"Warum bietest du unverhüllten Frauen ein Kopftuch-Styling an?" - Influencerin Baraa Bolat im Interview

Mit 24 Jahren flog Baraa Bolat aus dem Finale von Austria’s Next Topmodel – drei Jahre später gehört sie zu den größten InfluencerInnen Österreichs, ihre Videos gehen viral und sie startet nun sogar ihr eigenes Modelabel.

Influencerin Baraa Bolat hält Glas mit Apfelsaft gespritzt mit gelbem Strohhalm in der Hand

Wenn Baraa Bolat Kochvideos dreht, fliegen Kartoffeln, Karotten und Melanzani durch die Luft – und noch bevor sie am Küchentresen landen können, zerschneidet die 27-Jährige das Gemüse in Ninja-Manier mit einem Messer. Die actionreichen Reels dreht die tunesischstämmige Wienerin für ihre erfolgreichen Instagram- und TikTok-­Accounts; auf Ersterem folgen ihr fast 520.000 Menschen.

Außerdem lancierte die verheiratete Influencerin und Mama eines Sohnes auch eine Hijab- und Mode­linie. Ihre You­Tube-Videos sorgen für viel Gesprächsstoff: In diesen spricht sie Frauen ohne Kopfbedeckung an und offeriert ihnen einen Hijab-Look. Wir trafen Baraa Bolat in einem ihrer Stammlokale, dem türkischen Restaurant Damak in Favoriten.

Ich nehme an, wir werden heute keinen Spritzer trinken …
Baraa Bolat: Das ist richtig! Als praktizierende Muslima trinke ich keinen Alkohol. Aber ich nehme gerne einen Apfelsaft gespritzt (lacht).

Seit wann trägst du eigentlich den Hijab?
Als ich 13 Jahre alt war, habe ich mein Haar zum ersten Mal bedeckt. Es war aber nicht aus Überzeugung, sondern weil meine Freundinnen Hijab getragen haben. Das war damals der neue Trend in der Schule. Meine Eltern waren absolut dagegen, sie waren beim Anblick fast geschockt. Mein Vater ist Pädagoge und wollte nicht, dass ich schon früh mit Rassismus oder Diskriminierung konfrontiert werde.

Um Diskussio­nen zu vermeiden, habe ich mein Kopftuch in meiner Tasche versteckt und im Aufzug aufgesetzt. Abends, als ich zurück nach Hause kam, habe ich es dann wieder runter­gegeben. Es war eigentlich eine On-off-­Sache. So ging das jahrelang, bis ich mich mit 18 Jahren richtig mit dem Thema auseinandergesetzt habe. Danach wusste ich: Jetzt bin ich zu 100 Prozent überzeugt und werde den Hijab für immer tragen.

Eine Frau hat mich im Bus übelst beschimpft, mich angespuckt und schließlich verfolgt.

von Baraa Bolat

Bist du denn jemals wegen ­deines Kopftuchs diskriminiert worden?
Ja, letztes Jahr. Eine Frau hat mich im Bus übelst beschimpft, mich angespuckt und schließlich verfolgt. Sie riss mir meinen Hijab vom Kopf und schlug mich damit. Ich habe danach ein Video darüber veröffentlicht und sehr viel Trost und Zuspruch bekommen, sogar inter­national. Es haben sich aber auch leider viele Frauen gemeldet, die Ähnliches erlebt haben.

War dieser traurige Anlass dein Durchbruch in der Social-Media-Welt? Dein Account ist ja in kurzer Zeit sehr gewachsen.
Nein, zum Glück nicht. Es waren viel mehr meine Kochvideos, und dass ich dabei das Essen "hypnotisiere": Ein Follower hatte einmal so etwas über meinen Blick auf die Lebensmittel geschrieben – seitdem habe ich es zu meinem Markenzeichen gemacht und starre das Essen an, das ich koche. Es kommt sehr gut an, viele finden es lustig.

Ich hätte nie mit so einem großen Erfolg gerechnet! Aber ich bemühe mich auch sehr bei den Videos. Sie zu drehen kostet teils fünf Stunden, schneiden und bearbeiten muss ich sie auch noch. Ich mache das alles alleine.
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Ich schütze meine mentale Gesundheit und folge nur noch einem einzigen Account.

von Baraa Bolat

Weshalb drehst du auch Videos, bei denen du unverhüllten Frauen ein Kopftuch-Styling anbietest?
Die Hijab-Transformations mache ich wirklich nur, um den Menschen die Berührungsängste mit dem Islam zu nehmen. Ich habe festgestellt, dass religiöse Kopfbedeckungen, ob Hijab oder Kippa, in Österreich noch immer abschreckend wirken. Ich will Frauen die Chance geben, sich einmal mit Hijab zu sehen, aber dabei auch zu realisieren, dass sie sich nicht verändert haben und nach wie vor dieselbe Person sind.

Ich möchte auch einen Perspektivenwechsel bewirken. Mein Ziel ist es keinesfalls, zu missionieren! (Lacht.) Ich spreche bei all diesen Frauen nicht mal die Religion an, aber sie freuen sich alle, wenn sie sich mal so sehen.

Social Media können sich ja auf die mentale Gesundheit auswirken. Wie schützt du dich?
Ja, das Problem kenne ich leider. Die unzähligen Bilder und Reels auf Instagram haben mich in der Vergangenheit oft verunsichert – ich habe mich mit anderen verglichen und es kaum mehr aushalten können. Ich musste sogar eine Auszeit nehmen. Meine Lösung ist, dass ich nur noch einem Account folge, meiner Modelinie Baraa Innocence. Ich poste nur meinen Content und lege das Handy dann weg.

 

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