Warum diese Frau die Pille unzumutbar findet

Ist die Antibabypille tatsächlich so alternativlos und macht sie uns Frauen wirklich so selbstbestimmt? Fragen, die Sabine Kray in ihrem Buch "Freiheit von der Pille" aufwirft.

Seit 50 Jahren gilt die Antibabypille als sicherste Verhütungsmethode. Und noch immer wird sie als Meilenstein für die Emanzipation und Unabhängigkeit der Frau gefeiert. Was passiert aber, wenn man diese Selbstverständlichkeiten in Frage stellt: Ist die Pille tatsächlich so alternativlos? Macht sie uns Frauen wirklich so selbstbestimmt?

Das alles sind Fragen, die sich Sabine Kray in ihrem neuen Buch "Freiheit von der Pille" stellt. Und sie sind nicht einfach zu beantworten. Kray veröffentlichte im April 2017 bei Zeit Online den Artikel „Die Antibabypille ist unzumutbar“ - und traf damit einen Nerv. Im Buch beschreibt die Autorin, wie und warum die Pille zum erfolgreichsten Verhütungsmittel wurde und verbindet das einerseits mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und andererseits mit Gesprächen mit vielen jungen Frauen über ihre Erfahrungen mit der Pille und ihrem Zugang zum eigenen Körper.

Per Mail beantwortete uns Sabine Kray die wichtigsten Fragen über ihr Buch und die Rolle der Antibabypille in ihrem Leben:

Wann haben Sie angefangen, die Pille zu nehmen und warum?

Sabine Kray: Wie viele meiner Altersgenossinnen habe ich als Teenager angefangen, sie zu nehmen. Mit fünfzehn. Und zwar eher, weil alle anderen sie auch genommen haben und weil man sich erzählte, dass sie schöne Haut und große Brüste mache. Der Frauenarzt hat sie verschrieben, obwohl ich nicht einmal einen Freund hatte. Offiziell bekam ich sie dann gegen meine Menstruationsbeschwerden und Sex hatte ich erst zwei Jahre später. Mit Kondom im Übrigen.

Wie würden Sie den Zustand beschreiben, als Sie die Pille genommen haben?

Schwer zu sagen. Der Kontrast wurde eher im Nachhinein deutlich. Und hier liegt ja das Problem. Vierzehn- oder fünfzehnjährige Mädchen sind noch dabei, sich zu finden, das eigene Körpergefühl ist noch nicht ausgebildet, die Libido ist eine rätselhafte Fremde. Welche Veränderungen und Einschränkungen da stattfinden, realisiert man erst später, wenn man sie dann absetzt.

Warum haben Sie sich letztlich dazu entschieden, sie abzusetzen?

Ich hatte eigentlich kein sonderlich kritisches Verhältnis zu meiner hormonellen Verhütung, bevor ich sie abgesetzt habe, das geschah eher „aus Versehen“. Ich hatte keine Zeit zum Frauenarzt zu gehen, um ein Rezept zu holen und hatte zu dieser Zeit eh keinen Freund. Also habe ich gedacht, ich lasse es einfach mal und bin dann aus allen Wolken gefallen, als ich bemerkte, welchen Eingriff in meine Persönlichkeit die hormonelle Verhütung eigentlich dargestellt hat.

Viel entscheidender bei all dem ist aber, dass wir uns deutlich machen, wieviel Scham und Verklemmtheit immer noch in uns steckt, wenn es um die wirklich intimen Themen geht.
von Sabine Kray

Nun warnen ja einige ÄrztInnen davor, dass sichere Verhütung in Gefahr ist, wenn alle die Pille absetzen. Was sagen Sie dazu?

Sichere Verhütung = Pille: das sitzt so noch immer in den Köpfen fest. Warum ist mir ein Rätsel. Die sogenannte symptothermale Methode, manchmal auch NFP genannt, hat laut einer groß angelegten Langzeitstudie der Universität Heidelberg den gleichen Pearl-Index wie die Pille. Natürlich erfordert die Methode Disziplin, aber vor allen Dingen funktioniert sie nur dann, wenn wir uns unseren Körpern wieder zuwenden, sie beobachten und verstehen, statt den Anspruch zu haben, sie ohne Rücksicht auf Verluste wie eine Maschine quasi per Knopfdruck/Pilleneinwurf zu steuern. Darüber hinaus gibt es natürlich noch die Kupferspirale, die in der Praxis sogar sicherer ist als die Pille, denn bei der Pille kommt es insbesondere bei jungen Frauen immer wieder zu Anwendungsfehlern und damit zu Schwangerschaften.

Viel entscheidender bei all dem ist aber, dass wir uns deutlich machen, wieviel Scham und Verklemmtheit immer noch in uns steckt, wenn es um die wirklich intimen Themen geht, da können wir alle noch so viel YouPorn und Blowjob-Tutorials schauen, in dem Moment wo es um einen intimen Moment mit einem echten anderen Menschen geht, drücken wir uns viel zu häufig um die Auseinandersetzung mit Verhütung. Da müssen wir ansetzen. Mit ausführlicher one-on-one Verhütungsberatung beim Frauenarzt, statt das im Sexualkundeunterricht zu machen, wo ohnehin alle rote Ohren haben und blöde Sprüche machen.

Warum, glauben Sie, steigt derzeit das Bewusstsein über die Nebenwirkungen der Pille – und warum erst jetzt?

Ich glaube, dass sich ganz generell etwas am Selbstbewusstsein der Frauen ändert. Jahrzehntelang hat man uns eingeredet, eine Frau zu sein, sei ein Manko und unser Uterus eine Quelle von Ärger und Schmerzen, sonst nichts. Und wir haben das geschluckt. Mittlerweile reden wir ganz anders über diese Dinge und der Gedanke, dass in einem natürlichen Zyklus auch Power stecken könnte, liegt uns nicht mehr völlig fern. Auch das Theater, dass beispielsweise Menstruation peinlich sei, wird langsam abgebaut, und Männer, die Donald Trump-mäßige Sprüche à la „die menstruiert wohl gerade“ machen, bekommen immer mehr Gegenwind. Also hinterfragen wir jetzt auch, was das soll, dass man uns mit synthetischen Sexualhormonen vollstopft. Man stelle sich einmal vor, jemand würde dasselbe Jungs im Teenageralter oder auch Männern vorschlagen. Da gäbe es vielleicht ein Geschrei.

Was muss sich ändern, damit Frauen und Männer wirklich selbstbestimmt verhüten können?

Wie oben bereits angesprochen, hapert es ganz primär noch immer an Scham und mangelndem Wissen. Wer über seinen Körper gut Bescheid weiß, kann heutzutage mit oder ohne Pille ausgesprochen sicher verhüten. Toll wäre es natürlich, wenn die Pharmaindustrie irgendwann doch noch ein Präparat liefern würde, das weder die Gesundheit oder das Wohlbefinden der Frauen beeinträchtigt, noch das der Männer, aber das lässt sich nur erreichen, wenn wir die bestehenden Produkte konsequent boykottieren. Denn so funktioniert Kapitalismus, aus Nächstenliebe werden die Konzerne nichts an ihren Produkten ändern. Wenn es ganz akut auf die Umsätze schlägt, aber vielleicht schon.

Sabine Kray wurde 1984 in Göttingen geboren. Sie lebt als Autorin und Übersetzerin in Berlin, wo sie sich als Mentorin für junge Mädchen bei der Bürgerstiftung Neukölln engagiert. Ihr Debüt Diamanten Eddie erschien im Frühjahr 2014.

 

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