Warum das Alkoholverbot am Praterstern keine gute Idee ist

Verdrängung hat nichts mit Problemlösung zu tun.

Der Praterstern. Seitdem ich denken kann, wird er in österreichischen Boulevardmedien zur absoluten No-Go-Zone erklärt. Wer es wagt, dort auszusteigen, könne sich auf Schlägereien, Beschimpfungen und Schlimmeres gefasst machen. Am besten sollte man den Praterstern großflächig meiden. So die gängige Meinung.

Als jemand, der fast zehn Jahre lang mehrmals täglich dort vorbeigefahren ist, muss ich jedoch sagen: das ist ziemlicher Unsinn. Klar, der Praterstern ist ein Treffpunkt für Menschen aus vielen sozialen Schichten, und mit Sicherheit einer, der mit dem Konsum von Alkohol einhergeht. "Gefährlicher" als andere Orte in Wien ist er trotzdem nicht. Für den neuen Chef der Wiener SPÖ, Michael Ludwig, ist das alles aber trotzdem ein Grund, ab kommender Woche ein Alkoholverbot am Praterstern zu verhängen. Die Strafen für widerrechtlichen Konsum sollen ab 70 Euro betragen. Bei häufigeren Verstößen sind es bis zu 700 Euro.

Einige ExpertInnen sehen das Alkoholverbot kritisch. Es würde lediglich einen "Verdrängungseffekt" geben, so die Grüne Sozialsprecherin Birgit Hebein. Das Verbot in der Praxis umzusetzen, bedeutet auch: Ressourcen dafür aufzuwenden. Und die sind bei einem Platz dieser Größe natürlich nicht zu unterschätzen. "Für eine nachhaltige Verbesserung der Situation von schwer alkoholkranken Menschen sind soziale Maßnahmen und gesundheitsbezogene Maßnahmen erforderlich", so Hebein auf Twitter.

Ein Verbot wird das Problem nicht lösen

Statt also Menschen aus sozial schwachen Schichten zu verdrängen, sei es wesentlich sinnvoller, niederschwellige Notversorgung für schwer alkoholabhängige Menschen im öffentlichen Raum zu erweitern. Denn ein Verbot wird den Alkoholkonsum nicht reduzieren - es wird ihn lediglich verlagern. Aus den Augen, aus dem Sinn funktioniert bei grundlegenden sozialen Ungleichheiten leider nicht. Die Mieten werden dadurch nicht billiger, und ebensowenig werden dadurch mehr Räume für Obdachlose geschaffen.

Es könne daher nicht das Ziel nachhaltiger Politik sein, "Alkoholkranke in die an den Praterstern angrenzenden Wohn- und Grüngebiete bzw. an andere Orte in Wien, an denen leicht zugänglich Alkohol verkauft wird, zu vertreiben", sagt auch die grüne Bezirksvorsteherin in der Leopoldstadt, Uschi Lichtenegger. Der Praterstern brauche mehr als nur "Showmaßnahmen", ist auch NEOS-Klubobfrau Beate Meinl-Reisinger überzeugt. "Michael Ludwig zeigt schon, bevor er gewählt ist, sein wahres Gesicht: Mit purem Populismus versucht er, die Probleme in der Stadt zu kaschieren."

Konsumfreie Räume sind wichtig, denn sie sind trotz allem sozialer Treffpunkt für alle, die nicht mehrere Euro für ein Bier im Lokal ausgeben können. Und sie machen es auch SozialarbeiterInnen leichter, Menschen in Notlagen auf Unterstützungsangebote hinzuweisen. Sollte sich die "Szene zerstreuen", wie es Ludwig hofft, ist fraglich, ob und wie diese Menschen noch erreicht werden können. Eine oberflächliche Maßnahme wie das Alkoholverbot wird die gesellschaftlichen Probleme dahinter nicht lösen.

Die nächste große Herausforderung ist dann vor allem im Herbst zu erwarten: wenn dank der "Wiener Wiesn" hunderte betrunkene Menschen in Dirndl und Lederhosen auf den Praterstern strömen. Man darf gespannt sein kann, ob mit gleicher Härte gegen biertrinkende TrachtenträgerInnen vorgegangen wird wie gegen Obdachlose.

 

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