Walking Dad-Kolumne: Florian Danner über junge Adler

Unser Kind hat sich ein Hobby ausgesucht, das man in unserer Wohngegend zumindest „exotisch“ nennt. Jetzt müssen wir die eigenen Erziehungsregeln anpassen. 

Es gibt drei Grundsatzentscheidungen, die meine Frau und ich einhellig gefällt haben: Erstens wollen wir keine Eltern sein, deren Kinder den elterlichen Traum erfüllen müssen und dann in eine Karriere
als Supermodel, Literaturnobelpreisträger oder Rockstar gedrängt werden – manchmal will der eigene Nachwuchs ja vielleicht lieber in eine Trompete blasen als Papas Traum von der Fußballstarkarriere verwirklichen. Zweitens wollen wir auch nicht damit prahlen, was das Kind schon alles kann. Wer mag schon die Mamas und Papas, die die Welt ungefragt wissen lassen müssen, dass ihr Kind schon vor dem ersten Schultag ganze Aufsätze schreibt und im Karateunterricht als jüngstes den dunkelgrünen Gürtel hat?

Und die dritte Grundsatzentscheidung war, dass unsere Kinder auch Langeweile erleben sollen. Wir müssen nicht montags ins Ballett, dienstags zur Bastelgruppe, mittwochs ins Kinderturnen, donnerstags in die Querflötenstunde, freitags in den Jonglierkurs und am Wochenende zum Jugendfeuerwehr-Training. Tolle Hobbys, aber ein Nachmittag daheim bei einer gemeinsamen Partie Uno ist auch voll okay. So weit die Theorie. In der Praxis schaut die Welt ein bisserl anders aus. Vor einem Jahr hat unser Großer, damals fünf, beschlossen, Skispringer zu werden. Jetzt wohnen wir momentan weit weg von Tirol, wo es mehr Skisprungschanzen als Bezirke gibt. Und man würde meinen, in der topografisch vergleichsweise platten Gegend von Wien und Niederösterreich ist einfach nix mit Skispringen.

Falsch. Frei nach dem Slogan des ersten jamaikanischen Bobteams bei Olympia vor gut 30 Jahren: „Das geht über eure Vorstellungskraft, das Flachland hat ’ne Sprungmannschaft.“ Cool Runnings heißt auf Österreichisch Wiener Stadtadler. Das sind an die 30 Kinder mit ihren Eltern, die sich in der Hauptstadt zwei Mal pro Woche zum Konditionstraining treffen und am Wochenende dann im Mannschaftsbus zu den echten Schanzen in die Berge fahren. Im Winter wie auch im Sommer. Skispringen funktioniert auch ohne Schnee, wenn die Schanzen mit bewässerten Matten ausgelegt sind. Das wussten wir vor einem Jahr alles nicht. Woher auch? Elterngrundsatz 1, das mit der Selbstverwirklichung, haben wir eindeutig eingehalten – von einer Karriere als Skispringer waren meine Frau und ich immer so weit entfernt wie Andi Goldberger von Übergewicht. Grundsatz 2 ist heikel: Prahlen wollen wir nicht, aber cool finden wir das Hobby Skispringen schon. Grundsatz 3 haben
wir aber völlig über Bord geworfen: Unser Großer will nämlich kein Training auslassen. An vier von sieben Wochentagen ist er also im hauptstädtischen Skiadlerhorst.
Oder anders gerechnet: Für unseren kleinen Sohn bleiben nur noch drei freie Wochentage, wenn er später Curling-Profi, Dudelsackspieler oder Sambatänzer werden will.

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