„Warum braucht ein Flüchtling einen Malkurs?“

Die Kunsthistorikerin Catharina Kahane leitet mit Freunden eine NGO, die seit 2015 in Griechenland Flüchtlingshilfe leistet. Ein Gespräch über die Fallen humanitärer Arbeit, falsch verstandene Würde und die Notwendigkeit der eigenen Stimme.

Im Rahmen der Wiener Woche der Würde spricht Catharina Kahane in einem Vortrag über die Fragestellung „Würde Würde helfen?“ im Zusammenhang mit der Arbeit mit Geflüchteten.

WIENERIN: Ihr Vortrag läuft unter dem Titel „Würde Würde helfen?“ Warum der Konjunktiv? Gibt es den in der Diskussion um das Thema Flüchtlinge nicht schon viel zu oft?

Catharina Kahane: Es geht mir mit diesem Titel eigentlich darum, meiner Irritation über das groß geschriebene Wort "Würde" Ausdruck zu verleihen. „Würde der Obdachlosen, der Geflüchteten, der Frauen“ – was ist das für ein Etikett, das wir bestimmten Menschen damit umhängen? Soll die "Würde" etwa die Kränkungen lindern, die sie durchmachen? Für mich klingt das fast wie eine religiöse Kategorie: "Du bist in Würde gestorben, im Jenseits wird’s dann besser". Für mich ist Menschenwürde unantastbar und diese Würde schreibe ich prinzipiell jedem Menschen zu. Sollte man das Problem nicht umdrehen und fragen: Wie gehe ich mit meiner Schande um, dass ich nicht mehr mache, um die Zustände zu ändern? Um wessen Würde geht es hier? Versuchen wir uns mit der Vergabe von Würde in Wahrheit nicht selbst zu retten?

Stellen wir uns als Gesellschaft über andere, wenn wir über die Würde anderer Menschen entscheiden?

Ich denke, ja. Mir kommt vor, als wäre Würde ein wenig wie ein Trostpflaster, das wir - also diejenigen, die nicht im sozialen, finanziellen oder sonst einem Prekariat leben, vergeben. "Es geht dir zwar schlecht, du bist leider arm, aber du hast immerhin Würde." Muss man nicht viel mehr an der Aufhebung dieser Ungleichheiten arbeiten? Und muss man dafür nicht an ganz anderen Schrauben drehen als an der Würde, die quasi billig zu haben ist? Deswegen verwende ich das Wort "Würde" lieber im Konjunktiv, der Substantiv kommt mir nur schwer über die Lippen.

Catharina Kahane
Catharina Kahane, Kunsthistorikerin und Mitbegründerin der NGO Echo100plus

Sie haben mit Ihrer NGO Echo100Plus seit 2015 unterschiedliche Hilfsprogramme für Geflüchtete in Griechenland installiert, unter anderem ein Freiwilligenprogramm, in dem Menschen aus westlichen Ländern für mehrere Monate mit den Asylsuchenden arbeiten. Basiert ein solches Volunteer-Programm nicht genau auf dieser Ungleichheit? Und dem daraus entstehenden schlechten Gewissen?

Es ist eine schmale Gratwanderung und die Motivation, aus der heraus Volontäre kommen, ist ganz unterschiedlich. Das sind Menschen zwischen zwei Jobs, zwischen Studium und Job, die in Pension sind oder einfach gerade Zeit haben. Aber vor allem für die Jungen ist es oft das erste Mal, dass sie mit solch einer Geschichte konfrontiert sind, mit solchen Bildern. Und die wollen etwas tun, die wollen für etwas brennen und Solidarität zeigen. Das hat natürlich auch mit der Hohlheit unserer westlichen Welt zu tun. Sicher ist da für manche irgendwo ein Kick dabei, auch weil es meist eine unmittelbare Gratifikation gibt, ein dankbares Lächeln zum Beispiel. Aber wenn jemand zu mir kommt und sagt, er möchte helfen, sag ich „Wunderbar, komm!“, es gibt genug zu tun. Wichtig ist, mit den Freiwilligen ständig unsere Rolle vor Ort zu reflektieren, viel darüber zu sprechen, was wir hier tun und auf eine Balance zwischen Empathie und Professionalität zu achten. Auch mal zu fragen: „Weinst du jetzt um dich oder um die?“ Das Schwierigste ist, den Volontären klar zu machen, dass sie natürlich den Menschen auf Augenhöhe begegnen sollen, aber dass es in der Situation immer ein Machtgefälle gibt. Wir sind diejenigen, die etwas geben, weil wir Schuhe und Seife verteilen. Wir versuchen das natürlich zu durchbrechen, etwa mit unserem Echo-Hub auf Leros, in dem wir etwa Geflüchtete als Lehrer miteinbeziehen. Aber wir können uns nicht darüber hinwegschwindeln, dass es dieses Gefälle gibt. Und das dürfen wir auf keinen Fall ausnutzen.

Sie haben das Hub Collective angesprochen, eine Kunstwerkstatt, in der Sie mit den Geflüchteten auf Leros an Film- oder Magazinprojekten arbeiten oder Malkurse abhalten. Warum braucht ein Flüchtling einen Kreativworkshop?

Ich bin Kunsthistorikerin. Eine wichtige Rolle von Kunst ist es, Subjektivität auszudrücken, das "Ich" in irgendeiner Form zu manifestieren. Dazu muss man sagen, dass die Menschen dort in jeder Situation entmündigt und verdinglicht werden – 2015 haben sie bei ihrer Ankunft noch Nummern auf die Haut geschrieben bekommen, Fallnummer soundso -, alles ist reguliert und sie werden immer nur als anonyme Zahl in einer Statistik wahrgenommen. So viel Essen, so viele Schuhe. Und gerade deshalb ist es, glaube ich, sehr wichtig für sie, ihre Person zeigen zu können: Ich, Kenan, oder ich, Farah, habe dieses Bild gemalt und erzähle hier meine Geschichte. Wir haben auch ein Magazin mit ihnen gemacht, nicht wahnsinnig professionell, aber die Leute konnten darin ihre Geschichte erzählen. Und das sind nicht nur Geschichten über Krieg, Vertreibung und Flucht. Wie etwa die eines jungen Mannes, der Model werden möchte. Er hat genau zwei Outfits und variiert sie so, dass wir glauben, er ist jeden Tag anders angezogen. In denen posiert er, macht Fotos und stellt sich dar, wie er sich sieht und wie er gerne gesehen werden möchte. Das ist seine Stimme. Er will nicht auf die Rolle des Geflüchteten, des Opfers festgelegt werden.

Wenn man diesen Menschen die Möglichkeit gibt, sich selbst darzustellen, schauen "Bilder von Flüchtlingen" plötzlich ganz anders aus.
Catharina Kahane, Echo100Plus


Wenn man sich ansieht, wie Flüchtlinge in den Medien repräsentiert werden, merkt man, dass die Bilder immer denselben Schemen folgen. Es gibt drei, vier Bildtypen, mit denen über Geflüchtete berichtet wird. Entweder sind sie als anonyme Masse dargestellt, die bedrohlich wirkt, oder aber sie erscheinen als "Opfer". Natürlich ist das wichtig, das hat ja auch einen politischen Sinn, auch für Organisationen, die Aufmerksamkeit und Spenden brauchen und das läuft nun mal über Mitleid, das über diese „Passionsbilder“ erzeugt wird. Auch wir müssen das machen. Aber man muss es ja nicht die ganze Zeit mitspielen. Wenn man diesen Menschen die Möglichkeit geben kann, sich selbst darzustellen, soll man sie ihnen geben. Und dann schauen die Bilder plötzlich ganz anders aus.

Wie sollte unsere Gesellschaft also über Flüchtlinge sprechen?

Vor allem sollte man mit ihnen sprechen. Und sie selbst sprechen lassen. Und wenn man über sie spricht, dann zumindest informiert. Ich habe selbst keine Lösungen und Antworten auf die vielen brennenden Fragen, die diese Krise aufwirft, aber ich weiß: Angst und Angstmacherei sind die allergrößten Feinde. Damit erreicht man nur Polarisierung, die es in diesem Moment auf jeden Fall zu vermeiden gilt.

2012 hat Catharina Kahane, eigentlich Kunsthistorikerin, mit Familie und Freunden eine NGO in Griechenland gegründet. Zuerst als Hilfe in der Finanzkrise und für die dortige Bevölkerung gedacht, kamen mit der Flüchtlingskrise 2015 neue Herausforderungen. Heute betreibt Echo100Plus mehrere Projekte auf der griechischen Insel Leros, die beides verbinden: Ein Freiwilligen-Projekt und ein „Hub Collective“, eine Kunstwerkstatt, in der internationale Volontäre, Griechen und Geflüchtete gemeinsam an Projekten arbeiten.

www.echo100plus.com

"Week of Dignity" - Wiener Woche der Würde

von 2. bis 5. Mai 2018

Eine Reihe von Veranstaltungen und hochkarätigen RednerInnen soll den Begriff der „Würde“ in die öffentliche Wahrnehmung rücken und so definieren, dass er eine auch im täglichen Leben anwendbare Bedeutung bekommt. Die WWW, Wiener Woche der Würde, soll in Folge jedes Jahr stattfinden.

Zu Programm und Details der Wiener Woche der Würde.

Echo100plus hub collective Leros

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