Voluntourismus: Was, wenn Hilfe mehr schadet, als sie Gutes tut?

Immer mehr Menschen reisen in den Globalen Süden, um dort ehrenamtlich zu arbeiten. Feel-Good-Tourismus boomt, nur: Wer profitiert am Ende wirklich von dieser Freiwilligenarbeit?

Weiße Frau liest Schwarzen Kindern vor und macht Selfie

"Can we go to the river, please?", fragt Malaki. Das "Please" dehnt er demonstrativ in die Länge. "Yes, river!", stimmt Hendry ein. Beide klammern sich an Davids Oberschenkel, wenig später setzt gut ein Viertel der hier lebenden Waisenkinder ein: "Ri-ver, ri-ver, river", fordern sie, klatschen dazu im Takt, in der Hoffnung, Betreuer David vom Nachmittagsausflug zu überzeugen. Die Kinder lieben ihn, das merkt man. Malaki, Sabrina, Neema, so gut wie alle der 41 Kinder haben einen guten Draht zu David. Nur Baby Leona, die zu dieser Zeit gerade mal ein gutes Jahr alt ist, fühlt sich bei den fix angestellten Waisenhauseltern Mama Christopher und Papa Elias wohler und traut den fremden Helferinnen und Helfern nicht ganz.

David ist 18, als er hier in Tansania - in der Steppe zwischen Mount Meru und Kilimandscharo gelegen - drei Monate lang als Betreuer in einem Waisenhaus arbeitet. Seinen "Horizont" erweitern wollte er, bevor später mit Studium und Job der Ernst des Lebens beginnt. "Ich hatte ehrlich gesagt im Vorhinein keine Ahnung, was ich in Tansania machen werde. Ich war Ersatz für jemanden, der ausgefallen ist", erzählt David heute, ein Jahr nach seinem Aufenthalt, retrospektiv. Aber er werde gerne ins kalte Wasser gestoßen, also war das okay für ihn. Ausbildung im Sozialbereich hatte er keine.

Urlaub mit gutem Gewissen

Sieht man sich sogenannten Voluntourismus genauer an, ist das keine Ausnahme bzw. im Vergleich noch fast eine Vorzeigesituation. Voluntourismus - aus Volunteering (zu Deutsch: Freiwilligenarbeit) und Tourismus - verbindet Reisen mit ehrenamtlichem Engagement und hat damit eine neue Branche geschaffen. "Wenn du willst, kombiniere mehrere Projekte oder Länder, engagiere dich zusammen mit ( ) der Familie oder als Gruppe", wirbt etwa die Organisation Project Abroad. Plätze fänden sich ohnehin immer und überall. In der Schule unterrichten, obwohl Freiwillige keine Expertise als Lehrkraft haben? Macht nix!

Keine Expertise, dafür Enthusiasmus

Oder wie Project Abroad schreibt: "Einige Freiwillige bringen konkrete Qualifikationen mit, viele einfach ihren Enthusiasmus!" Verwaiste Kinder betreuen - ohne Ausbildung? Scheint kein Problem zu sein. Auf der Webseite wird schnell klar: Im Vordergrund steht deine Erfahrung. "Du wählst selbst dein Zielland ( ) und entscheidest, wie lange der Aufenthalt dauern soll." Um den Rest kümmert sich der Anbieter, also "volle Verpflegung, Unterkunft", am Ende gibt es für alle ein "Zertifikat über den Aufenthalt, z. B. für Bewerbungen". Eine Woche Freiwilligenarbeit im medizinischen Bereich (ohne Ausbildung!) gibt's ab 1.845 Euro, exklusive Flug. Wer im Bereich "Menschenrechte" (ebenso ohne Vorkenntnisse) arbeiten möchte, muss 2.070 Euro hinblättern.

Voluntourismus boomt

Wie weit Anbieter für dieses lukrative Geschäft bereit sind, zu gehen, zeigte 2012 eine Reportage von Al Jazeera, die Missstände in kambodschanischen Waisenhäusern aufdeckte. Mittlerweile wurden in Kambodscha Erhebungen durchgeführt, und man weiß: In 406 (vermeintlichen) Waisenheimen leben 16.600 Kinder (Stand: April 2017). Kambodschas Regierung geht auf Basis von Schätzungen von Kinderschutzorganisationen davon aus, dass bis zu 80 Prozent dieser Kinder in Wahrheit Eltern haben. Unicef geht sogar von 85 Prozent Kindern aus, die von mindestens einem lebenden Elternteil getrennt werden, um Teil des Geschäfts Voluntourismus zu werden. Seit Fälle wie diese bekannt wurden, bekommt die Diskussion rund um die Arbeit in Waisenhäusern auch wissenschaftlich mehr Aufmerksamkeit.

Kinder erleiden Bindungsstörungen

In einer Sache sind sich alle bisherigen Studien, wie jene der Wissenschaftlerinnen Linda Richter und Amy Norman, einig: Weil sich die Kinder alle paar Tage oder Wochen auf neue Bezugspersonen einstellen und die Freiwilligen dann wieder verschwinden, sind Bindungsstörungen eine häufige Folge. "Die Kinder haben oft von ehemaligen Volunteers erzählt und gefragt, ob die wiederkommen", erinnert sich auch David und weiß rückblickend: "Psychologische Fachkräfte wären wichtig. Ich war in vielen Situationen, die ich vorher nicht kannte, überfordert." Das habe zwar seinen Horizont erweitert, den Kindern aber alles andere als geholfen: "Die sind ohnehin schon alle traumatisiert." Aber: Das Geschäft mit den traumatisierten Kindern funktioniert - zumindest für die zahlreichen Vermittlungsagenturen. Wir alle kennen die Marketingkampagnen mit Bildern, auf denen Weiße *mit Kindern in Waisenhäusern posieren. Nur: Der Globale Süden ist keine Instagram-Kulisse, und mit Waisenkindern zu arbeiten ist ein Job für Expert*innen, nicht für Tourist*innen.

Schaden Volunteers mehr, als sie helfen?

Bei solchen Kampagnenbildern - mit den großen Kulleraugen der Kinder und einem Slogan mit irgendwas wie "Welt ein Stück besser machen" - schrillen bei Niko Winkel die Alarmglocken. Vor sechs Jahren war er selbst mit Project Abroad für vier Monate als Volunteer in Tansania, oder wie er sagt: "Ich habe diese Scheiße selbst erlebt. Ich hatte das Gefühl, Volunteers richten mehr Schaden an, als sie helfen." Nach seiner Rückreise gründete er deshalb Volunteer Correct -eine Stiftung, die sich zum Ziel gesetzt hat, Transparenz und Rechenschaftspflicht bei der internationalen Freiwilligentätigkeit zu fördern. Winkel und sein Team haben Vermittlungsagenturen kritisch beleuchtet und eine Skala mit Guidelines zu nachhaltiger Freiwilligenarbeit erstellt (die Benchmark und Forschungsergebnisse aller Projekte sind online auf volunteercorrect.org einsehbar).

Oft ist ungewiss, wohin die Spenden fließen

Nachhaltig meint in dem Fall nicht nur im Sinne der Natur, sondern vor allem im Sozialen. "Es muss verantwortungsbewusst mit interkulturellem Austausch umgegangen werden. Dazu kommt: Manche Organisationen sind viel zu teuer, und es ist nicht transparent, wohin das Geld fließt", so Winkel. Zugleich vermittelt Volunteer Correct selbst ehrenamtliche Helfer*innen und will zeigen, wie es besser geht. Ein zentraler Aspekt dabei: "Über uns wird niemand in ein Waisenhaus vermittelt", stellt Winkel klar. Generell sollten Volunteers niemals in eine Betreuungsrolle gesteckt werden. Viel eher sollten Helfer*innen immer unter Supervision von Locals arbeiten - auch in dem Bereich ihrer Expertise. Expertise und Ausbildungen sind bei Volunteer Correct ohnehin Voraussetzungen für Auslandsaufenthalte, denn privilegiert sein alleine reicht "nur" für finanzielle Spenden, die in den meisten Fällen ohnehin sinnvoller wären.

Kommunikation muss auf Augenhöhe passieren

Angehende Volunteers glauben oft, sie könnten mit ihrer bloßen Anwesenheit und ihrem westlichen Weltbild helfen. Dabei geht es bei interkulturellem Austausch genau darum, auf Augenhöhe zu kommunizieren und sich auf Supervision von Locals einzulassen: "Du weißt nicht, wie das System an einem anderen Ort der Erde funktioniert. Es gibt Gründe, warum Abläufe so sind, wie sie sind - obwohl du es anders machen würdest. Aber damit drückst du Locals deine westliche Perspektive auf. Du überspringst damit alle interkulturellen Aspekte und Verantwortungen; die Basis, um zu verstehen, warum Dinge so ablaufen, wie sie ablaufen", erklärt Winkel. Das sei der Grund, weshalb bei Volunteer Correct niemand ohne intensives Training abreist. Es muss vor der Abreise klar sein: Die Kommunikation mit Akteur*innen im Globalen Süden muss auf Augenhöhe passieren und darf nicht ungleiche Machtverhältnisse und Abhängigkeiten reproduzieren.

Wer profitiert von der Freiwilligenarbeit?

Trotz alledem bleibt am Ende immer noch die Frage: Wer profitiert mehr - die Volunteers, die eine gute Geschichte erzählen und in den Lebenslauf schreiben können, oder die Menschen vor Ort? "Wahrscheinlich ich selbst, um ehrlich zu sein", sagt er heute. Obwohl die Kinder schon auch von ihm profitiert hätten, fügt er hinzu: Sie hatten so eine enge Bindung zu ihm, dass sie intime Dinge mit ihm besprochen hätten. Eine der Jugendlichen habe sich sogar bei ihm zum allerersten Mal geoutet - kurz bevor David und seine Volunteer-Kollegin abreisten und die nächsten Helfer*innen für drei Monate ins Waisenhaus einzogen. Dieses Profitieren der Kinder erübrigt sich damit, in Kontakt zu bleiben war quasi unmöglich. "Mittlerweile haben die Kinder im Waisenhaus ein Gemeinschaftshandy bekommen", erzählt David. Das weiß er, weil "sie mir seit zwei Monaten fast jeden Tag schreiben". Wie es ihm geht, was er denn so macht, wollen sie dann wissen, am besten mit Fotos. "Sie fragen auch immer, wann ich wiederkomme." Und dann schickt David Fotos von sich -wie er mit Freunden unterwegs ist, wie er an einem "River" in Österreich baden ist. Die Frage nach dem Wiedersehen lässt er offen - als Antwort von den Kindern bleibt ein: "Looks so nice. You sleep very good tonight. We miss you so much!"

Fragen, die man sich stellen sollte, bevor man sich im Globalen Süden ehrenamtlich engagiert:


»HABE ICH EXPERTISE? Und: Bringt meine Expertise für Locals einen Mehrwert - oder ergibt sich der vermeintliche Mehrwert aus einer westlichen Weltanschauung heraus?

»KANN MEIN BEITRAG AUCH VON LOCALS GELEIS-TET WERDEN? Das heißt in weiterer Folge auch: Ersetze ich durch meine Stelle einen Arbeitsplatz von Locals?

»WIE LANGE MÖCHTE ICH FREIWILLIGENARBEIT LEISTEN? Und ergibt diese (vielleicht nur sehr kurze) Dauer in dem Aufgabenbereich Sinn?

»WIE STEHT ES UM DIE FINANZIERUNG DER REISE? Und ist mein Einsatz vor Ort so viel wert, oder wäre der Betrag in Form einer finanziellen Spende besser investiert? ("In den meisten Fällen: Zweiteres", so Niko Winkel von Volunteer Correct.)

TIPPS: Der Blog DeeperTravel beleuchtet Voluntourismus kritisch und gibt Volunteers einen Leitfaden. Better Volunteering -Better Care hat eine Petition gegen Waisenhaus-und Kinderheimtourismus gestartet -Unterschriften können unter avaaz.org eingereicht werden!

 

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