Von dem Mann, der nicht mehr deutsch sprechen wollte

WIENERIN Kolumnistin Martina Parker formuliert gerne Worte und bringt sie zu Papier. Und dann trifft sie einen, der beschlossen hatte, seine Muttersprache für immer aus dem Gedächtnis zu streichen.

Dass Ferry und ich uns trafen war reiner Zufall. Der Freund eines Freundes hatte ein Kellerstöckl in Ungarn geerbt. Auch seine Nachbarn kamen zur Eröffnung. Man unterhielt sich durch Zeichensprache. Bauch reiben und lachen. Zuprosten und lachen.

Und dann hatte ich plötzlich das Gefühl, dass der 80jährige Mann neben mir aufmerksam zuhörte, wenn ich mit den anderen Österreichern sprach. Ob er denn Deutsch verstände? "Nein, nein, alles vergessen."

„Wie heißt Du?“, „Die Suppe ist gut!“, mehr als ein ein paar Wortfetzen und zustimmendes Nicken waren ihm nicht zu entlocken. Und dann spielte die Roma Band eine Polka und plötzlich leuchteten Ferrys Augen und er dirigerte mit den Fingern und begann zu singen: „Schwiegermutter, Schwiegermutter, jetzt geht´s gut!“.

Auf einmal sprach er nicht mehr brüchiges Hochdeutsch sondern den weichen Dialekt meiner Heimat. „Loos mi an!“ Das heißt: „Hör mir zu!“ Und so erfuhr ich, dass seine Eltern „Deitsche“ waren und Ferry in seinen ersten beiden Schuljahren die deutschsprachige Schule und Kirche in Ungarn besucht hatte. „Kira, sagte Ferry statt Kirche und „Pforra“statt Pfarrer“, und er lachte noch mehr und betete mir das „Vater unser“ vor.

„Wie war das für Dich nach dem Krieg?, frage ich. Und vor Ferrys leuchtenden Augen rasselte ein Vorgang runter. Fünf Minuten sagte er gar nichts. Wahrscheinlich hat er die Frage einfach nicht verstanden. Aber dann beginnt er zu sprechen. „Im 56er Johr bin zur Grenz, owa dann hob i umdraht und bin wida haam. “

Er versucht mir irgendwas über seine Papiere zu erzählen und seiner Entscheidung kein Deitscha mehr, sondern ein Ungar zu sein. Er weint, ihm fehlen die Vokabeln oder einfach die Worte.

Ferry ist zurückgegangen, er wurde Busfahrer, er heiratete eine ungarische Slowakin, die umgesiedelt worden war, um die Lücken der vertriebenen und geflohenen Schwabendeutschen zu füllen.

Abrupt steht Ferry auf und fängt an aus vollem Hals ungarische Volkslieder zu singen, die von schönen Mädchenaugen und der ungarischen Heimat handeln. Unser Gespräch ist beendet.

Am nächsten Tag treffe ich ihn wieder. Er steht im Kreise seiner Familie. Wir umarmen uns und als ich etwas Deutsches sage, tut er so, als würde er mich nicht verstehen. Ich spüre seinen Schmerz. Ferry hat ein friedliches Leben. Er ist seit zwanzig Jahren in Pension. Er hat ein kleines Häuschen, eine Frau und drei Söhne. Er züchtet Bienen und baut Wein an. Der Preis für dieses Leben war nicht mehr deutsch zu sprechen. Der Preis dafür war hoch.

Historischer Background

Die Ungarn wollten sich im Oktober 1956 von der sowjetischen Unterdrückung befreien. Mit einer Großdemonstration in Budapest begann am 23. Oktober 1956 der Ungarische Volksaufstand. Knapp zwei Wochen später endete die Bewegung blutig durch den Einmarsch der Roten Armee. Bei den Kämpfen starben über 3000 Menschen. Es begann eine Massenflucht über Österreich in den Westen. Insgesamt verließen über 200.000 Ungarn ihre Heimat. Unter ihnen waren viele Ungarndeutsche die nach dem zweiten Weltkrieg aufgrund ihrer ethischen Herkunft in Ungarn einen besonders schweren Stand hatten. Ihre Nachkommen wuchsen dort oft als "stumme Generation" auf, die der deutschen Sprache nicht mehr mächtig war oder allenfalls ein wenig Mundart verstand. Erst Mitte der 1980er Jahre wurde Deutsch als Nationalitätensprache/Minderheitensprache in Schulen wieder eingeführt.

 

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