" Klimapolitikerin und unterstützt das progressive Klima-Vorhaben "Green New Deal",

das nicht weniger als die gesamte US-Energie zu 100 Prozent nachhaltig machen will. Und das am liebsten ab morgen. KritikerInnen finden das "radikal". AOC sagt dazu: "Es waren immer die Radikalen, die das Land verändert haben" und nennt US-amerikanische Nationalhelden wie Abraham Lincoln, der die Sklaverei abgeschafft hat, und Franklin D. Roosevelt, der den Sozialstaat forciert hat.

 

4. Dabei scheißt sie sich noch viel weniger, und kann sich zur Finanzierung der Klimaziele eine Steuerrate von 70% für Superreiche vorstellen.

Yep, das hat sie gesagt. In den USA. Einem Land, für das "Umverteilung" wie ein Schreckgespenst aus Europa wirkt.

 

5. Zu ihrer Angelobung ist AOC in einem weißen Powersuit, knallrotem Lippenstift und goldenen Kreolen marschiert. Als feministisches Statement.

Weiß, um die Kämpfe und Errungenschaften der Frauenbewegungen zu würdigen. Schon die Suffragetten trugen weiß und auch die erste Schwarze Frau im US-amerikanischen Kongress, Shirley Chisholm, erschien in weiß zu ihrer Zeremonie. Die Accessoires trägt sie zu Ehren von Sonia Sotomayor, der erste Richterin des Obersten Gerichtshofes mit lateinamerikanischen Wurzeln. Ihr wurde damals nahegelegt, nur neutralen Nagellack im Amt zu tragen. Sie blieb bei roten Nägeln und auch AOC hält nichts von der noblen Zurückhaltung, die Frauen in Machtpositionen gerne angeraten wird, um ja nicht zu - ja was eigentlich? - einschüchternd, schön oder weiblich zu wirken. Also rote Lippen und goldene Hoops: "Und wenn das nächste Mal jemand einem Mädchen aus der Bronx sagt, sie soll ihre Hoops ablegen, kann sie einfach sagen, sie ziehen sich an wie eine Congresswoman."

 

 

6. Sie hat das Internet kapiert. 

1,6 Million FollowerInnen auf Instagram,  2,2 Millionen auf Twitter: AOC weiß, wie sie ihre WählerInnen erreicht. Sie ist auf ihren Kanälen eine Politikerin mit Botschaften und ein Mensch mit Emotionen, dabei immer nahbar und bereit für Diskussionen. Und, nicht zu unterschätzen, ihr Meme-Game ist on point. Als rechte Trolle sie mit einem Tanzvideo aus ihrer Uni-Zeit bloßstellen wollen, reagiert sie mit einem neuen Video, in dem sie durch den Kongress tanzt. So geht Internet.

 

 

7. Sie ist jung. Sie ist eine Woman of Color. Sie kommt nicht aus der Oberschicht. Und sie hat es nicht vergessen. 

"We open doors so others can walk through them," schreibt sie. Gerade die US-amerikanische Politik, die in den letzten Jahren von der Frustration über das Establishment geprägt war, ist das ein wichtiger und ermutigender Zugang.

 

 

Die Kritik an Alexandria Ocasio-Cortez

AOC fordert viel. Gerade von jungen Frauen ist man das so nicht gewöhnt. Die Republikaner kritisieren sie bereits mit einer Heftigkeit, die einem neuen Kongressmitglied selten entgegenschlägt. Sie soll die Kosten ihrer Gesetzesvorhaben und damit verbundene Steuerbelastungen verschleiern und sich nicht immer ganz an die Fakten halten. Und tatsächlich: Auch die Washington Post kritisiert Ocasio-Cortez, weil sie eine Statistik zu den Ausgaben des Pentagons falsch wiedergab. Im Interview mit CBS sagt sie dazu: "Ich glaube, viele Menschen machen sich mehr Gedanken darüber, faktisch und semantisch korrekt auszudrücken, als moralisch richtig zu liegen." Ist das populistisch und ein bisserl fragwürdig? Ja. Bevor man aber in Schnappatmung verfällt, sollte man nicht vergessen: AOC ist Politikerin und sie hat eine Agenda. Was sie tut, ist nicht außergewöhnlich. Der einzige Unterschied ist: Sie ist dabei transparent. Und das sollten wir feiern.

Aktuell