Voller Körpereinsatz: So war mein erstes Mal bei einer "Kuschelparty"

Unser Kollege Ljubiša geht einmal im Monat "auf Lepschi" und schaut sich an, wie vielfältig in Wien gelebt und gefeiert wird. Diesmal war er bei einer Kuschelparty, wo man sich nicht durch Reden, sondern durch Körperkontakt kennenlernt.

Normalerweise gibt es bei zwischenmenschlichen Dingen eine fixe Reihenfolge: Du gehst fort. Du lernst wen kennen. Vielleicht trinkt ihr was miteinander. Und wenn ihr einander gefallt, geht ihr zusammen nach Hause - und irgendwann hast du dann wen, mit dem du beim Netflix-Schauen auf der Couch kuscheln kannst. So läuft es schon seit Menschengedenken. Dann brachte uns der Fortschritt den Swingerclub - für alle, die keinen Bock auf Unterhaltung oder auf Netflix-Abende haben. Und dann kam der Tag, da brachte er uns: die Kuschelparty.

Auf Kuschelkurs

Wie jeder Fortschritt kommt auch dieser aus den USA, wo irgendwelche Wissenschaftler auf die wundersame Kraft des Kuschelns gestoßen sind. Ich versuche jetzt, cool zu klingen, aber ehrlich gesagt besteht der Nachmittag, an dem ich mich auf meine erste Kuschelparty vorbereite, hauptsächlich daraus, dass ich mit nervöser Blase aufs Klo renne.

Ausgesprochen entschlackt erreiche ich also gegen 18 Uhr die Kuschellokalität in Ottakring. Der Raum sieht nach Yoga aus, und gleich zu Beginn werden wir in einem Sitzkreis in die Grundsätze des konsensualen Kuschelns eingeführt: "Ja heißt ja, nein heißt nein, und wenn euch ein Vielleicht auf den Lippen liegt, dann lieber Nein sagen", erklärt unsere Kuscheltrainerin Andrea. Außerdem bleibt die Kleidung an und erogene Zonen sind tabu. Klingt vernünftig. Trotzdem bleiben noch ungeklärte Fragen. Es ist Winter und ich habe ernsthafte Bedenken wegen der Bazillen von meinen knapp 30 potenziellen Kuschel-Gegenübers. Gibt es eigentlich so etwas wie Safer Kuscheln? Während ich über Gummihandschuhe und Desinfektionsmittel nachdenke, geht es auch schon los.

Streicheleinheiten

Nach kurzem Aufwärmen nehme ich mit verbundenen Augen auf einer Matratze Platz und werde von vier Händen betastet. Die Übung nennt sich "Verwöhnprogramm". Mit "Ja","Nein" oder aufmunternden Lauten sollen wir lernen, Feedback zu geben. Ich hoffe nur, dass meine aufmunternden Jas nicht zu creepy klingen.

Als Nächstes bin ich an der Reihe. Während ich die Waden eines kräftigen Mittdreißigers knete, lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen. Die Intensität der "Verwöhnungen" reicht von schüchternem Herumtasten bis zu zwei Typen, die auf ihrer Verwöhnklientin praktisch draufliegen -die drei wirken geradezu selig. Stammkunden wahrscheinlich.

Nach drei Stunden geht der Abend ohne Verstöße gegen den Kuschelkonsens zu Ende. Als ich wieder auf die Straße trete, weiß ich nicht so recht, was ich davon halten soll. Irgendwie hätt ich doch gern einfach ein Bier getrunken und ein bisschen geredet.

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