Warum alle humanitären Krisen für Frauen am schlimmsten sind

Frauen sind von Katastrophen immer am stärksten betroffen. Isadora Quay der Hilfsorganisation Care versucht humanitäre Hilfe darauf anzupassen, und schöpft trotz fataler Missstände Hoffnung aus Krisen.

“Es ist eine schlechte Zeit, um eine Frau zu sein.” Der Satz bleibt im Kopf hängen, weil man als junge Frau in einem friedlichen, europäischen Land leicht vergisst, dass die Freiheiten und Rechte, die man genießt, alles andere als selbstverständlich sind. Aber Tatsache ist, dass egal von welcher Katastrophe der Menschheitsgeschichte wir sprechen, Frauen am schlimmsten davon betroffen waren. Die Studie „The Gendered Nature of Natural Disasters“ aus dem Jahr 2007 hat Naturkatastrophen aus 19 Jahren und 141 Ländern analysiert, und herausgefunden, dass Frauen viel eher durch Naturkatastrophen sterben als Männer. Zwei Beispiele: 90 Prozent aller Todesfälle während des Bangladesch-Zyklon von 1991 und 60 Prozent der Todesfälle während des Zyklon Nargis in Myanmar waren Frauen. Aber dieser Trend ist nicht auf einkommensschwache Länder beschränkt, auch während der Hitzewelle in Frankreich 2003 oder Hurricane Katrina in den USA 2005 sind mehr Frauen als Männer gestorben. Hinzu kommt das vermehrte Auftreten von geschlechtsspezifischer Gewalt, Vergewaltigung, Zwangsprostitution, Menschenhandel und Benachteiligungen im Zusammenhang mit dem Zugang zu Verhütungsmitteln und Gesundheitsfürsorge.

Care Isadora Quay

Isadora Quay ist internationale Koordinatorin für „Gender in Emergencies“ bei der Hilfsorganisation Care

Die Gründe dafür kennt Isadora Quay, die internationale Koordinatorin für „Gender in Emergencies“ bei der Hilfsorganisation Care ist. Von ihr stammt auch das Eingangszitat, denn sie kennt die schlimmen Zustände, mit denen Frauen weltweit umgehen müssen, ganz genau. Ihr Job ist es, dafür zu sorgen, auf die speziellen Bedürfnisse von Frauen und Mädchen aber auch Männern in Krisenregionen wie dem Südsudan, Irak, Yemen oder Syrien aufmerksam zu machen. Die WIENERIN hat mir ihr darüber gesprochen, warum Frauen so viel härter von Krisen betroffen sind und warum jetzt zwar eine schlechte Zeit ist, um eine Frau zu sein, aber gleichzeitig auch eine gute Zeit, um große gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken.

Wie sind Frauen in Krisensituationen anders betroffen?

Das ist sehr unterschiedlich und es kommt immer extrem auf die lokalen Gegebenheiten an. Aber da Frauen grundsätzlich diejenigen sind, die sehr viel Pflegearbeit leisten und sich um Alte, Kranke und Kinder kümmern, sind sie in heiklen Situationen einfach noch mehr Risiken ausgesetzt als Männer. Meist haben sie auch weniger Geld angespart, was sie im Angesicht eine Naturkatastrophe oder eines Krieges verwundbarer macht und gefährdet. Meist sinken die Beschäftigungsmöglichkeiten für Frauen dann auch noch überproportional.

Das Ausmaß an Vergewaltigungen und häuslicher Gewalt im Kongo hat mich wirklich getroffen.
Isadora Quay

Was wir sehr oft sehen, ist, dass die Rate an Kinderehen in die Höhe schnellt. In Syrien zum Beispiel war das vorher nicht so üblich, aber seit dem Krieg werden Mädchen mit zwölf oder dreizehn Jahren verheiratet. Ihr Körper ist noch nicht bereit dafür und das führt dann wiederum zu einer steigenden Rate an Müttersterblichkeit. In anderen Ländern geht es sehr stark um geschlechtsspezifische Gewalt, im Ostkongo zum Beispiel sind die Zahlen von Vergewaltigungen ins Unermessliche gestiegen. Zwangsprostitution und Menschenhandel sind auch riesige Probleme. Es ist schwierig eine allgemeine Antwort zu geben, aber grundsätzlich wird das Leben in solchen Situationen einfach noch schwieriger für diejenigen, die es davor schon nicht einfach hatten.

Geht es bei geschlechtsspezifischer Gewalt auch um Vergewaltigung als Kriegsstrategie?

Ja, auf jeden Fall. Heute wird Vergewaltigung auch als Kriegsverbrechen eingestuft, das war nicht immer so. Der Kongo ist dabei nur das berühmteste Beispiel, aber das kam auch in Rwanda vor oder in Deutschland gegen Ende des zweiten Weltkriegs, und das passiert auch heute noch oft.

Was kann man nun als Hilfsorganisation tun, um auf Geschlechterunterschiede in Katastrophensituationen einzugehen?

Das Wichtigste, was wir tun können, ist sicherzustellen, dass die richtigen Menschen die richtige Information haben und auch wissen, wie sie sie verwenden können. Es gibt kein Patentrezept, weil es je nach Kontext unterschiedliche Probleme gibt. Meine größte Aufgabe ist es, Entscheidungsträger auf die Probleme von Frauen und Mädchen aufmerksam zu machen, bevor eine Krise passiert, damit sie sich besser auf den Katastrophenfall vorbereiten können.

Es war ein Paket mit zehn Binden, das einer siebenköpfigen Familie mit vier Frauen über sechs Monate lang reichen hätte sollen. Wenn man ein bisschen was über Perioden weiß, weiß man halt, dass das nicht reicht.
Isadora Quay

Es ist keine Rocket Science, oft geht es einfach darum zuzuhören, damit die Stimmen von Frauen und Mädchen gehört werden. Ich hatte zum Beispiel einen erhellenden Moment in Syrien. Im Zuge von Fokus-Gruppen haben wir zuerst mit einer Gruppe von Männern gesprochen, und das Thema von Kinderehen kam nicht einmal auf. Als ihre größten Bedürfnisse nannten sie Essen und Wasser. Als wir danach mit den Frauen sprachen, waren die Kinderehen das erste, was sie angesprochen haben. Sie sorgten sich um ihre Schwestern und Töchter, weil sie sehr jung verheiratet werden und sie nicht wissen, was mit ihnen passiert, wenn sie bei einer anderen Familie sind. Man hört unterschiedliche Botschaften, wenn man mit Frauen und Männern spricht und wir brauchen Werkzeuge, die uns dabei helfen, das möglichst schnell zu tun.

Wird aktuell in der Katastrophenhilfe genug auf Geschlechterunterschiede eingegangen?

Nein, nicht annähernd. Und ich glaube nicht, dass das jemand böswillig tut, sondern man ist dann einfach in großer Eile zu helfen. Und wenn man keine Zeit hat, ist es einfacher, zu verallgemeinern statt auf bestimmte Bedürfnisse einzugehen. Ich erinnere mich an ein Erlebnis im Sudan, als mir eine Gruppe von Helfern stolz erzählte, dass sie Binden zur Monatshygiene in das Hilfspaket inkludiert hatten. Aber es war nur ein Packet mit zehn Binden, dass einer siebenköpfigen Familie mit vier Frauen über sechs Monate lang reichen hätte sollen. Nicht nur war es nicht die Form von Damenhygiene, die dort überhaupt verwendet wird, sondern wenn man ein bisschen etwas über Perioden weiß, dann weiß man halt auch, dass das nicht reicht. Daher müssen die Stimmen von Frauen und Mädchen auf allen Ebenen miteinbezogen werden.

Warum sind Frauen auch in reichen Ländern überproportional von Krisen betroffen?

Auch hier geht es darum, dass Frauen ökonomisch schlechter gestellt sind, weil sie Pflegearbeit leisten, Teilzeit arbeiten, etc. Ihre Stimmen sind in der Politik noch immer nicht proportional repräsentiert. Auch körperlich haben sie oft besondere Bedürfnisse, wenn sie zum Beispiel schwanger sind und auch die ältere Bevölkerung besteht zu einem größeren Teil aus Frauen.

Was raten Sie Menschen, die sich von den internationalen Newsmeldungen von Leid überfordert fühlen und nicht wissen, wie sie konstruktiv reagieren können?

Das ist wirklich ein Problem und ich glaube, uns geht es gerade allen so. Es ist toll, wenn man einer Organisation durch Spenden oder freiwilliges Engagement helfen kann, die direkt in den Krisenregionen aktiv ist, aber es gibt so viel, was jeder in seiner lokalen Gemeinschaft tun kann. Von Bewusstseinsbildung bis freiwilliges Engagement bei sozialen Einrichtungen. Die Welt ist so vernetzt, es wäre ignorant zu glauben, dass das was woanders passiert, keinen Einfluss auf unsere eigene Lebenswelt hat.

Wo ist aktuell der schlimmste Ort um eine Frau zu sein?

Kongo. Ich habe drei Jahre dort verbracht und das Ausmaß an Vergewaltigungen und häuslicher Gewalt dort hat mich wirklich getroffen. Und wann hat man das letzte Mal einen Artikel über die Situation dort gelesen? Es ist eine schlechte Zeit um eine Frau zu sein. Auf der anderen Seite ist es in Europa vermutlich eine der besten Zeiten um eine Frau zu sein, weil wir noch nie so viele Rechte und Freiheiten hatten. Aber es ist auch eine gute Zeit um etwas zu verändern. Die größten Veränderungen entwickeln sich immer aus Krisen heraus. Es ist auch kein Zufall, dass in vielen Ländern Europas das Frauenwahlrecht direkt nach dem ersten Weltkrieg eingeführt wurde.

Aktuell