Warum das Netz immer brutaler wird

Die WIENERIN sprach mit dem Social-Media-Experten Axel Maireder über Internet-Phänomene wie Shitstorms, Hass-Postings und die Macht der Masse im sozialen Netz.

Mit einem Mal bricht die Hölle los. Hunderte oder tausende von Postings, wüste Beschimpfungen, Spott, Häme, Vorwürfe und Anschuldigungen – der perfekte Shitstorm. Die einen halten es für eine Art der demokratischen Meinungsäußerung. Für die anderen ist es nur üble Pöbelei. Eines bleibt unbestritten: Shitstorms haben einen immer größeren Einfluss auf unsere Gesellschaft. Immer mehr Unternehmen lassen sich von der Macht der Masse im Internet ihre Entscheidungen diktieren. Zuletzt erlebten wir das bei der Supermarktkette Spar, die halal (nach islamischer Tradition) geschlachtetes Fleisch aufgrund aufgebrachter Postings und Boykott-Drohungen einfach aus dem Sortiment nahm. Die Firma Porsche entließ vergangenen Sommer einen Lehrling nach Hasspostings gegen Flüchtlinge und bekannte Lokale wie das Café Prückel oder das Plachutta zogen massenhafte Proteste auf sich, die in den sozialen Netzen ihren Anfang nahmen. Wir sprachen mit dem Social-Media-Experten, Axel Maireder.


WIENERIN: Kommt es einem nur so vor, oder gibt es eine Tendenz zu immer mehr und immer enthemmteren Shitstorms?


Axel Maireder: Auf der einen Seite werden soziale Medien immer breiter genutzt und sind in der politischen Diskussion immer relevanter. Die Masse der Kommunikation, die dort abläuft, wird immer größer, so dass auch solche Dinge öfter stattfinden. Auf der anderen Seite geht es meistens darum, etwas zu bewegen. Und solche Beispiele wie Spar zeigen, dass man dadurch auch etwas bewegen kann. Ob im positiven oder im negativen Sinne – je nach politischer Einstellung in diesem Fall.

Warum brauchen wir diese Art von kollektiver Aufregung?


Ein Shitstorm entsteht ja nicht aus dem Nichts. In den meisten Fällen ist er mit politischen Einstellungen und grundsätzlichen politischen Fragen verknüpft. Was dann passiert, ist ein Ventil, um auf Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Wenn wir bekannte österreichische Beispiele wie diese Plachutta-Geschichte hernehmen, ist das eine Form von Aufregung, bei der grundsätzliche Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft angeprangert werden.


Gleichzeitig gab es im letzten Jahr immer wieder Shitstorms gegen Privatpersonen die sonst nicht in der Öffentlichkeit stehen. Das ging bis zu Entlassungen. Ist das eine sinnvolle Reaktion der Arbeitgeber?


Sie spielen jetzt auf den Porsche-Lehrling, die Rotkreuz-Mitarbeiter und ähnliche Fälle an. Ich glaube, das kommt wirklich auf den Fall an. Es ist die Frage, ob das Unternehmen sich in so einer Situation leisten kann, nichts zu tun. Was wiegt hier schwerer, die „Solidarität“ auch mit dem Arbeitnehmer, oder der Image-Verlust für das Unternehmen? Und der ist gerade bei solchen Geschichten, die in den Massenmedien breitgetreten werden, dramatisch. Deswegen müssen die Unternehmen irgendwie reagieren.


Können Einzelpersonen, die auf diese Art in die öffentliche Kritik kommen, überhaupt noch etwas tun?


In vielen Fällen kann man dann nicht mehr wirklich sinnvoll damit umgehen, weil man erdrückt wird von dem was gesagt wurde. Ich glaube, der junge Mann bei Porsche hat sich dann entschuldigt, das hat ihm aber nicht mehr viel genützt. Man muss früher ansetzen. Es muss Menschen grundsätzlich klar werden, dass das, was sie in diesen Kommunikationsräumen sagen, auch eine breitere Öffentlichkeit erreichen kann. Wir müssen schon in der Medienbildung von Kindern und Jugendlichen ansetzen.


Bleiben wir bei den Hasspostings.Vor ein paar Jahren hieß es noch, es sei die Anonymität im Internet, die Menschen enthemmt. Mittlerweile posten die meisten unter ihrem eigenen Namen und mit Profilbild. Sind wir schon so enthemmt?


Diese Enthemmung betrifft einen bestimmten politischen Bereich. In den letzten Monaten war das die Flüchtlingsfrage. Man muss sehen, dass die Menschen, die Hasspostings schreiben, in ihrer unmittelbaren Umgebung ganz massiv bestätigt werden. Das ist eine gefährliche gesellschaftliche Tendenz: Ich sehe dann, wenn ich auf Facebook bin, in meiner Gruppe nur noch diesen Teil der Debatte und fühle mich laufend bestätigt, ebenso zu handeln. Und das schaukelt sich auf.


Es ist auch ein Kampf zwischen den etablierten Medien und den sozialen Netzen. Profil-Herausgeber Christian Rainer spricht Shitstorms die Funktion der Meinungsäußerung ab. Er sieht sie als reine Verdichtung anonymer Beschimpfungen und unüberprüfter Anschuldigungen.


Dann müsste man auch Demonstranten die Meinungsäußerung absprechen. Auch das ist ja die Bewegung einer Masse. Ich verstehe die journalistische Sichtweise mit dem Anspruch, berechtigte und überlegte Kritik zu üben. Das ist damit aber nicht vergleichbar. Die Gewalt der Worte ist eben nicht etwas, das diese Menschen aufgrund ihrer Position haben, wie Journalisten. Dort ist es die Masse, die ihnen Kraft gibt – die Vielen, die sich zusammentun, unter denen jeder Einzelne nicht besonders relevant ist. Es ist eben die Masse, die dieser Kritik Gehör verschafft.


Haben Shitstorms auch positive Effekte?


Natürlich können Shitstorms positive Effekte haben. Aber das kommt immer auf die Perspektive an. Für die Rechten hat der Shitstorm gegen Spar einen positiven Effekt gehabt, nämlich, ihr Ziel zu erreichen. Ein Beispiel aus der anderen politischen Ecke: Die Lufthansa hatte vor einigen Jahren eine für viele sehr sexistische Werbung geschalten und einen Shitstorm erlebt. Die haben dann zurückgerudert und sich entschuldigt. Es ist immer ganz stark eine Frage der politischen Perspektive, die man hat.

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