Von der Frau zum Mann: Ein Transmann erzählt über seine Angleichung

Der Transmann Sam kennt das Leben in beiden Geschlechterrollen. Warum ihn das trotzdem nicht zum "untypischen" Mann macht und wie die Angleichung ihn veränderte, hat uns der 43-Jährige verraten.

Für mich persönlich bedeutet Männlichkeit, dass ich das, was ich fühle, als Transmann auch leben kann und darf. Eines der frühen Dinge, die ich immer gefragt wurde, ist: "Warum bist du ein Mann?" Ich habe immer gesagt: "Ich kann nicht sagen, warum. Ich weiß nur, dass ich keine Frau bin." Aber nur, weil ich keine Frau bin, macht mich das automatisch zum Mann? Und was ist Mannsein? Ist es, einen Bart zu haben, ist es, körperlich stärker zu sein? Für mich sind Geschlechterrollen Gefühle. Man kann sie nicht wirklich definieren, ohne Stereotype zu verwenden. "Männer gehen anders", hat mir eine Psychologin einmal erklärt: viel breitbeiniger, sie strecken das Becken vor. Und ich habe geantwortet: "Ich gehe so, wie ich gehe." Aber an solchen Dingen machen Menschen sehr wohl das Geschlecht fest. Ich bin auf die Welt gekommen und draufgekommen, dass das Äußere nicht mit meinem Inneren zusammenpasst, und habe mich bewusst dazu entschieden, mich in dieses Geschlecht hineinzubegeben. Um die Stimmigkeit im Kopf, in der Seele herzustellen. Ich würde jetzt aber auch nicht sagen, dass ich mich "zum Mann entwickelt" habe. Ich bin noch immer der, der ich schon immer war. Ich bin immer noch ich.

Transsexualität: "Es gibt keine Schablone, die einen zum Mann macht"

Fragen wie "Ist das jetzt besonders männlich?" oder "Ist das jetzt besonders weiblich?", kann ich auch für andere nicht beantworten. Ich denke, es gibt nichts "typisch Männliches" - wenn man das behauptet, verfällt man automatisch in Klischees. Es gibt keine Schablone, die du hinlegen kannst, die dich zum Mann macht.

Als ich den Weg der Angleichung begonnen habe, bin ich nach der Personenstands-und Namensänderung zu meinem Chef hingegangen und habe gesagt: "Im Übrigen, ich kriege jetzt mehr Gehalt, oder?" Das war natürlich nur ein Scherz, aber es ist etwas, das ich am eigenen Leib erfahren habe: Ich weiß, wie anders die Außenwelt auf mich als Mann reagiert. Ein Mann wird für voll genommen. Er wird ernst genommen. Frauen müssen mehr darum kämpfen, um genau dasselbe Ansehen zu haben. Und ich weiß das, weil ich 35 Jahre lang nach außen hin als Frau gelebt habe..

Als meine Brüste entfernt wurden, war das wie ein zweiter Geburtstag für mich. Und dann kamen die Testosteronspritzen. Diese "Superdroge" veränderte mich. Nicht nur körperlich. Als ich die inneren Geschlechtsorgane noch hatte, hat das Östrogen dagegengespielt - eine echte Achterbahnfahrt. Doch ich bin endlich angekommen, und ich wünsche mir, dass jeder Mensch, egal, ob cis oder trans, nicht binär oder inter, glücklich mit sich selbst sein kann. Ich würde auch nicht anders auf die Welt kommen wollen, sondern genau so, wie es jetzt ist. Das macht mich zu dem Menschen, der ich bin."
 

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