Warum deine nächste US-Reise nach Aspen gehen sollte

Unsere Autorin Arnika Zinke kannte Aspen bisher als amerikanischen Nobelskiort. Bis sie die Kleinstadt im Sommer von einer anderen Seite entdeckte. 

"Brauchen wir die wirklich?", frage ich den Mann im Fahrradgeschäft, als er mit einem großen Haufen Schutzausrüstung bei mir ankommt. "Du wirst schon sehen", kontert er verschmitzt. Das kann ja was werden. Eigentlich hatte ich bei dem Wort "Downhillbiking" eher eine gemütliche Radtour im Kopf, stattdessen ziehe ich nun die Klettverschlüsse meiner Schienbein-, Knie-und Ellbogenschoner fest um meinen Körper. In voller Montur, mit Helm und Handschuhen, trete ich wie ein kleiner Power Ranger vor die Tür und treffe auf eine kleine, zierliche Frau, die sich mir als "Piglet" (deutsch: "Ferkel") vorstellt. Piglet ist unser Downhill Instructor und ich schöpfe Hoffnung, dass unsere Kampfmontur doch nur der Übervorsichtigkeit der klagserprobten AmerikanerInnen geschuldet ist.

Downhill

Über Stock und Stein

Eine Stunde später weiß ich es besser. Piglet, die man im Alltag eher für eine süße Oma halten würde, entpuppt sich als knallharte Downhillbikerin, die alles andere als Kuchenbacken im Sinn hat. Mit vollem Karacho jagt sie den Berg des Übungsplatzes runter, der mit großen Steinen, spitzen Felsen und Holzbrücken versehen ist. "Das Wichtigste ist, dass du niemals bremst", erklärt sie mir. Spätestens jetzt hat sich mein anfänglicher Leichtsinn in mächtigen Respekt gewandelt. Nach einigen Runden am Übungsparcours, die ich zu meiner großen Überraschung ohne Schaden überlebt habe, geht es mit der Gondel hinauf zur Mittelstation des Elk Camp-Gipfels. Im Winter befindet sich hier in Snowmass, einem Nebenort von Aspen, ein pulverschneebedecktes Skifahrerparadies, im Sommer sind hier vor allem AktivurlauberInnen und Downhillprofis anzutreffen. Ein letztes Mal schwört uns Piglet vor unserem ersten "Run" ein: Nicht bremsen, Gewicht nach hinten verlagern -"sonst fällst du mit dem Kopf voran über dein Rad"."Beruhigend", denke ich und versuche, nicht darüber zu spekulieren, wie lange die Rettung wohl auf den Berggipfel brauchen würde. Doch aus meiner anfänglichen Angst wird bald Adrenalin, das fast so schnell durch meinen Körper jagt wie ich auf meinem Rad nach unten.

Aspen Art Museum

Zum Glück kann man es in Aspen / Snowmass auch ein wenig ruhiger angehen. Die Kleinstadt im US-Bundesstaat Colorado, die hierzulande eigentlich als Nobelskiort bekannt ist, gilt unter AmerikanerInnen schon länger als beliebte Sommerdestination. Die Hälfte der Nächtigungen verbucht das ehemalige Silberstädtchen mittlerweile in den Sommermonaten, und das nicht nur unter den Superreichen. Die sind natürlich trotzdem anzutreffen; an Spitzentagen, etwa dem 4. Juli, wurde am stadteigenen Flughafen die höchste Dichte an Privatjets in den ganzen USA gemessen.


Bodenständig im Gucci-Gürtel

Dabei wirkt die Stadt auf den ersten Blick gar nicht so "posh", wie man sich einen Nobelort eigentlich erwarten würde: Von den Gucci-,Prada-oder Dior-Geschäften abgesehen, die in der rustikalamerikanischen Backsteinhaus-Idylle ein wenig aus dem Rahmen fallen, ist Aspen ziemlich bodenständig geblieben. Und das, obwohl der Ort erstaunlich viel zu bieten hat: Das kürzlich vom Stararchitekten Shigeru Ban gestaltete Aspen Art Museum stellt dank großzügiger Spenden der gut betuchten Bevölkerung regelmäßig Top-KünstlerInnen aus, im Benedict Music Tent spielen in den Sommermonaten jeden Abend InterpretInnen des Aspen Music Festivals Werke von Mozart bis Rossini.

Die Ortsmitte ist außerdem Ausgangspunkt für zahlreiche Wanderrouten und Fahrradwege (siehe Infobox), mit der Gondel gelangt man in wenigen Minuten auf den 3.000 Meter hohen Hausberg Aspen Mountain. Für zehn Dollar (€ 8,-) kann man oben angekommen eine Stunde Hatha-Yoga über den Bergspitzen einlegen -wenn einem der Atem nicht von der dünnen Höhenluft wegbleibt, dann spätestens beim Anblick der Naturkulisse, die sich einem beim "herabschauenden Hund" bietet.

Maroon Bells

Glocken läuten

Mindestens genauso atemberaubend sind die Maroon Bells ("kastanienbraune Glocken"), eine Gebirgskette, die sich nur wenige Autominuten von Aspen entfernt befindet. Kommt man früh genug an, kann man der Sonne dabei zusehen, wie sie die 4.000 Meter hohen Bergspitzen in ein sanftes Orange taucht -kein Wunder, dass dieser Ort zu den meistfotografierten in den Rocky Mountains zählt.

Ein anderes Glockenläuten, nämlich jenes von den Kuhglocken junger Kälber, hört man schließlich auch einmal die Woche abends in der Rodeo-Arena von Snowmass. Während man im benachbarten Aspen mit überraschend wenig amerikanischen Stereotypen in Berührung kommt, zeigt das Klischee-Barometer beim ältesten Rodeo von Colorado steil nach oben. Mein Versuch, mit weißer Jeans und Sportschuhen einigermaßen in der Masse unterzugehen, scheitert schon am Eingang. Niemand, der auch nur einen Funken Ahnung von Rodeos hat, würde hier jemals mit einer weißen Hose auftauchen. Die meisten tragen aber sowieso Dinge, die ich in meinem Koffer vergeblich gesucht hätte: Polierte Cowboystiefel, Karohemden und Westernhüte sind beim Rodeo tatsächlich keine Verkleidung, sondern Realität. Als ich am Food-Corner anstehe, um mir nach vier Tagen meinen ersten Burger zu gönnen - im gesundheitsbewussten Aspen ist ein solcher tatsächlich nicht so einfach zu finden -, und ich leise zu John Denvers Take Me Home, Country Roads mitsumme, wähne ich mich voreilig in dem Glauben, den Gipfel der Klischeehaftigkeit erreicht zu haben. Rückblickend betrachtet sehr naiv.

Yoga in Aspen

Was für ein Affentheater

Bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Rodeo-Moderator aus den blechernen Lautsprechern eine "nationale Sensation" ankündigt, habe ich bereits die pathosgetränkte amerikanische Hymne inklusive galoppierendem, fahnenschwenkendem Cowgirl hinter mich gebracht. Wieder korrigiere ich mein Klischeebarometer nach oben. Als ich meinen Blick das nächste Mal auf das Gatter werfe, möchte ich meinen Augen nicht trauen: Das, was der Ansager wenige Minuten zuvor als "one of the best cowboys in the world" angekündigt hat, ist so klein, dass ich es anfangs mit freiem Auge kaum erkennen kann. "It's a monkey!", schreit eine Frau aufgeregt hinter mir. Und tatsächlich -da sitzt ein Affe mit rotem Hemd und Cowboyhut auf einem Hund und schwingt sein Lasso. So was kannst du nicht erfinden.

Die letzten Stunden in den Vereinigten Staaten verbringe ich am Flughafen von Denver. Ich nippe an meinem Starbucks-Kaffee und lasse meinen Blick durch den Warteraum schweifen. Mir gegenüber sitzt ein Mann mit einem großen Bauch, dessen T-Shirt nur noch äußerst knapp seine Haut bedeckt. Lautstark unterhält er sich mit seinem Freund über den sonntäglichen Kirchgang; in seiner linken Hand hält er einen Burger, von dem er nach jedem Satz genüsslich abbeißt. Auf seinem Kopf trägt er eine rote Kappe mit einem goldenen Schriftzug: "Make America Great Again" steht darauf geschrieben. Klischee? Mich überrascht so schnell nichts mehr.

Redakteurin Arnika Snowmass Rodeo

Gut zu wissen

ANREISE

United Airlines fliegt ab Wien täglich via Denver /Houston /Chicago zum Aspen Airport. Ab ca. € 900,-.

UNTERKUNFT

Aspen:
»Luxus: Limelight Hotel: im Sommer ab ca. $ 300,-/ Nacht (€ 260,-).

»Budget: Hotel Aspen ab $169,(€ 145,-), Molly Gibson ab $159,-(€ 135,-) / Nacht. 

Snowmass:
»Luxus: Top of the Village-Residenzen, $ 279,- (€ 240,-) / Nacht.

»Budget: Pokolodi ab $99,- (€ 85,-) / N.

AKTIV

Aspen:
»Gemütlich: Die Wanderung am Hunter Creek Loop bietet einen tollen Blick über Aspen.

»Leichte Fahrradtour: Der Rio Grande Trail führt an vielen Promivillen vorbei.

»Mit der Silver Queen-Gondel rauf zum Yoga am Aspen Mountain.

»Must-see: die Maroon Bells.

Snowmass:
»Auch für Kinder geeignet: Wildwasserrafting im Roaring Fork River (z. B. bei blazingadventures.com).

»Nichts für Angsthasen: Beim Downhillbiking geht's steil bergab. Tipp: Fragen Sie nach Peggy "Piglet" Harris-Foster!

KULTUR

»Das Aspen Art Museum zeigt Werke zeitgenössischer KünstlerInnen.

»Im Benedict Music Tent kann man den lauen Sommerabend genießen. Tipp: Wer keine Tickets kaufen will, kann davor im Gras picknicken.

»Darf auf gar keinen Fall fehlen: ein Besuch des Snowmass Rodeo.

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