Warum der "Liebesbrief an eine kurvige Frau" problematisch ist

Ein Mann schreibt einen Liebesbrief an den Körper seiner Frau. Die Frau ist nicht groß, nicht superdünn, nicht unrealistisch makellos und dellenfrei. Trotzdem(!) liebt er sie und ihren Körper und postet diese großartige Leistung auf Instagram. Das gefällt, den Usern und den Medien, der Liebesbrief wird gelobt und besungen. Auch von uns.

Ja eh, der Liebesbrief ist schön. Ganz einfach, weil Liebe schön ist. Sieht man genauer hin, ist diese Ode an den Körper einer Frau problematisch und wir müssen darüber reden. Natürlich können (und sollten) Männer Feministen sein. Es hat nur nichts mit Feminismus, Empowerment oder Body-Positivity zu tun, wenn sich ein Mann selbst zu der Erkenntnis gratuliert, dass alle Frauen Menschen sind, die Liebe verdienen.

Was Robbie Tripp blumig umschreibt, lässt sich einfach zusammenfassen: "Meine Frau ist ein bisschen zu dick und sieht nicht aus wie Frauen angeblich auszusehen haben. ICH liebe sie trotzdem, obwohl die Gesellschaft MICH dafür verurteilt. Aber das ist MIR egal! ICH opfere MICH und liebe jemanden, der meiner Liebe eigentlich nicht würdig ist. Ich bin ein feministischer Held. Yay Body-Positivity!"

Ein Mann ist nicht mutig, nur weil er eine dicke Frau liebt

Man muss einen Mann nicht dafür loben, dass er seine Frau liebt. Muss ihm nicht anerkennend auf die Schulter klopfen, weil er es tatsächlich schafft, eine Frau zu lieben, die nicht dem gesellschaftlichen Schönheitsideal entspricht. Das ist keine anbetungswürdiger Vorfall, es ist, was anständige Menschen eben tun.

Aber es ist nicht das Bild, das Tripp zeichnet. Seine „Opferrolle“ wegen Hänseleien in der Teenagerzeit, sein „feministisches Erwachen“, seine allen gesellschaftlichen Widerständen trotzende Liebe zu einer „kurvigen“ Frau demonstrieren vielmehr ein unschönes Machtverhältnis in der Beziehung. Als müsste seine nicht den Schönheitsstandards entsprechende Frau dankbar sein, dass sich ein toller Typ wie Tripp dazu herablässt, sie trotzdem zu lieben.

Bitte keine neuen Schönheitsideale

Und er objektifiziert seine Frau, alles dreht sich um ihren Körper. Er liebt sie, OBWOHL oder WEIL sie „kurvig“ ist. Und wird nicht müde zu betonen, dass der Körper seiner „kurvigen Göttin“ nicht dem Schönheitsideal entspricht. Damit sprengt er die Normen nicht, er macht sie sichtbarer und setzt gleich noch eines oben drauf. Es scheint immer noch verlockend zu sein, bestimmte Frauenkörper beliebig als „echt“ zu bezeichnen. Echte Frauen haben Kurven, echte Frauen haben Dellen, echte Frauen haben was auch immer. Achtung, jetzt wird es bahnbrechend: Wir sind alle echt. In allen Größen, Formen und Nuancen. Einen Körpertyp über alle anderen zu erheben ist wieder nichts anderes als Diskriminierung. Es bricht das Körperideal nicht, es schafft einfach nur ein neues.

Der Liebesbrief war gut gemeint, daran besteht kein Zweifel. Am Ende ist es aber wieder nur ein Mann, der eine Frau aufgrund ihres Körpers beurteilt. Ein Mann, der sagt, was okay ist. Ein Mann, der seine eigenen Erfahrungen über alles andere erhebt und zeigt, wie man es richtig macht.

Das Internet ist kritisch und das ist gut so

Dass aus einem Vorfall wie diesem überhaupt eine Geschichte wird, ist wahrscheinlich erst seit 2016 wirklich möglich. Was man dem Internet dennoch zu Gute halten muss, ist die ständige Selbstreflexion. Der Liebesbrief hat erst viele positive Reaktionen erhalten, vor allem auf Twitter hat sich das Blatt aber sehr schnell gewendet - und einige der Kritiken sind gewohnt herrliche Satire.

Wir sind, nicht zuletzt wegen der Body Positivity-Bewegung, einen ganzen Schritt weiter, seit ein junger Tripp für seinen Frauengeschmack verarscht worden sind. Der Weg ist aber immer noch weit.

Zu dick? Zu dünn? Oder eh wurscht? Sag uns, was du vom Body Positivity-Trend hältst und erzähl uns, welche Kommentare zu deinem Gewicht du dir schon anhören musstest. Wir wollen deine Meinung wissen!

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