Warum auch Väter keinen Preis für die Karenz verdient haben

Ein Mann geht ein Jahr in Karenz und wird dafür als "Spitzenvater des Jahres" ausgezeichnet. Keine Pointe.

Stell dir vor, du kümmerst dich als Elternteil um deine kleinen Kinder. Du bekommst dafür nicht nur extremen Schlafmangel und die innige Liebe deiner Kinder, sondern eine pompöse Auszeichnung mit fettem Preisgeld, weil du ein Spitzenelternteil bist und alle dich bewundern. Das gibt es tatsächlich, aber nur für Väter.

Der Mann der deutschen Astronautin Dr. Insa Thiele-Eich ist der "Spitzenvater 2019". Daniel Eich hat sich nämlich ein(!) ganzes(!) Jahr(!) Elternzeit, wie die Karenz in Deutschland heißt, für das dritte gemeinsame Kind genommen, damit seine Frau weiter arbeiten kann. (Die begeisterten Rufzeichen sind Sarkasmus, sollte das nicht klar sein.) Thiele-Eich wird 2020 als erste deutsche Astronautin zur internationalen Raumstation ISS fliegen. Eine großartige berufliche Leistung, die, laut Presseaussendung, nur möglich sei, "weil ihr Mann sich Elternzeit genommen hat und sich viel um die drei Kinder kümmert."

Spitzenvater des Jahres - ein Preis fürs Papasein?

Seit 13 Jahren kürt die Großbäckerei Mestemacher den "Spitzenvater des Jahres" und vergibt dafür ein Preisgeld von 5.000 Euro. Mit dem Preis wolle man "die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Familie fördern". Super, dass dann gleich mal ein Mann ausgezeichnet wird, weil er sich um seine eigenen Kinder kümmert. Millionen Frauen, die in den letzten Jahrzehnten die Familien- und Betreuungsarbeit quasi alleine geleistet haben (und in den meisten Familien immer noch leisten) applaudieren müde. Sie bekommen für ihre unbezahlte Arbeit weder Presseaussendungen noch 5.000 Euro, sondern Altersarmut, gesellschaftlichen Druck und halbfrische Rosen zum Frauentag.

Kritik für "Spitzenvater des Jahres"

So ähnlich auch die Kritik an der Auszeichnung in den sozialen Medien:

Väter in Karenz sind immer noch eine Seltenheit

Unternehmerin Ulrike Detmers, die den Preis ausgerechnet am Weltfrauentag überreicht hat, sagt im Handelsblatt zu der Kritik, dass Männer in Karenz oder Elternzeit "ja leider immer noch nicht gelebter Alltag" seien. Und das stimmt: In Deutschland nehmen nur etwa ein Drittel der Väter ihr Recht auf Elternzeit in Anspruch, in Österreich gehen sogar nur 19 Prozent der Väter in Karenz. Und in beiden Ländern belassen es die Väter bei kurzen Intermezzi, die meisten Deutschen belassen es beim Mindestmaß von zwei Monaten. Die Österreicher entscheiden sich am häufigsten für eine Dauer zwischen drei und sechs Monaten, nur 40% gehen länger als ein halbes Jahr in Karenz.

Auf den "Spitzenvater des Jahres" haben solche Karenzmuffel wenigstens keine Chance. Hier sollen laut Pressemitteilung "moderne Männer, die sich als Väter mit großem Engagement für ihre Kinder einsetzen und ihrer Partnerin den Rücken freihalten, damit diese in ihrem Beruf vorankommen kann" ausgezeichnet werden. Der Grundgedanke mag also ganz gut sein, aber selbst Thiele-Eich, jetzt Frau eines "Spitzenvaters", schreibt auf Twitter dazu, die erste Reaktion auf den Preis wäre auch bei ihr und ihrem Mann Irritation gewesen. Schlussendlich würde die Auszeichnung aber Werte verkörpern, hinter denen das Paar stehe.

Vielleicht sollte man einen Preis, der gleichberechtigte Partnerschaften hervorhebt, auch einfach an diese gleichberechtigten Paare vergeben. So aber werden wieder nur Männer ausgezeichnet, wenn sie endlich tun, was selbstverständlich sein sollte: Gleichberechtigung leben.

 

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