„Warum bist du so dünn?“ – Hört auf, mich das zu fragen!

Leserin Katharina Schwenk hat eine Frage schon mehr als satt: warum sie "so dünn" ist. "Die Dünne", "die Megaschlanke" oder auch "die Magersüchtige" - das alles hat sie schon gehört. Zu oft, wie sie findet.

"Welche Kathi meinst du?" Diese Frage wird und wurde im Bezug auch mich und/oder eine meiner vielen Namensvetterinnen oft gestellt. Schon klar, das ist nervig, aber wer einen häufig vorkommenden Namen hat muss wohl damit leben. In meinem Fall auch mit dem Fakt, dass die Antwort stets eine sehr ähnliche ist: "Die Dünne", "die Megaschlanke" oder auch "die Magersüchtige" sind Antworten auf diese Frage, die mir bereits unzählige Male untergekommen sind - letztere dankenswerterweise nur in Ausnahmefällen.

Jeder hat eine Meinung zu meinem Gewicht

Ich war immer schon eines der zarteren Mädchen, sowohl im Kindergarten, in der Volksschule, am Gymnasium, an der Uni und ich bin es noch. Ich habe dies nie als Handicap empfunden, würde jedoch lügen, würde ich behaupten, dass ich mir dann und wann nicht gewünscht hätte, ein paar Kilo mehr auf den Rippen zu haben.
Sei es, weil mir gewisse Kleidungsstücke meiner pubertären Meinung nach besser gestanden hätten, ich mich weiblicher gefühlt hätte oder auch weil es sowohl anstrengend wie auch verletzend ist, wenn dein Gewicht ständig Thema ist und jeder zu denken scheint, er oder sie dürfe eine Meinung dazu haben.
Obwohl ich es von jeher gewohnt war, dass sich Menschen auf die eine oder andere Art zu meinem Gewicht äußern und dies damit rechtfertigten, dass es ja in unserer Gesellschaft beinahe ein Kompliment sei, wenn ein wildfremder Mann in der U-Bahn zu einem sagt: "Essen's a poa Knedl, Sie brechen ja boid ab" oder die neue Kommilitonin zu ihrer Freundin: "Ich verstehe nicht, warum alle die, was mit Mode zu tun haben, gleich magersüchtig sein müssen" so laut sagt, dass du es unmöglich überhören kannst, so erreichte das Thema Gewicht ab Beginn meiner Schwangerschaft ein ungekanntes Ausmaß.

Die Schwangerschaft machte es schlimmer

Nun beglückten mich meine freundlichen Mitmenschen nicht mehr nur mit der Kundtuung ihrer Meinung bezüglich meines angeblichen 'Zudünnseins', von nun an war von 'Ui, na da sind aber schon ein paar Kilo mehr drauf als nötig!' bis 'Was, du bist im sechsten Monat?! Du weißt aber schon, dass es nicht gesund ist während einer Schwangerschaft Diät zu halten!' alles dabei.

Und was macht man als coole und extrem gelassene schwangere Frau des 21. Jahrhunderts? Man lächelt, tut so, als würde es einen die Bohne interessieren, dass alle einen mustern, als wäre man ein Ausstellungsobjekt und ärgert sich heimlich.
Dann kam das Baby und Überraschung - mit dem Bauch verschwanden viele, viele Kilos und mit dem Stillen noch mehr und ich war wieder: dünn. Und so spielte es wieder das üblich Lied und jeder fragte: 'Du bist so dünn, wie machst du das nur?'

Warum ist das überhaupt so wichtig?

Folglich fragte ich mich immer häufiger: wer hat eigentlich beschlossen, dass man schlanke (und schwangere) Frauen über alle Details ihrer Körpermaße und ihres Essverhaltens ausquetschen darf, korpulentere aber nicht und Männer schon gar nicht?
Und warum ist es überhaupt so wichtig? Ich persönlich kenne keine einzige Frau, die mit ihrem Gewicht zu 100 Prozent zufrieden ist, obwohl sich in meinem Bekanntenkreis viele hochattraktive und keines Falls 'zu dicke' oder 'zu dünne' Frauen tummeln.

Ziemlich genervt von meinen intoleranten und über alle Maßen neugierigen Mitmenschen und von mir selbst, weil ich mir solche Dinge immer so zu Herzen nehme, fasste ich also kürzlich einen Entschluss: Da mache ich nicht mehr mit!

"Sei doch froh, dass du so dünn bist!"

Obwohl ich natürlich den Mann im Bus, die es gut meinende Urstrumpftante oder die verständnislose Freundin, die mich auslacht, weil ich mich acht Monate nach der Geburt meines Sohnes für eine stützende Strumpfhose entscheide, weil ich ja 'eh so dünn bin', nicht abstellen kann, werde ich diesem Thema in meinem Leben von nun an keinen so großen Stellenwert mehr einräumen.

Als ich ein paar von meinen Freunden davon erzähle, sehen diese mich jedoch verwirrt an. 'Also ganz ehrlich, ich verstehe das Problem nicht ganz' sagt der eine, und 'Ja wirklich, sei doch froh und nimm es als Kompliment, wenn andere sagen du bist dünn!' sagt die andere und schüttelt beinahe beleidigt den Kopf. Ok, zugegeben, diese Reaktion hätte ich mir erwarten können. Irgendwie ist es immer dasselbe, nur anders verpackt.

Wenn du ein dünnes Kind bist, machen sich alle ständig Sorgen und wollen dich zum Essen überreden, als dünne Teenagerin hänseln dich die Zicken aus deiner Klasse, die schon zwei Jahre früher als du einen Busen bekommen, und irgendwann fangen Bekannte, Freunde und dreiste Fremde an nach Diät- und Sporttipps zu fragen und beschuldigen dich beinahe des Lügens, wenn du - der Wahrheit gemäß - sagst, du hättest gestern eine Pizza zu Abend gegessen und machst außer ein wenig Yoga hin und wieder momentan nicht allzu viel Sport. Außer Mamasein versteht sich.

Hören wir endlich damit auf, uns gegenseitig zu verurteilen

Durch die allgemein herrschende Meinung, dass dünn besser ist als mollig, ist es anscheinend in Ordnung sehr schlanke Menschen öffentlich mit Kommentaren zu bombardieren, während ja wohl niemand eine stämmige Person im Bus ansprechen würde, um zu fragen: 'Wie kann es denn bloß sein, dass Sie so dick sind? Das ist aber nicht schön!'.

Und das, wo Frau es doch ohnehin nicht leicht hat, wenn es um ihre Figur geht. Das Idealbild der Modemagazine, Social Media Stars und Filmsternchen ist unerreichbarer und kontroverser als je zuvor. In dem Dschungel zwischen Kim K., Miley C. und Adriana L. geißeln wir uns so täglich selbst und versuchen der unrealistischen Vorstellung zu entsprechen, die uns die Medien suggerieren. Sollte es da nicht das Logischste sein, dass wir normalsterbliche Menschen uns wenigstens gegenseitig in Frieden lassen und einander nicht auf Grund von Äußerlichkeiten verurteilen?

Ein Hoch auf die Vielfalt

Genau das habe ich mir zumindest vorgenommen. Niemals werde ich einen Kardashian-Po haben, da kann ich squatten so viel ich will. Doch vielleicht brauche ich auch nicht unbedingt einen! Eigentlich mag ich mein kleines Exemplar und fühle mich grundsätzlich wohl in meinem Körper. In diesem Sinne: ein Hoch auf die Vielseitigkeit, die runden und flachen Pos, die großen und kleinen Brüste, die Six-Packs und die Wohlstandsbäuchlein! Varietät ist etwas Schönes und das sollten wir feiern!

 

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