Von allen guten Geistern verlassen

Sie gelten als „Besessene“: Vor allem Frauen und Kinder müssen in Westafrika qualvolle Exorzismen über sich ergehen lassen.

Sie gelten als „Besessene“. Und oft wird ihnen nicht nur der „Teufel“, sondern auch der letzte Funke Leben ausgetrieben. Vor allem Frauen und Kinder müssen in Westafrika qualvolle Exorzismen über sich ergehen lassen. Ein WIENERIN-Report über die Hexenjagd im 21. Jahrhundert.

Text Johanna Jenner Mitarbeit Astrid Eigenthaler Fotos Helmut Henkensiefken (3), Getty Images (3), Istockphoto.com (3), W. Tertnig (1)

Rötlicher Sand klebt wie Blut an der Mauer. In der Mitte des großen Raums steht ein Schrein. Um ihn herum und auf ihm: tote Tiere, ein gehäuteter Ziegenkopf, getrocknete Blätter, Schatullen und Krüge. Eine Frau mit weißem Umhang betritt den Raum. Sie ist Priesterin, legt der jungen Frau die Hände auf den Kopf und bläst ihr ein Pulver ins Gesicht. Als der Staub Adesuwas Augen bedeckt, stürzt diese zu Boden und verliert das Bewusstsein.

Das war erst der Beginn des Rituals, das die 22-jährige Adesuwa eine Woche lang über sich ergehen lassen muss. Sieben Tage, in denen sie von fremden Menschen mit Flüssigkeiten bespritzt wird, die auf ihrer Haut und in ihren Augen wie Feuer brennen. Sie kann kaum sehen oder sprechen. Dazu ständige Trommelschläge, die dumpf in ihrem Kopf dröhnen, Menschen, die schemenhaft um sie tanzen. Immer wieder kommt sie zu Bewusstsein, merkt, dass ihre Füße zusammen­gebunden sind, erkennt, dass aus Tierköpfen rund um sie Blut tropft. Und hört die Worte, die ihr die Priesterin zuflüstert: „Ich werde dich heilen.“

Heilen – wovon? Das fragt sich Adesuwa immer wieder. Die Nigerianerin ist nicht krank. Weder geistig noch körperlich. Ihr Mann sieht das anders. Nach der Hochzeit verkündet er: „Du bist eine Ogbanje, du bringst Unglück. Wenn du dich dieser Zeremonie nicht stellst, lasse ich mich von dir scheiden. Beweise mir deine Liebe mit dem Ritual. Dann werden wir reich.“

Ogbanje, diese Bezeichnung hört Adesuwa als junges Mädchen zum ersten Mal. Kurz nachdem ihr Vater eine neue Frau heiratet, befiehlt er ihr, ihn zu einem Tempel zu begleiten. Dort sagt eine Priesterin zu dem Mädchen: „Deine Stiefmutter ist seit vier Monaten bei deinem Vater, aber sie ist noch nicht schwanger. Du hältst ihren Unterleib fest.“ Dann wird die Geistliche laut: „Du bist eine Ogbanje – eine Wassergöttin. Gestehe, gestehe, gestehe!“

Adesuwas Schicksal ist kein Einzelfall. Vielen Frauen und Kindern in Nigeria wird unterstellt, dass sie „aus dem Wasser“ stammen oder von Wassergeistern besessen sind. Übernatürliche Kräfte ziehe das mit sich, Kräfte, die ihren Familien Wohlstand, Fruchtbarkeit bescheren können. Einzige Voraussetzung: Sie müssen sich zur ihrer Fähigkeit bekennen und reinigenden Ritualen unterziehen. Weigern sie sich, so bringen sie Verderben über ihre Familien. „ Es gibt Heerscharen von dubiosen Pastoren, die gegen gute Bezahlung böse Wassergeister ‚erkennen‘ und schmerzvoll austreiben. Sie verdienen mit ihrer fingierten Gabe sehr viel“, erklärt Adesuwa. Heute lebt die mittlerweile 28-Jährige fern vom Geisterglauben und verheiratet, mit neuem Namen – Joana Adesuwa Reiterer –, in Wien. Ihr Schicksal hat sie im Buch Die Wassergöttin. Wie ich den Bann des Voodoo brach niedergeschrieben: „Der Einfluss des Geisterglaubens ist in Nigeria sehr hoch. Persönliches ­Unglück wird auf feindselige Geister zurückgeführt. Wenn dann eine Frau ihre vermeintliche Bestimmung, etwa eine Wassergöttin zu sein, nicht akzeptiert, gerät sie in eine ausweglose Situation.“ Wie sie selbst.

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Ein „Priester“ tötet über einem Schrein ein Huhn. Die rituelle Schlachtung im „Voodoo-“Spital in Seko soll einen (gut zahlenden) Patienten von seinen Lähmungen kurieren.

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Die Nigerianerin Adesuwa wird bereits als Kind zur Hexe erklärt und zu qualvollen Exorzismusritualen gezwungen.

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Krankheiten, Schicksalsschläge oder Dürre – tausende Frauen und Kinder in Afrika werden als Unheilsbringer bezichtigt.

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Die Wassergöttin. Wie ich den Bann des Voodoo brach. Von Joana Adesuwa Reiterer. Knaur-Verlag, € 9,20.

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Die Hexe von Gushiegu. Wie afrikanischer Geisterglaube das Leben der Asara Azindu zertörte. Von Gerhard Haase-Hindenberg. Heyne-Verlag, € 20,60.

 

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