Warum das Internet kein sicherer Ort für Frauen ist

Gewalt gegen Frauen im Internet ist ein riesiges Problem, das an der Menschenwürde genauso wie an der Meinungs- und Pressefreiheit kratzt. Die wichtigsten Fakten zusammengetragen.

Hier geht es zu unserem Video "Journalistinnen lesen Hasskommentare" und hier sind alle Artikel zu unserem Themenschwerpunkt Gewalt gegen Frauen im Internet.

Die letzten 20 Jahre hat wohl kaum etwas die Welt so dramatisch verändert wie die Verbreitung des Internets. Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien prägen unseren Alltag, sie haben unsere Arbeitswelt und unsere Kultur transformiert und die Welt in vielerlei Hinsicht besser gemacht. Man denke an die schnelle Ausbreitung ziviler Bewegungen und ihren demokratiepolitischen Nutzen. Aber das Internet hat auch eine dunkle Seite. Moderne Kommunikationstechnologie hat ein Thema bestärkt, mit dem wir quasi seit der Erfindung des Patriarchats zu kämpfen haben: Gewalt gegen Frauen. Das scheinbare Fehlen von Konsequenzen und die Schnelligkeit der Informationsverbreitung haben Mobbing, Stalking und Bedrohungen auf ein neues Level gebracht.

Großes Problem, wenig Aufmerksamkeit

Wer sich ein bisschen mit dem Thema Gewalt gegen Frauen im Internet beschäftigt, wird schnell damit konfrontiert, was für ein enormes und allgegenwärtiges Problem es ist. Dennoch stehen wir ganz am Anfang der Aufarbeitung: Es gibt kaum Forschung oder verlässliche Statistiken zu dem Thema, auch internationale Organisationen wie die UN, die OSCE oder das International Press Institute (IPI) fangen erst langsam an, sich näher mit Cyber-Gewalt gegen Frauen zu beschäftigen. Allein die Tatsache, dass der große UN-Report „Cyber Violence against Women and Girls“, kurz nach seiner Veröffentlichung im September 2015 aufgrund mangelhafter Quellenangabe wieder zurückgezogen werden musste, ist bezeichnend.

Frauen zwischen 18 und 24 am meisten betroffen

Laut dem UN-Bericht, der mittlerweile wieder verfügbar ist, haben 73 Prozent aller Frauen, die online sind, schon in irgendeiner Form Erfahrung mit Cyber-Gewalt gemacht. Andere so konkrete Daten sind leider kaum verfügbar. Mädchen zwischen 18 und 24 sind der heftigsten Form von Online-Belästigung ausgesetzt. Dabei reicht schon ein weiblich klingender User-Name: Die Universität von Maryland hat 2006 eine Reihe von Fake-Accounts erstellt. Die Accounts mit weiblich klingenden User-Namen bekamen 25 Mal so viele Drohnachrichten und sexuell explizite Annäherungen als diejenigen, mit einem männlichen Usernamen.

Cyberspace - Reale Auswirkungen

Online Belästigung fängt bei Beschimpfungen und Mobbing an, es reicht von Hacking, Diffamierung durch absichtliches Gerüchtestreuen, Mord- und Vergewaltigungsdrohungen bis hin zu Identitätsdiebstahl. All das kann drastische Auswirkungen auf das reale Leben der Opfer haben. Stalking und Todesdrohungen können ein riesiger emotionaler Stressfaktor sein, hinzu kommt die Zeit, die man mit Polizeiberichten verbringt, finanzielle und zeitliche Ressourcen, um online besser geschützt zu sein (zum Beispiel um eine Website auf einen sichereren Server zu stellen, um Agenturen anzustellen, die persönliche Informationen aus dem Netz nehmen), und im schlimmsten Fall entgangene Gehälter und verlorene Jobs. "Revenge Porn", also die Vebreitung intimer Fotos, meist durch den Ex-Partner, hat in schlimmen Fällen bereits zu Suizid geführt. Die Scham, dass die ganze Welt pornografische Bilder von einem zu sehen bekommt, kann unerträglich werden.

Journalistinnen: Pressefreiheit bedroht

Man muss keine Journalistin sein, um mit Gewalt im Internet konfrontiert zu werden, aber die Auswirkungen in dieser Branche sind besonders prekär. Weibliche Journalisten werden drei Mal so oft angegriffen wie ihre männlichen Kollegen, und leben teilweise täglich mit Vergewaltigungs- und Todesdrohungen. Frauen werden nicht nur öfter, sondern auch wesentlich sexualisierter als Männer attackiert. Kommentare beziehen sich meist nicht auf den Inhalt ihrer Artikel, sondern die Journalistinnen werden persönlich beleidigt. Das tritt besonders zutage, wenn sie über sensible Themen wie Kriminalität, Politik oder gesellschaftliche Dogmen und Tabus berichten. Besonders auffällig ist auch, dass Journalistinnen und Bloggerinnen die kritisch über die Darstellung von Frauen und Sexismus berichten, oft ausgesondert und besonders schlimm gemobbt werden. Laut einer OSCE-Aussendung gaben Journalistinnen an, in Reaktion auf gewalttätige Kommentare zwar nicht ihre Themenauswahl zu verändern, aber mehr darüber nachzudenken, wie sie über etwas schreiben. Diese Form der Selbstzensur kratzt schon hart an der Meinungs- und Pressefreiheit.

Silencing: Frauen werden an ihren Platz verordnet

Insgesamt geht es bei dem Phänomen darum, Frauen zum Schweigen zu bringen und an ihren Platz zu zurück verweisen, der nicht im öffentlichen Raum ist. Langfristig kann nur eine gesellschaftliche Veränderung des Frauen- und Männerbildes Gewalt an Frauen ausroden, dazu gehört viel Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit. Auf dem Weg dahin sind (rechtliche) Konsequenzen unumgänglich, um ein starkes gesellschaftliche Zeichen zu setzen: Wer Frauen für ihre Meinung, oder bloße Existenz im Internet bedroht, muss bestraft werden. Da müssen internationale Internet-Unternehmen, die mit ihren Plattformen Menschen eine Stimme geben, genauso mitspielen wie die lokale Legislatur und Exekutive. Dabei ist es ein großes Problem, dass die Polizei oft nicht für Cyber-Attentate ausgerüstet oder ausgebildet ist: Beamte wissen meist weder, was eine IP-Adresse ist, noch wie sie "virtuelle" Täter ahnden sollen. Eine skurrile Erfahrung dazu hatten auch die Damen vom Frauennetzwerk "Sorority", als sie die wiederholten Hacking-Angriffe auf ihre Website anzeigen wollten. Positive Beispiele sind der jüngst aktiv gewordene Cyberstalking-Paragraph und ein Vorzeigefall aus Deutschland: Zuletzt wurde ein deutscher Facebook-Nutzer zu 250.000 Euro Strafe verurteilt, sollte er einen weiteren Hasskommentar gegen die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali posten.

Gerade weil das Internet so viel emanzipatorisches Potential hat, ist es unerlässlich, sicherzustellen, dass es ein sicherer Ort für alle ist.

 

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