Warum die ORF-Kampagne zu Gewalt gegen Frauen nicht authentisch ist

Oberflächliche Auseinandersetzung mit 6 starken Promimännern? Nicht die ideale Herangehensweise an das Thema Gewalt gegen Frauen.

Der ORF hat sich den internationalen Frauentag am 8. März für einen Themenschwerpunkt über Frauenrechte zum Anlass genommen. Darin geht es um starke weibliche Persönlichkeiten der Vergangenheit und Gegenwart. Begleitend zur inhaltlichen Auseinandersetzung in den Informationsformaten "dok.film", "Thema", "Report", "Weltjournal" und "Kulturmontag" gibt es auch eine Kampagne, in der prominente Männer ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen setzen. Ganz genau sind es zehn Männer auf sechs Bildern: Armin Wolf, Harald Krassnitzer, Robert Palfrader, Nazar und die ganze Band Wanda.

Und circa hier beginnt der Teil, wo man das Gefühl bekommt, es ist eine ein wenig unreflektiert konzipierte Kampagne von Menschen, die sich sonst kaum mit dem Thema Gewalt an Frauen beschäftigen. Ja, Wanda sind die gehypte Austro-Band der Stunde und auch international voll beliebt und so, und sie verhelfen der Kampagne sicher zu viralem Erfolg. Wanda war aber nicht umsonst in der WIENERIN-Reihung zu den Sexisten des Jahres und haben Platz 6 des goldenen Penis belegt: Es hinterlässt einen ziemlich bitteren Beigeschmack, Autoren der Zeilen "Steck sie ein wie 20 Cent" oder "Nimm sie, wenn du glaubst, dass du's brauchst" mit einem Schild "Geht. Gar. Nicht." zu sehen. Was geht gar nicht? Der Frauentag? Mit Gewalt an Frauen scheint die Band nicht so ein Problem zu haben, wie mit konsensualem Sex.

Es sind genau solche popkulturellen Referenzen, die Rape Culture ausmachen. Mediale Bilder, die Frauen zu passiven Objekten und Männer zu deren Eigentümern machen. Solche Bilder kommen auch im ORF vor (gerade der Tatort vom Sonntag war ein ideales Beispiel), und anstatt zu thematisieren, wo Gewalt gegen Frauen ihren Urpsprung hat und welche Rolle man als öffentlich-rechtliches Medium darin einnimmt, schauen ein paar Alphamänner bedrückt in die Kamera. Das ist ein nettes Zeichen, denn natürlich müssen Männer in die Diskussion um Gewalt gegen Frauen miteinbezogen werden. ORF-Programmdirektorin Kathrin Zechner meint dazu: "Um Frauen an IHREM Tag nicht in eine Opferrolle zu rücken und in dieser abzubilden, wendet sich die Kampagne an die eigentlich richtigeren Adressaten: an Männer. Frauen und Mädchen dürfen sich nicht aus dem öffentlichen Raum vertreiben oder einschüchtern lassen, sondern Männer müssen dazu erzogen werden, ganz klar zu wissen: ,Gewalt gegen Frauen – GEHT.GAR.NICHT."

Diese Botschaft wäre aber halt authentischer, wenn der Absender ein Medium wäre, das auch unabhängig vom Frauentag anerkennen würde, dass Gewalt gegen Frauen eine Epidemie ist. Dass es die häufigste Todesursache bei Frauen zwischen 16 und 44 Jahren ist. Dass es in nur 10 Prozent aller Vergewaltigungen überhaupt zu einer Anzeige, und nur in 17 Prozent aller angezeigten Fälle zu einer Verurteilung kommt. Das passiert das ganze Jahr, in der Mitte der Gesellschaft, und die Herkunft der Täter spielt dabei keine Rolle: In 70 Prozent der Fälle steht der Täter in einem persönlichen Naheverhältnis zum Opfer. Stattdessen hat sich der ORF laut Aussendung "unter anderem die Vorfälle in Köln" als Anlass genommen, und lässt am Frauentag Männer über Frauen sprechen. In einer Inszenierung, die aussieht wie Verbrecherfotos. Was will uns der ORF damit sagen? Wird Bundespräsident Heinz Fischer als Täter inszeniert? Ein bisschen mehr Kontext wär schon gut. Bisschen mehr Themenschwerpunkt, warum unsere Gesellschaft eigentlich Männer zu Vergewaltigern erzieht. Die eigene Reichweite nutzen, um Frauen eine Stimme zu geben, diese Diskussion zu führen. Aber ja, wie die Autorin Olja Alvir es auf Twitter ganz gut auf den Punkt gebracht hat, die Fotos sind eh hübsch.

 

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