Wann haben wir eigentlich aufgehört, nett zueinander zu sein?

Man steht an der Kasse. Mit grade mal einem Packerl Milch. Niemand lässt einen vor. Man will in den Lift einsteigen. Die anderen machen sich breit. Und so weiter. Wann haben wir eigentlich aufgehört, nett zueinander zu sein, fragt sich unsere Autorin.

Ein Packerl Milch. Wirklich nur eines. Das hab ich in der Hand und steh an der Supermarktkasse. Hinter einer Frau, die ein ganzes Wagerl voll Zeug auf das Kassenband hievt. Sicherheitshalber schaut sie mich gar nicht an. Damit sie so tun kann, als würde sie gar nicht sehen, dass ich so wenig habe.

Dasselbe beim Lift bei der U-Bahn-Station. Der Typ ein paar Meter weiter vor mir steigt ein, geht ganz nach vor in den Lift und schaut stur in Richtung Liftschacht, damit wir hinter ihm auch gleich ganz deutlich sehen, dass er den Knopf, damit die Tür offen bleibt, nicht drücken wird.

Warum sind wir nicht einfach nett zueinander?

Seit wann ist das eigentlich so, hab ich mich da gefragt. Und vor allem: Was genau haben wir da davon? In Wahrheit nämlich nichts. Die Frau an der Kasse vor mir spart eigentlich keine Zeit, weil während sie noch auflegt, hätte ich längst bezahlt gehabt. Der Typ im Lift spart vielleicht 3 Sekunden, indem er die Türen einfach so zugehen lässt. Umgekehrt hätten aber beide ein freundliches Lächeln und ein Danke bekommen. Das hätte also auch ihnen einen netten kleinen Moment im Alltag beschert. Schade, dass sie den nicht haben wollten.

Diese netten kleinen Momente scheinen wir einander nicht mehr zu gönnen. Weil wir uns selbst am nächsten sind. Eindrucksvoll hat das schon ein Experiment in den 80ern gezeigt: Da wurde Leuten Geld angeboten. Behalten hätten sie es können, wenn sie davon einen gewissen Betrag mit jemand anderem geteilt hätten. Wenn nicht, hätten auch sie nichts von dem Geld behalten dürfen. Nicht viele haben sich auf den Handel eingelassen. Und das ist völlig unlogisch. Denn beide hätten damit mehr gehabt als vorher. Also vielleicht ist das mit der Unnettigkeit auch gar nicht so neu. Aber dann umso mehr höchste Zeit, es zu überdenken! Ein kleines bisserl nett zueinander zu sein, ist nämlich wirklich kein Aufwand und hat sehr angenehme Nebenwirkungen. Für alle!

 

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